In einer der wichtigsten Personalien dieser Saison scheitert der FC Bayern bislang an sich selbst. Der Umgang des Weltklubs mit dem Fall Thomas Müller in diesen Tagen ist alles andere als ideal. Er ist der Vereinslegende gegenüber unwürdig. Und wirft ein schlechtes Licht auf die Führung des Fußball-Rekordmeisters. Die hat offenbar die Kontrolle über die so wichtige und sensible Personalie verloren.
Dem FC Bayern fehlt in dieser Angelegenheit offensichtlich das Timing und das Fingerspitzengefühl. Es ist kein gutes Managen der Situation um den Publikumsliebling. Bereits vor der Saison war klar, dass die Vertrags-Diskussion um Thomas Müller diese Spielzeit prägen und brisant werden dürfte. Müller ist seit 25 Jahren, seit der D-Jugend, im Verein, gewann mit dem Klub zweimal die Champions League und zwölfmal die Deutsche Meisterschaft (Rekord). Diese nun könnte seine letzte Saison sein, am 30. Juni endet sein Kontrakt – alle im Klub wussten um die Brisanz. Und doch haben sie es bis zur „Crunchtime“, der entscheidenden Saisonphase im April und Mai, nicht hinbekommen, für Klarheit zu sorgen.
Stattdessen ließ der Klub es zu, dass die Entwicklung um den Weltmeister eine Eigendynamik annahm, die beiden Seiten nicht guttut. Immer noch ist offiziell unklar, ob Müller einen neuen Vertrag bekommt. Oder seine Karriere als Spieler des FC Bayern im kommenden Sommer im Alter von 35 endet. Der Klub muss sich die Frage stellen: Wie kann das sein?
So darf ein Verein einen so alteingesessenen und besonderen Spieler, wie Müller es ist, nicht behandeln. Wieder einmal zeigt der FC Bayern Schwächen beim Ende einer Ära eines verdienten Spielers; bei Bastian Schweinsteiger war es vor dessen Wechsel zu Manchester United vor zehn Jahren emotional ebenfalls schwierig, damals gab es von den eigenen Fans Pfiffe für die Klubführung.
Natürlich geht es auch ums Geld
Jetzt Thomas Müller. Noch im vergangenen Januar sagte Sportvorstand Max Eberl, ein Gespräch mit Müller werde das kürzeste überhaupt. Müller könne quasi selbst und ohne lange Verhandlungen entscheiden, wie es weitergeht. Und nun, drei Monate später, ist das wohl nicht der Fall. Müller wurde offenbar kein wirkliches Vertragsangebot unterbreitet. Kein Wunder, dass dieser irritiert ist, wie zu hören und zu lesen ist. Der einstige Nationalspieler muss auch aus Medien erfahren, dass der Aufsichtsrat offenbar fest davon ausgeht, dass der Spieler keinen neuen Vertrag erhält.
Natürlich geht es ums Geld. Mit Müller nicht weiterzumachen – dafür gibt es sportlich und wirtschaftlich durchaus Argumente. Er spielt nur noch wenig, im Sommer dürften neue Spieler dazukommen, die neue Generation soll die Achse der Mannschaft bilden, und der Klub muss und möchte an mancher Stelle sparen.
Doch es geht bei Müller um viel mehr als einen Spieler, der sehr gut verdient. Es geht um die Wertschätzung gegenüber einem der Größten im deutschen Fußball, um ein Gesicht des Vereins, mit 742 Einsätzen ist er Rekordspieler. Um ein Stück Deutschland – Müller prägte die vergangenen 17 Jahre über den Sport hinaus, mit Sprüchen, aber auch mit dem Eintreten für Werte wie Zusammenhalt. Im Winter seiner Karriere bedarf es bei einem besonderen Spieler besonderer Sorgfalt und Feinfühligkeit.
Auch Müller ließ sich offenbar phasenweise Zeit mit einer Entscheidung, wie er sich seine nähere Zukunft vorstellt. Doch die Verantwortung hier liegt vor allem beim Klub. Der FC Bayern hat es verpasst, in dieser Personalie rechtzeitig für Klarheit zu sorgen. Und mit Müller gerade in der öffentlichen Darstellung gemeinsam vorzugehen. In Anbetracht der aktuellen Situation voller Gerüchte und Berichten stellt sich die Frage, inwiefern der Aufsichtsrat und der Sportvorstand des Klubs mit einer Stimme sprechen und kommunizieren.
Unruhe vor den Viertelfinals gegen Inter Mailand
Die Bayern müssen nun alles tun, um wieder Würde in die Personalie bekommen. Der Klub und Müller müssen so bald wie möglich die Zukunft des Weltmeisters klären. Idealerweise noch vor den wichtigen Viertelfinals der Champions League gegen Inter Mailand. Ansonsten hält die Unruhe an. Und der Umgang mit Legende Thomas Müller wird noch unwürdiger.
Der FC Bayern muss es unbedingt vermeiden, dass die vergangenen Tage zu einem Zerwürfnis mit Müller führen. Er muss die Wogen glätten und die Ikone langfristig an sich binden. Nicht (mehr) als Spieler. Sondern in verantwortlicher Position.
Die Klubbosse haben recht, wenn sie seit Jahren betonen, dass Müller ideal ist, um einen wichtigen Posten in der Klubführung zu übernehmen. Sie werden von den Fans daran gemessen, ob sie ihren Worten Taten folgen lassen.
Julien Wolff ist Sportredakteur. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren aus München über den FC Bayern und die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen und wird gegen Inter Mailand im Stadion sein.
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