So lange hatten die Spieler des FC Bayern während einer Saison lange nicht frei. Acht Tage hatte Trainer Vincent Kompany seinen Profis nach dem 1:1 gegen den 1. FC Union in der Fußball-Bundesliga Urlaub gegeben. Zumindest den Spielern, die nicht mit ihren Nationalmannschaften unterwegs waren.

Donnerstag nun bat der Belgier wieder alle Spieler zum Training an die Klubzentrale an der Säbener Straße. Kompany muss vor dem Liga-Heimspiel gegen den FC St. Pauli am Samstag (15.30 Uhr, Sky und im Liveticker bei WELT) mit seinen Stars schnell Lösungen finden. Insbesondere in der Abwehr. Denn es war eine Länderspielpause mit ganz bitteren Nachrichten für die Bayern: Alphonso Davies fällt mit einem Kreuzbandriss, den er sich beim 2:1 Kanadas gegen die USA zuzog, monatelang aus. Er wurde bereits in Innsbruck operiert.

Und auch Frankreichs Dayot Upamecano kehrte verletzt von seiner Auswahlmannschaft zurück. Bei dem Verteidiger wurden freie Gelenkkörper im linken Knie festgestellt, er fehlt wohl mindestens mehrere Wochen. Eine solche Verletzungsmisere wie derzeit erleben die Bayern nur selten. Ihre Personalnot sorgt im internationalen Fußball für Aufsehen und Schlagzeilen. Die italienische Zeitung „Gazzetta dello Sport“ schreibt: „Bayerns Abwehr in Scherben! Neben Neuer fehlen auch Davies und Upamecano gegen Inter.“

Ausgerechnet in der „Crunchtime“, in den wichtigen Wochen der Saison, fehlt den Bayern ihre halbe Abwehr. Im April treten sie im Viertelfinale der Champions League gegen Inter Mailand an. Es geht um den Traum vom „Titel dahoam“ – das Endspiel der Königsklasse steigt am 31. Mai in München. Und die Münchner müssen sich in der Defensive neu aufstellen. Rekordnationalspieler Lothar Matthäus nannte die beiden Verletzungen „einen Schock“ für den FC Bayern: „Beide Spieler sind nicht eins zu eins zu ersetzen. Weder Davies noch Upamecano.“

Liga-Verfolger Bayer Leverkusen kann mit einem Sieg im Heimspiel gegen den VfL Bochum Freitagabend vorübergehend auf drei Punkte an die Bayern heranrücken. „Diesmal hat es uns besonders hart getroffen“, sagte Sportvorstand Max Eberl. „Die Ausfälle von Alphonso Davies und Dayot Upamecano wiegen schwer für den FC Bayern.“

Zumal in Manuel Neuer bereits ihr Stammtorwart fehlt. Der Weltmeister hatte sich Anfang März einen Muskelfaserriss in der rechten Wade zugezogen. Zuletzt musste er eine Trainingspause einlegen, weil die Wade eine Reaktion zeigte. Vertreter und von Winter-Zugang Jonas Urbig musste wegen einer Fußverletzung zuletzt seine Teilnahme an der Reise der U21-Nationalmannschaft absagen. Er trainierte zuletzt wieder in München. Neuers Einsatz gegen Inter scheint fraglich.

Wer soll nun die Defensive stabil halten? „Unser Kader ist stark und wird diese Ausfälle auffangen“, betonte Eberl beinahe schon trotzig. „Wir werden jetzt noch enger zusammenrücken. Die Qualität ist da, um weiter unsere großen Ziele zu verfolgen.“

Für Davies dürften in den kommenden Wochen Hiroki Ito oder Raphaël Guerreiro auf der linken Abwehrseite spielen. Eine weitere Option ist Josip Stanisic, der ebenfalls lange verletzt war. So schnell wie der Kanadier Davies ist keiner der drei, Ito und Stanisic waren lange verletzt. „Das größte Problem ist das fehlende Tempo“, so Matthäus. „Ito, Dier und Guerreiro, die wohl als Ersatz infrage kommen, sind gute und sehr zuverlässige Varianten, aber im Vergleich zu den beiden Verletzen nicht so schnell. Und das ist ein wichtiger Faktor im Fußball.“

Für Upamecano kann wie schon in der Vergangenheit „Mr. Zuverlässig“ Eric Dier einspringen. Der Engländer, dessen Vertrag bei den Bayern Ende Juni endet, bringe „etwas Fundamentales“ mit für die Mannschaft, weil er sehr professionell sei und seine Rolle stets ideal erfülle, sagte Kompany. Tatsächlich ist der 31-jährige Dier sehr erfahren und agierte in seinen bisherigen Einsätzen meist umsichtig und souverän.

Lothar Matthäus lobt Leon Goretzka

Überraschender wäre Leon Goretzka oder João Palinha als Innenverteidiger. Beide sind körperlich sehr stark und robust und können sich in Zweikämpfen oft durchsetzen. Goretzka spielte bei den Bayern im vergangenen Jahr phasenweise bereits in der Verteidigung.

Zuletzt überzeugte er im zentralen Mittelfeld – so sehr, dass Bundestrainer Julian Nagelsmann zurück in die Nationalmannschaft holte. Auch in der deutschen Auswahl war Goretzka gegen Italien in der Nations League einer der besten. Ihn nun aus dem Mittelfeld nehmen? Es wäre mutig. Oder gewagt, je nach Ansicht. Denn im Mittelfeld fehlt als Option der am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankte Aleksandar Pavlovic.

„Goretzka hat in der Innenverteidigung auch schon ausgeholfen und das sehr ordentlich gemacht. Aber ich sehe Leon aktuell nicht auf dieser Position, weil er es im zentralen Mittelfeld gerade großartig macht“, so Sky-Experte Matthäus. „Es ist ein großer Verlust, dass die Bayern ausgerechnet in dieser Phase auf Davies und Upamecano verzichten müssen.“

Die Bayern hoffen zudem, dass Innenverteidiger Minjae Kim bald wieder einsatzfähig ist. Der Südkoreaner, der in den vergangenen Monaten immer wieder Achillessehnen-Problemen zu kämpfen hatte und deshalb zuletzt pausieren musste, kehrte am vergangenen Montag früher als gedacht ins Mannschaftstraining zurück. Er könnte mit Dier die zentrale Abwehr der Münchner bilden, auch das ist eine Option.

Kompany ist gefordert. Er muss die richtigen Entscheidungen für die Defensive treffen. In den kommenden Wochen geht es um sehr viel. Für ihn – und den FC Bayern.

Julien Wolff ist Sportredakteur. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren aus München über den FC Bayern und die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen. Gegen den FC St. Pauli wird er im Münchner Stadion sein.

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