Thomas Müller ist – egal, wie es mit ihm in den nächsten Wochen und Monaten weitergehen wird – jetzt schon eine lebende Legende des deutschen Fußballs. Ein Mann der unvergesslichen Sprüche und Geschichten. Kein Wunder, dass die Fans ihn lieben und seinen Abschied sehr bedauern würden!
"Pech gehabt. Ihr werdet mich nicht los", hatte Thomas Müller in seiner gewohnt schelmischen Art nach seiner Vertragsverlängerung beim FC Bayern München im Winter 2015 gemeint. Damals war er 26 Jahre jung. Sein neuer Kontrakt lief bis ins Jahr 2021. Thomas Müller war auf dem Weg zur Legende beim FC Bayern München. Ob sein Vertrag nun noch einmal verlängert wird, ist aktuell in der Schwebe. Aber so oder so ist der Mann aus Weilheim in Oberbayern auf den letzten Metern seiner Karriere beim Rekordmeister. Und irgendwann werden schließlich alle "Pech" haben, wenn Thomas Müller final beim FC Bayern sein letztes Spiel bestreiten wird.
Im Jahr 2009 war der Trainer der Bayern-Amateure sauer. Als Hermann Gerland damals erfuhr, dass Thomas Müller nach Hoffenheim verkauft werden solle, rannte der "Tiger" sofort hoch ins Büro von Uli Hoeneß und stellte eine Sache gleich klar: "Der Müller bleibt hier!" Doch der Bayern-Manager reagierte verwundert: "Wie, der bleibt hier? Willst du mir sagen, dass der uns in der Champions League weiterschießt?" Hermann Gerland blieb ruhig: "Das kann ich dir nicht sagen, Uli. Ich weiß ja nicht, wie der vor 70.000 Zuschauern funktioniert. Aber eins weiß ich: Der schießt immer Tore. Aus dem Nichts." Der Transfer scheiterte, wie wir alle wissen. Ein wenig am Geld, ein Stück weit wegen des Einsatzes von Hermann Gerland. Thomas Müller blieb in München - und der Kampf des Tigers für den Nachwuchsstürmer war noch lange nicht vorbei.
Der Durchschnittsdeutsche Thomas Müller
Denn als Jürgen Klinsmann weg war, wurden die Karten neu gemischt. Louis van Gaal kam zu den Bayern und Gerland wurde gemeinsam mit Andries Jonker Co-Trainer des Niederländers. Und wieder war es der "Tiger", der für seinen Stürmer warb, wie Jonker einst erzählte. Gerland habe zu van Gaal gemeint, dass dieser Müller "alle Positionen im Angriff spielen" könne und dass er einmal Nationalspieler werden würde. Und außerdem habe er eine Wette mit Uli Hoeneß laufen, hätte Gerland gesagt. Wieder war da viel Unglaube bei den beiden, die Müller noch nie hatten spielen sehen. Doch nachdem dieser junge Mann schließlich in seiner ersten Champions League Partie in Haifa - trotz Luca Toni und Mario Gomez, wie Gerland heute noch andächtig erzählt - zwei Tore geschossen hatte, waren auch die letzten Zweifler beim FC Bayern überzeugt. Und Thomas Müller konnte endlich durchstarten.
Reiner Calmund hat einmal gemeint: "Müller ist authentisch, sympathisch, intelligent, witzig. Er ist ein Weltstar zum Anfassen. Ich sehe ihn als Bayern-Anführer und Leistungsträger in einer Reihe mit den Legenden Sepp Maier, Gerd Müller, Franz Beckenbauer, Oliver Kahn und Co." Und dieser Mann "zum Anfassen" hat noch einen anderen unschätzbaren Vorteil: Thomas Müller ist auch der Name des Durchschnittsdeutschen - also der statistisch gesehen am häufigsten vorkommende Vor- und Nachname. Thomas Müller ist also einer von uns. Und das lieben wir an ihm!
In Thomas Müller kann sich auch der Zuschauer auf der Couch wiederfinden. Seine Spielweise wirkt dabei nicht selten ungelenk und erinnert damit den normalen Fußballfan entfernt an seine eigene 'Fußball-Karriere'. Müller macht nichts, was man nicht auch machen könnte - wenigstens so ungefähr. Der langjährige Nationalmannschaftsspieler und Weltmeister sieht dies selbst übrigens sogar ähnlich: "Ich definiere mich eben über die Effizienz und Gradlinigkeit. Wenn ich mal irgendwo bin und ein kleines Kind fragt mich: Zeig mir mal ein paar Tricks, muss ich sagen: Ich kann keine Tricks. Die wollen dann immer irgendwelche Zaubereien sehen, Ball hoch halten, viermal um die eigene Achse und so was. Aber das war noch nie mein Fachgebiet."
Als RTL eine Frage an Thomas Müller hatte
Wie sehr Thomas Müller einer direkt aus dem Leben ist, zeigte sich auf frappierende Art und Weise erstmals so richtig im März 2010, als der große Diego Maradona ihn für einen Balljungen hielt. Der Weltstar war damals als Trainer Argentiniens zu einem Länderspiel nach München gekommen. Maradona hatte an diesem Abend nach dem Spiel schon Platz genommen und wartete nur noch auf den Beginn der Pressekonferenz, als sich Thomas Müller auf den Stuhl neben ihn setzte. Maradona fühlte sich in seiner Ehre verletzt. Er erkannte Müller schlicht nicht, obwohl dieser kurz zuvor noch genau vor seinen Augen rechts außen die Linie rauf und runter gerannt war.
Maradona stand pikiert auf und verließ den Presseraum. Müller schaute dem Weltmeister irritiert hinterher. Als er wenige Minuten später zur Rückkehr überredet werden konnte, rechtfertigte der Argentinier sein Verhalten folgendermaßen: "Entschuldigung, ich wusste nicht, dass das ein Nationalspieler war. Ich bin es gewohnt, dass hier nur die Trainer sitzen." Müller lernte er schließlich vier Monate danach noch etwas ausführlicher kennen. Mit 4:0 warf Deutschland Maradonas Team aus dem WM-Turnier. Thomas Müller wurde Torschützenkönig. Als man ihn nach dem Eklat von München fragte, wie er Diego Maradona als Fußballer erlebt habe, antwortete der 1989 geborene Müller: "Ich habe Maradona aus zeitlichen Gründen nicht mehr so erlebt."
Seine lockere, ehrliche und unverstellte Art liebten die Fans von Beginn an: "Langsam habe ich das Gefühl, dass ich mit meinem linken Fuß mehr anfangen kann, als nur Bier zu holen", meinte er einmal augenzwinkernd und traf damit ganz offensichtlich den Nerv der Fans. Denn ein Thomas Müller lässt sich nie in seiner Art verbiegen. Der Umgang mit den Medien blieb auch vier Jahre später bei der WM 2014 in Brasilien spielerisch. Ein Journalist fragte ihn damals: "Thomas, die Argentinier haben eine Geheimwaffe, die sie einsetzen wollen: Franziskus. Also mit dem eigenen Papst in der Tasche und Fußballgott Messi auf dem Rasen. Welche irdischen Kräfte werdet ihr dagegensetzen?" Thomas Müller: "Ich müsste jetzt keinen sehen, ich könnte mir denken, die Frage kommt von RTL, oder?" Journalist: "Ja." Thomas Müller: "Alles klar!" Ein anderer Reporter riet ihm: "Wenn Sie nicht aufpassen, werden Sie noch eine Legende." Thomas Müller antwortete schlagfertig: "Dann pass ich besser nicht auf."
Wieso Thomas Müller vor dem WM-Finale nicht nervös war
Auch in Brasilien wusste Müller neben seinen Toren wieder mit schönen Sprüchen zu begeistern. Nach dem WM-Viertelfinale gegen Frankreich sagte er über die Temperaturen im Estadio Maracana: "Es war schon wie in einer Grillbude. Da merkt man erst einmal was für ein faszinierendes Gebilde so ein Kaktus ist, da nicht einzugehen." Eingegangen ist die deutsche Nationalmannschaft in Brasilien nie. Im Gegenteil: Die DFB-Elf stürmte von Sieg zu Sieg und stand nach einem irren 7:1 über den Gastgeber Brasilien plötzlich im Finale. Und da wurde es selbst einem Thomas Müller plötzlich für einen Moment ganz anders. Aber er hatte so eine Ahnung, wie er seine aufkommende Nervosität sofort wieder in den Griff bekommen könne.
Und so griff er zum Telefon und rief seinen Co-Trainer vom FC Bayern an. Müller, der gerade mit dem Züchten von Pferden begonnen hatte, hatte eine Idee. Als sich dann tatsächlich der Pferdeliebhaber und Pferdebesitzer Hermann Gerland am anderen Ende der Leitung meldete, war die Welt schon fast wieder in Ordnung. Gerland hatte eine Stute, die Müller wollte: "Wir waren wahrscheinlich einen Kilometer vom Stadion entfernt und da habe ich ihm einen Deal vorgeschlagen: Wenn wir gewinnen, zahle ich den hohen Preis, dann bekommt er die 10.000 Euro für die Zuchtstute. Wenn wir verlieren, muss er ein bisschen runtergehen." Gerland habe eingewilligt - später aber Müller einmal gefragt, ob er nicht ganz dicht sei. Wie er in einem solchen Moment, solch einen Quatsch im Kopf haben könne. Doch für Müller sei es sein "In-die-Tüte-Atmen" gewesen.
Neue Transfers? Radio Müller sendet schon
Wahrscheinlich steht die besondere Beziehung zu dem Mann aus dem Ruhrgebiet für die spezielle und geerdete Art von Thomas Müller - der Hermann Gerland übrigens nahezu perfekt parodieren kann und dies auch schon live im deutschen Fernsehen nach einem seiner vielen Triumphe zur Schau stellte. Aber nicht nur Hermann Gerland selbst erwiderte stets diese spezielle Zuneigung der beiden untereinander, sondern auch ein anderes Familienmitglied der Gerlands, wie der Mann aus Bochum einmal erzählte. Die über 90-jährige Schwiegermutter sei ebenfalls ein großer Fan von Thomas Müller. Und sie habe ein besonderes Ritual. Jedes Mal, wenn der Bayern-Stürmer ein Tor schieße, würde sie einen Schnaps trinken. Und so habe Hermann Gerland schon so manches Mal, aus Sorge vor einer beschwipsten Schwiegermutter, gehofft, dass es Müller mit seinen Toren nicht übertreibe.
Seit 25 Jahren ist Thomas Müller nun beim FC Bayern München. Der Mann gehört zum Inventar dieses Klubs. Er sah über die Jahre viele Spieler kommen und gehen. Und hatte für diese besondere Situation selbstverständlich auch den passenden Spruch parat: "Ein Vorteil für mich ist natürlich, dass ich den Neuen im Team meine altbewährten Witze erzählen kann." Aktuell ist ein FC Bayern München ohne den Mann aus Oberbayern noch kaum vorstellbar. In jedem Fall wird der Tag des Abschieds ein Tag des Verlustes werden. Denn wie hat Hermann Gerland einmal so treffend über Thomas Müller gesagt: "Er ist nicht nur ein super Fußballer, sondern auch ein super Kerl."
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