Gold knapp verpasst, Silber gewonnen. Mit einer Traum-Kür kommen Minerva Hase und Nikita Volodin bei der Eiskunstlauf-WM in Boston zum größten Erfolg ihrer noch jungen Karriere. Nun scheint sogar Olympiagold möglich. Doch da gibt es noch eine Hürde.

Sie wollten nichts hören. Keine Punktzahl, keine Platzierung, rein gar nichts. Und deshalb hielten sich Minerva Hase und Nikita Volodin am Donnerstagabend im TD Garden von Boston die Ohren zu. Der Hallensprecher sagte gerade das Ergebnis der Georgier Anastasiia Metelkina und Luka Berulava an. Doch Hase und Volodin bekamen nicht mit, dass die vor ihnen gelaufenen EM-Dritten in Führung lagen.

Es interessierte sie einfach nicht. Nein, sie standen da auf dem Eis, die Blicke der rund 15.000 Fans auf sich gerichtet und versuchten alles, was vor der wohl wichtigsten Kür ihrer bisherigen Karriere nichts mit den nun folgenden elf Elementen zu tun hatte, komplett auszublenden. Jetzt ging es für sie nur um Vivaldis "Vier Jahreszeiten", um perfekte Sprünge, Hebungen, Würfe - und um ganz viel Ausstrahlung, Eleganz und Harmonie.

Auftritt wird zur Symbiose mit Musik und Massen

Auf genau diesen Moment an diesem 27. März in der Bostoner Arena hatten die 25-Jährigen hingearbeitet. Mit Dmitri Sawin, ihrem Coach, der sie zu all den Wettkämpfen begleitet - und mit Knut Schubert und Rico Rex, ihren Heimtrainern in Berlin. Sie waren extra anderthalb Wochen vorher in die USA gereist, nach Connecticut, knapp anderthalb Autostunden südlich von Boston, um den Jetlag aus Körper und Kopf zu bekommen und sich an die etwas kleinere, nordamerikanische Eisfläche anzupassen. Und sie waren unter anderem um 20.30 Uhr ihre Kür gelaufen, um sich an die abendliche Wettkampf-Zeit zu gewöhnen. Nichts sollte dem Zufall überlassen werden. "Wir haben so viel trainiert, dass wir alle Situationen unter Druck bestmöglich laufen können", sagt Hase.

Nun mussten sie liefern. Das taten sie - und wie. Zum Auftakt der dreifache Twist - perfekt. Anschließend die Kombination aus dreifachem Toeloop und zwei Doppel-Axeln - ebenfalls sauber. Der dreifache Salchow: kein Problem. Als Hase nach dem geworfenen Dreifach-Rittberger souverän landet, springen viele Fans begeistert und regelrecht juchzend von ihren Sitzen. Die ihnen entgegengebrachte Liebe geben Hase und Volodin zurück. Ihr Auftritt wird zu einer Symbiose mit der Musik und den Massen.

Stolzer Freund, neidischer Freund

Als nach vier Minuten und sieben Sekunden der letzte Ton der "Vier Jahreszeiten" verklingt, erhebt sich das Publikum und applaudiert lautstark. Hase hingegen lässt sich nach hinten aufs Eis fallen. Es ist eine Mischung aus Glück, abgefallenem Druck und der Gewissheit, hier gerade eine Traum-Kür gezeigt zu haben. "Intuitiv hatte ich das Gefühl, ich muss mich da hinschmeißen", sagt die Berlinerin.

Daheim hatte ihr Freund den Auftritt verfolgt, mitten in der deutschen Nacht. Bereits nach der Kurzkür hatte er ihr geschrieben, wie stolz er sei und dass er es gar nicht in Worte fassen könne, wie schön es ausgesehen habe, sie mit Nikita laufen zu sehen. Hases Freund, das ist Basketball-Profi Jonas Mattisseck, Aufbauspieler von ALBA Berlin. Der 25-Jährige war nicht nur stolz auf seine Minerva, sondern auch ein bisschen neidisch.

Saisonbestleistung beim Saisonhöhepunkt

Denn die stand in diesen WM-Tagen in einer der heiligsten Hallen Amerikas auf dem Eis, dem TD Garden. Der Heimat der Boston Celtics, dem amtierenden Champion und Rekordmeister der nordamerikanischen Basketball-Profiliga NBA. "In so einer riesigen Halle zu laufen, ist schon immer was Besonderes. Die Dimensionen und die Atmosphäre sind auf jeden Fall noch mal mehr Motivation, hier eine ordentliche Leistung zu zeigen", so Hase.

Ihre Leistung war nicht nur ordentlich, sondern außerordentlich. Mit 145,49 Punkten stellen Hase und Volodin in der Kür eine neue Saisonbestleistung auf - ausgerechnet beim Saisonhöhepunkt. Als Dritte waren sie in die Kür gestartet. Nach ihrer Gala führten sie das Feld an, hatten mindestens Bronze sicher. Doch vielleicht war ja nach diesem Traum-Auftritt sogar noch mehr möglich?

Rückstand nach Kurzkür etwas zu groß

Um 21.41 Uhr nahmen Hase und Volodin auf den beiden Sesseln der "aktuell Führenden" Platz. Nun begann das Warten. Zwei Paare kamen noch. Die nach der Kurzkür zweitplatzierten Italiener Sara Conti und Niccolo Macii und die führenden Riku Miura und Ryuichi Kihara aus Japan. Die Südeuropäer zeigen Nerven und fallen hinter Hase und Volodin zurück. Auch die Kür der Japaner ist schlechter als die der Berliner. Allerdings: Mit 2,98 Punkten Vorsprung waren Miura und Kihara aufss Eis gegangen - davon blieben ihnen am Ende 0,71 Zähler. Um 21.55 Uhr hatte das Warten für Hase und Volodin ein Ende.

Ihnen war zwar von allen 20 Paaren die beste Kür gelungen, doch der Rückstand nach der Kurzkür war etwas zu groß. "Schade, dass es so ganz knapp war. Aber wir können uns heute nichts vorwerfen, haben 100 Prozent gegeben", bilanziert Hase. Für die Deutsche Eislauf-Union (DEU) ist dieses Silber das beste WM-Ergebnis seit der Goldmedaille von Aljona Savchenko und Bruno Massot 2018. Man sei "sehr glücklich darüber", kommentierte DEU-Präsident Andreas Wagner das Abschneiden. Er hob hervor, dass das WM-Ergebnis "noch einmal eine Steigerung im Vergleich zur Europameisterschaft" gewesen sei.

Volodin braucht für Olympiastart deutsche Staatsbürgerschaft

Anfang Februar hatten Hase und Volodin in Tallinn mit einem Gesamtergebnis 212,48 Punkten EM-Gold gewonnen. In Boston erzielten sie sieben Zähler mehr. "Der Weg ist klar", betont Wagner. Jener Weg soll Minerva-Fabienne Hase und Nikita Andrejewitsch Volodin im kommenden Winter nach Mailand führen, zu den Olympischen Winterspielen. Während sie sportlich qualifiziert sind, gibt es noch eine bürokratische Hürde. Volodin ist Russe. Um in zehneinhalb Monaten für Deutschland starten zu dürfen, braucht er die deutsche Staatsbürgerschaft.

Nach Auskunft der DEU soll Volodin bis zum Sommer seinen Einbürgerungstest haben. Um den zu bestehen, lerne er fleißig Deutsch, heißt es. Volodin selbst hebt stolz hervor, dass sein Deutsch "jeden Tag besser und besser2 werde. Und durch den erfolgreichen WM-Auftritt habe er nun "noch mehr Motivation." Und er hat vor allem ab sofort auch mehr Zeit. Die Saison ist vorbei - und die Aussicht viel durchaus versprechend. Ein erfolgreicher Einbürgerungstest - und dem silbernen Saison-Abschluss könnte vielleicht schon im Februar eine goldene Zukunft folgen.

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