Granit Xhaka gerät mit den eigenen Fans aneinander, die Bayer-Stars schimpfen auf sich selbst: Die Enttäuschung beim haushohen Favoriten ist groß nach der Blamage im DFB-Pokal-Halbfinale bei Drittligist Arminia Bielefeld. Robert Andrich wird sehr deutlich.
Xabi Alonso war eingefroren. Dabei war das an diesem Dienstagabend eigentlich unmöglich gewesen. Die "Alm" in Bielefeld kochte. Die heimische Arminia, ein ambitionierter Drittligist, hatte Doublesieger und den haushohen Favoriten Bayer 04 Leverkusen gerade aus dem Halbfinale des DFB-Pokals geworfen, da war der Spanier eingefroren. Reglos stand er an der Seitenlinie und schaute auf das, was passierte. Seine Spieler schüttelten fassungslos die Köpfe, die Fußballer der Arminia rannten sich die Freude über die Sensation aus den Knochen. Dabei waren sie zuvor schon so wahnsinnig viel gerannt. Aber Endorphine schaffen eben unendliche Energie. Und mit dieser war Bayer in über 90 Minuten aufgefressen worden (2:1).
Das, was die Leverkusener erlebten, war nicht das, was im DFB-Pokal so oft schon geschehen war. Der Favorit dominierte nicht, er wurde nicht ausgekontert. Der Favorit wurde an diesem Abend einfach hergespielt, von einer gnadenlos heißen Mannschaft beackert. Ohne jede Atempause. "Das war das mit Abstand schlechteste Spiel in dieser Saison. Wir haben alles vermissen lassen, wo wir stark sind. Wir haben es nicht geschafft, uns vorne durchzusetzen und haben hinten einfache Fehler gemacht. Wir haben es verkackt", schimpfte DFB-Spieler Robert Andrich in der ARD, während Mittelfeldinstanz Granit Xhaka gestenreich versuchte, die aufgebrachten Fans wieder zu beruhigen. Aber wie sollte das gelingen? Leverkusen hatte seine beste Titelchance weggeworfen.
Nach der gigantischen letzten Saison, in der nur das Finale der Europa League verloren gegangen war, droht nun wieder eine titellose Spielzeit. In der Champions League war der FC Bayern zu stark, im Pokal die Arminia (!) und in der Bundesliga muss schon sehr viel passieren, damit die Meisterschaft noch verteidigt werden kann. Der FC Bayern hat sechs Punkte Vorsprung - allerdings auch kaum noch Abwehrspieler. Nun ja.
"Ich muss Arminia gratulieren, sie haben besser gespielt"
Die Alm bebte, sie kochte und irgendwann taute Xabi Alonso wieder auf. Ob er das wirklich wollte? Man weiß es nicht. Womit er sich trösten kann: Mit Union Berlin, dem SC Freiburg und zuletzt Werder Bremen waren zuvor schon drei andere Klubs aus der höchsten deutschen Spielklasse in Bielefeld blamiert worden. Xabi Alonso bemühte sich, seinen Ärger über das Fiasko möglichst nett zu verpacken und sagte: "Alle sind enttäuscht. Ich muss Arminia Bielefeld gratulieren, sie haben besser gespielt. Wir sind enttäuscht. Das ist Fußball."
Was an diesem Abend tatsächlich irritierend war: Bayer Leverkusen war nahezu chancenlos. Bayer Leverkusen hatte keine Idee, wie dieses Spiel zu gewinnen war. Auch nicht nach dem frühen 1:0 durch Jonathan Tah, der eine von Assistenztrainer Sebastian Parrilla einstudierte Ecke veredelte. Amine Adli hatte am kurzen Pfosten verlängert, Tah am langen Pfosten abgestaubt. Das sah gut aus. In der Entstehung und als Perspektive für den weiteren Spielverlauf. Xabi Alonso fiel seinem Co-Trainer erleichtert um den Hals.
Doch nur zwei Minuten später war es vorbei mit dem Glück der Gäste. Für den Rest des Abends, was aber noch keiner wissen konnte: Im Bayer-Strafraum kam einiges zusammen, ehe der Ball vor den Füßen von Marius Wörl und dann hinter Lukas Hradecky landete. Der erfahrene Keeper hatte den Vorzug vor Pokal-Torwart Matej Kovar bekommen, der zuletzt einige Mal gepatzt hatte. Xabi Alonso begründete den Wechsel auf der sensiblen Position mit der größeren Erfahrung des Finnen.
Ohne Wirtz geht nix
Bayer suchte nach einer Antwort, fand aber keine. Ohne Florian Wirtz ist das kreative Defizit unübersehbar. Was war beim FC Bayern zuletzt viel darüber diskutiert worden, wie abhängig die Mannschaft von Jamal Musiala ist. In Leverkusen ist das Problem kaum kleiner, obwohl auf der Alm eine Elf auf dem Platz steht, die alle Qualitäten hatte: Jeremie Frimpong als Tempospieler, Alejandro Grimaldo als herausragender Techniker, Xhaka und Andrich als kampfstarke Anführer, Jonathan Tah als einer der besten Abwehrspieler Europas. Doch sie alle ließen sich von der Arminia komplett entnerven, fanden gar keine Ruhe. Das, was Bayer sonst auszeichnet, war an diesem Abend eine große Schwachstelle. Bielefeld fing fast jeden Angriff ab, schnappte sich die zweiten Bälle und war immer einen Schritt voraus. Nichts gelang den Leverkusenern. Nordi Mukiele und Piero Hincapie waren gegen das Tempo der Bielefelder, allen voran Noah Sarenren Bazee, phasenweise mächtig überfordert. Nach der Pause stellte Maximilian Großer auf 2:1, die Alm eskalierte und Xabi Alonso flüchtete in die Kabine.
Dort aber fand er offenbar nichts. Leverkusen blieb unerklärlich harmlos und fehlerhaft. Hatte kaum Chancen, die Partie zu drehen. Xabi Alonso rannte fassungslos seine Coaching-Zone auf und ab, gestikuliere, doch seine Spieler verstanden nicht. Er ging sogar All-in, brachte mit Victor Boniface einen zweiten Sturmbullen, doch der war näher an einem Platzverweis als an einem Tor.
Die Arminen stürmten weiter munter drauflos und ließen beste Chancen ungenutzt. Die Alm bebte, sie zitterte. Coach Mitch Kniat hielt aber an seinem Plan fest, bloß jetzt nicht Angst bekommen und hinten reinstellen. Man weiß, was dann passiert: Bayer erdrückt seine Gegner und schlägt spät, sehr spät, unverschämt spät, zu. Nicht dieses Mal. Einmal prallte ein Kopfball von Patrik Schick an den Pfosten, einmal parierte Jonas Kersken ebenfalls einen Kopfball von Mukiele. Mehr war's nicht, was Bayer zustande brachte. "Wir müssen ehrlich sein: Selbst gegen einen Drittligisten war das viel zu wenig", sagte der aufgebrachte Andrich bei Sky und befand später noch: "So gewinnst du gegen keine Mannschaft der Welt."
Und jetzt? Wut und Zweckoptimismus bei der Werkself, alle Kraft auf den Meisterkampf: "Wut und Enttäuschung sind auch Emotionen, die man in etwas Gutes verwandeln kann", sagte Kapitän Hradecky. Sieben Spiele stehen noch aus. "Alles reinwerfen und gucken, was passiert", sagte Hradecky: "Wir haben ganz andere Ansprüche." Diese jedoch hatten sie auf der Alm sorglos weggeworfen.
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