Am frühen Montagmorgen, rund 24 Stunden nach seiner Entlassung, fuhr Marco Rose noch mal an seiner alten Arbeitsstätte vor. Der Ex-Leipzig-Trainer lief durch alle Abteilungen, verabschiedete sich von den RB-Mitarbeitern mit den Worten, „sie sollen alle auf sich aufpassen“. Es folgten emotionale öffentliche Worte, die der Klub in einem Statement verbreitete.

„Verabschieden brauch' ich mich nicht, wir sehen uns im Stadion oder in der schönsten Stadt der Welt“, schrieb der 48-Jährige: „Ich bin mehr als dankbar liebe Fans, für das gemeinsam Erlebte und Eure außergewöhnliche Unterstützung für uns und mich in den letzten Wochen und Monaten.“

Dass Rose ein guter Mensch ist, der als geborener Leipziger und Fan-Liebling bestens zum Klub gepasst hat, darin sind sich alle einig. Als Trainer jedoch war er nach zweieinhalb Jahren am Ende und musste trotz seines Vertrages bis 2026 nach dem 0:1 in Gladbach vorzeitig gehen. Für ihn übernimmt interimsmäßig bis Sommer Zsolt Löw den Posten.

Die Gründe, woran Rose scheiterte, sind vielfältig.

Keine sportliche Weiterentwicklung: Der gute Saisonstart (Platz 2 am 10. Spieltag) täuschte, weil die Spiele größtenteils durch individuelle Qualität gewonnen wurden. Taktisch jedoch war bis zuletzt kaum Entwicklung sichtbar. Der passive und torarme Fußball gefiel den Bossen überhaupt nicht. Sie wollen Spektakel sehen. Als Ausrede dienten Durchhalteparolen: Erst hoffte man auf weniger Verletzte, dann auf mehr Trainingszeit. Zuletzt sagte Rose, er hätte für die Spannung gerne lieber wieder eine Englische Woche gehabt. Die Entwicklung vieler junger Spieler, die für Geldgeber Red Bull auch eine Wertanlage sind, stagnierte. Kein Spieler ist wirklich besser geworden. Junge Talente seien nicht wirklich gefördert worden. Gerade ist El Chadaille Bitshiabu gesetzt, dafür ist Castello Lukeba außen vor.

Klubverantwortlichen fehlte die Leidenschaft

Unglückliche Außendarstellung: Rose habe nicht mehr wirklich Energie ausgestrahlt, heißt es aus dem Klub. Man habe nun einen neuen Impuls, eine neue Ansprache gebraucht. Doch auch zuvor waren die Bosse unzufrieden mit seinem Auftreten. Bei Themen, die Red Bull wichtig sind, äußerte sich Rose oft unvorteilhaft. Dass die Schiedsrichter VAR-Eingriffe neuerdings über das Stadion-Mikro erklären, ist für Rose nur der „neueste Scheiß aus Amerika“. Auch bei der USA-Reise im vergangenen Jahr hätte man sich mehr Leidenschaft gewünscht.

In Leipzig wurde ihm nachgesagt, was schon bei seinen früheren Stationen Gladbach und Dortmund der Fall war: Rose sei stur und dickköpfig, stehe sich dadurch selbst im Weg. Laut „Sport Bild“ soll der Klub im Winter über einen weiteren Co-Trainer als neuen Impuls nachgedacht haben. Rose soll das aber abgelehnt haben. Interessant ist auch, dass vergangenen Mittwoch vor dem Gladbach-Spiel Jürgen Klopp als „Head of Global Soccer“ zur Mannschaft in Leipzig gesprochen hatte. Um sich vorzustellen und sie auf den Saisonendspurt einzuschwören. Doch dann, anders als besprochen, musste anschließend auch noch Rose das Wort ergreifen. Das hätte es gar nicht noch gebraucht, Klopps Worte sollten nachhallen. Doch auch Rose forderte seinen Raum ein. Eine Aktion, die bei sehr vielen im Klub nicht gut angekommen sein soll.

Baustelle Kader: Auch die Mannschaft, immerhin die drittwertvollste der Liga nach Bayern und Leverkusen, ist nach dem Trainerwechsel jetzt in der Pflicht. Dafür, dass Rose so eine enge Bindung zu seinen Spielern gehabt haben soll, ließen ihn viele ganz schön hängen. Dazu gibt es viele Schwachstellen: Großen Konkurrenzkampf gab es durch den schmalen Kader, den Rose im August mit abgesegnet hat, nicht. Ein Problem in der zu flachen Team-Hierarchie: Xavi Simons, der von ganz großen Klubs träumt, bleibt ein Schatten und fällt mehr durch schlechte Körpersprache auf. Der Weggang von Dani Olmo (FC Barcelona) konnte spielerisch nicht kompensiert werden. Auch Emil Forsberg (Klubfiliale in New York) fehlt in der Kabine als Führungsspieler. In den nächsten drei Transferperioden soll der Kader deshalb umstrukturiert werden und die Mannschaft eine neue Achse bekommen.

Simons, Openda und Sesko als Verkaufskandidaten

Zunächst sollen aber die letzten beiden Saisonziele noch erreicht werden. In der Bundesliga steht Leipzig auf Tabellenplatz sechs, drei Punkte trennen die Sachsen vom Minimalziel Rang vier. Dieser berechtigt zur Teilnahme an der Champions League und wird derzeit von der Überraschungsmannschaft von Mainz 05 belegt. Für Leipzig ist die Qualifikation für die Königsklasse nicht nur finanziell und sportlich wichtig. Ein Verpassen dürfte auch die Kaderplanungen erschweren. Formschwache Stars wie Xavi Simons und Lois Openda sind im Sommer ebenso wie Benjamin Sesko ohnehin Verkaufskandidaten.

Der Umschwung in der Liga muss nun schnell erfolgen – mit der TSG Hoffenheim, dem VfL Wolfsburg und Holstein Kiel warten drei lösbare Aufgaben in Serie, ehe es am Saisonende noch einmal deutlich komplizierter wird. Dann stehen mit Eintracht Frankfurt, dem FC Bayern und dem VfB Stuttgart andere Kaliber auf dem Plan. Der letzte Gegner der Saison ist damit auch der nächste.

Leipzig kann in dieser Spielzeit nämlich noch einen Titel gewinnen. An diesem Mittwochabend trifft die Mannschaft im Halbfinale des DFB-Pokals (20.45 Uhr, im Sport-Ticker der WELT) auf Stuttgart. Zsolt Löws Aufgabe ist es zunächst, der Mannschaft wieder Leben einzuhauchen. Der 45-Jährige soll laut Sportchef Marcel Schäfer den Fußball nicht neu erfinden. „Es geht darum, unsere Stärken in den Vordergrund zu stellen, neuen Wind und neue Energie reinzubringen“, sagte Schäfer. Die Mannschaft solle mehr Esprit auf dem Platz zeigen.

Die Baustelle Kader wird Schäfer dann mit dem neuen Cheftrainer beackern. Für Löw ist nach der Saison wieder Schluss, er kehrt mit seinem Assistenten Peter Krawietz zurück in das Team des globalen Fußballchefs Klopp. Schäfer bleiben somit gut zweieinhalb bis drei Monate, um einen neuen Boss an der Seitenlinie zu finden.

Spekulationen um Löws Nachfolge gibt es bereits. Oft fiel der Name Roger Schmidt, der ab Sommer verfügbar wäre. Andere Kandidaten stehen unter Vertrag, Optionen für attraktiven und erfolgreichen Fußball wären Oliver Glasner (Crystal Palace) und Fabian Hürzeler (Brighton). Hier wäre eine Ablöse fällig, die Leipzig bis zu einer bestimmten Höhe wohl sogar zahlen würde.

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