Die USA setzen unter Präsident Donald Trump neue Maßstäbe im globalen Wettkampf um digitalen Wohlstand und innovationsgetriebene Technologieführerschaft. Europa droht hingegen den Anschluss an zukunftsweisende Technologien zu verlieren. Während der alte Kontinent weiter als Weltmeister in der Regulierung von Chancen durch neue Technologien auftritt, präsentieren sich die Vereinigten Staaten von Amerika als Weltmeister in der Förderung von Chancen. Der aktuelle Befund ist dramatisch, aber nicht unumkehrbar.

Deutschland und Europa haben es selbst in der Hand, die Voraussetzungen für mehr Wohlstand durch Innovationen zu schaffen. Zwar sprechen Politiker immer wieder über die Bedeutung von Innovationen und Digitalisierung für die Zukunft Europas. Doch meistens fehlt ihnen der Mut, ein innovationsfreundliches Umfeld zu schaffen.

Unsere eigene Unternehmensgeschichte illustriert die Chancen, die der Glaube an Innovationen bietet. Innerhalb von zehn Jahren hat sich N26 von einem kleinen Berliner Start-up zu einem der größten Digitalunternehmen Europas entwickelt. Digitalunternehmen wie Zalando, GetYourGuide, Celonis oder N26 zeigen ebenso, welches Potenzial in innovativen Unternehmen steckt.

Um diese Stärke in einem zunehmend wettbewerbsintensiven globalen Umfeld ausspielen zu können, braucht es eine Kultur, in der die Chancen von Innovationen höher gewichtet werden als potenzielle Risiken. Vorfahrt für Innovationen sollte zur Handlungsmaxime der nächsten Bundesregierung werden.

Europa ist für ausländische Spitzenkräfte ein attraktiver Standort. Ein Gesundheitssystem mit herausragender Medizinversorgung gehört ebenso zu den Stärken Europas wie eine vergleichsweise hohe Sicherheit, eine ausgeprägte kulturelle Vielfalt sowie breite Ausbildungsmöglichkeiten.

Vorsprung durch Digitalisierung

Innovative Digitalunternehmen sind auf die Zuwanderung von ausländischen Spitzenkräften angewiesen. Gleichzeitig haben internationale Arbeitskräfte hohe Erwartungen, gerade mit Blick auf den Grad an Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung.

Wir sollten uns hier nicht mit dem Status Quo begnügen, sondern uns an den Spitzen-Nationen weltweit orientieren. Zu oft höre ich Argumente, warum die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung nicht vorangeht: komplizierte föderale Kompetenzen, mächtige Interessenvertretungen, Gewerkschaften oder komplexe europäische Regelungen.

Für ausländische Spitzenkräfte zählen solche Ausreden nicht. Wir müssen den Anspruch haben, Weltspitze in der Digitalisierung der Verwaltung zu werden.

Deutschland könnte hier eine Vorreiterrolle in Europa spielen. Die Expertise ist längst im Land. Vorsprung durch Digitalisierung bedeutet nicht nur einen Standortvorteil, Deutschland würde zudem massiv Kosten sparen.

Ein Beispiel: In der deutschen Verwaltung sind aktuell rund 5,3 Millionen Staatsdiener beschäftigt, 800.000 mehr als noch im Jahr 2008 – trotz demografischer Entwicklung und digitalem Fortschritt.

Ein eigenes Innovationsministerium würde zudem helfen, die Verantwortlichkeiten für Forschung und Digitalisierung zu bündeln und echte Expertise aufzubauen. So könnten bestehende infrastrukturelle Hürden effektiver abgebaut werden, während sich andere Ressorts wie Verkehr und Bildung auf ihre Kernaufgaben konzentrieren können.

Mitarbeiterbeteiligungen erleichtern

Zusätzlich braucht es Reformen, damit sich Leistung überproportional bei Spitzenkräften bemerkbar macht. Ein wichtiges Instrument sind Mitarbeiterbeteiligungen: Gewinne aus sogenannten Employee Stock Ownership Plans (ESOP) sollten nach amerikanischem Vorbild, wie auch schon in Frankreich, nicht als Einkommen, sondern als Kapitalerträge und damit niedriger besteuert werden, um Talente langfristig binden zu können.

Politiker in Europa sprechen überwiegend davon, Top-Verdiener noch stärker zu besteuern, statt die Spitzensteuersätze signifikant zu senken. Die harte Wahrheit ist jedoch, dass man in Europa schon ab vergleichsweise niedrigen Gehältern zu der Gruppe der Spitzenverdiener zählt. In Deutschland sind es 45 Prozent ab einem Einkommen von knapp 278.000 Euro.

Unsere Steuersätze für Spitzenkräfte sind weltweit nicht wettbewerbsfähig: In den USA liegt der Spitzensteuersatz bei 39,6 Prozent – allerdings erst ab einem Einkommen von 578.000 US-Dollar. In Singapur zahlen die Bürger einen Spitzensteuersatz von 24 Prozent, in Estland nur eine Flatrate von 20 Prozent.

Einige EU-Staaten haben den Vorteil niedriger Steuern erkannt und zeitlich begrenzte Steuererleichterungen für ausländische Spitzenkräfte eingeführt. So zahlen Fachkräfte aus dem Ausland in Portugal über zehn Jahre nur einen ermäßigten Steuersatz von pauschal 20 Prozent. In Spanien, wo wir eines unserer größten Entwicklungsbüros betreiben, gilt ebenfalls ein reduzierter Steuersatz für Arbeitskräfte anderer Nationalität von pauschal 24 Prozent.

Eine vergleichbare Flat Tax für ausländische Facharbeiter würde Deutschland im globalen Wettbewerb um Spitzenkräfte deutlich attraktiver machen. Gleichzeitig muss die Zuwanderung von hoch qualifizierten Menschen deutlich erleichtert werden – unter anderem durch einfache und schnellere Visaverfahren.

Deutschland sollte die Aktienkultur fördern

Ergänzend sollte Deutschland die Aktienkultur fördern. Andere europäische Länder machen es vor, beispielsweise Spanien. Dort gilt nach einer einjährigen Spekulationsfrist nur noch ein stark reduzierter Steuersatz von 18 Prozent auf Aktiengewinne. In Deutschland sind es 25 Prozent – plus Solidaritätszuschlag.

Auch die Einführung eines kapitalmarktorientierten Vorsorgesystems nach dem Vorbild der USA ist sinnvoll. Dies könnte nicht nur Milliarden Euro an zusätzlichem Kapital mobilisieren, sondern auch einen Beitrag zur Schließung der Rentenlücke leisten.

Die Idee einer Aktienrente sollte von der nächsten Bundesregierung als eine der ersten Amtshandlungen umgesetzt werden. Weiterhin wäre es sinnvoll, steuerliche Anreize für institutionelle Investoren zu schaffen, um insbesondere grenzüberschreitendes Risikokapital zu fördern.

Ein Markt, mehr Kapital

Neben diesen Reformen braucht es ein gezieltes Streben nach Größe und Tempo. Tesla, Amazon und Google sind auch deshalb zu globalen Tech-Giganten aufgestiegen, weil sie in kurzer Zeit sehr stark wachsen konnten. Der Wunsch, möglichst schnell etwas möglichst Großes zu schaffen, ist Teil der amerikanischen Kultur.

In Europa ist diese Haltung nicht sonderlich ausgeprägt. Dabei wären die Chancen für Challenger-Unternehmen noch größer, wenn sich Europa insgesamt zu innovationsfreundlichen Rahmenbedingungen verpflichten würde. Ein einheitlicher EU-Binnenmarkt und eine europäische Kapitalmarktunion sind die Schlüssel, um innovative Unternehmen schnell wachsen zu lassen.

Fragmentierte nationale Vorgaben in der Bankenbranche – beispielsweise bei der Aufnahme neuer Kunden, bei der Bekämpfung von Geldwäsche oder im Steuerrecht – sind eine schwere Hürde für Fintech-Unternehmen, die in Europa erfolgreich sein wollen. Um die europäische Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu stärken, sollte Deutschland innerhalb der EU eine führende Rolle übernehmen, um harmonisierte Regelungen zu schaffen, die eine grenzüberschreitende Expansion von innovativen Unternehmen erleichtern.

Deutschland und die neue Bundesregierung stehen an einem entscheidenden Wendepunkt. Ob unser Land auch in den kommenden Jahrzehnten eine führende Rolle in der globalen Technologie- und Wirtschaftswelt spielen wird, hängt von den Entscheidungen der heutigen Politik ab. Innovationen wurden in der Vergangenheit zu oft als Risiko verstanden, die erst einmal gründlich reguliert werden müssten, bevor sie sich entfalten können.

Diese Haltung müssen wir überwinden, wenn wir die Chancen erkennen und nutzen wollen, die Innovationen uns bieten. Jetzt ist die Zeit, optimistisch nach vorn zu blicken und die Weichen für eine erfolgreiche digitale Transformation zu stellen.

Valentin Stalf ist seit der Gründung von N26 im Jahr 2013 Chef der Internetbank. Er stammt aus Wien. Nach seinem Wirtschaftsstudium in St. Gallen heuerte er bei der Berliner Start-up-Fabrik Rocket Internet an.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke