Die Voraussetzungen scheinen auf groteske Weise verdreht zu sein. Am kommenden Samstag, wenn die Bundesliga auf die Zielgerade der Saison einbiegen wird, wird Borussia Dortmund den FSV Mainz 05 empfangen (17.30 uhr, im Sport-Ticker der WELT). Dabei geht es um Punkte für die Qualifikation zur Champions League.

Allerdings eher weniger für die Dortmunder, die sich jahrelang als zweiter Leuchtturm des deutschen Vereinsfußballs begriffen haben. Dreizehnmal hat es der BVB in den letzten vierzehn Jahren in die Königsklasse geschafft, zuletzt neunmal hintereinander. Dabei ging es sogar zweimal bis ins Finale – zuletzt erst am 1. Juni, als es eine denkbar unglückliche 1:2-Niederlage gegen Real Madrid gegeben hat.

Nein, der Gegner ist der Aspirant auf den Einzug in die Champions League. Davon hätten sie in Mainz bis vor kurzem nicht einmal zu träumen gewagt. Im vergangenen Sommer wäre der Klub beinah in die Zweite Liga abgestiegen – doch vor dem 27. Spieltag steht er da, wo eigentlich die Dortmunder stehen müssten: Mainz ist Dritter, punktgleich mit Eintracht Frankfurt, dem Vierten. Beide haben 45 Zähler – zehn mehr als der BVB, der auf Platz elf dümpelt. Eine total verkehrte Fußball-Welt.

„Nur noch mit der Hilfe des lieben Gottes aufzuholen“

„Warum sollen es die Mainzer nicht schaffen? Wenn du zu diesem Zeitpunkt der Saison so gut stehst, hast du auch gute Chancen“, sagt Rainer Calmund und rechnet die restlichen acht Spiele der Saison im Kopf einmal durch. Auch für die Frankfurter sowie Leipziger und die Freiburger, mit jeweils 42 Punkten, sind die begehrten Ränge in Reichweite, selbst für die Gladbacher (40) oder – mit ein wenig Glück – sogar die Wolfsburger oder die Augsburger (jeweils 38) können sich leise Hoffnungen machen. „Die Stuttgarter sind bereits acht Punkte hinten dran, das wird schon schwer. Und für Dortmund wäre der Rückstand nur noch mit der Hilfe des lieben Gottes aufzuholen“, so Calmund.

Der langjährige Manager von Bayer Leverkusen kennt die Bundesliga gut. Er hat einiges miterlebt. Calmund hat mit angesehen, wie jahrelange Schwergewichte wie der HSV, Schalke 04 oder 1. FC Köln verschwunden sind – und wie der FC Bayern seine Dominanz immer weiter ausgebaut hat. Doch die tektonischen Verschiebungen, die in der vergangenen Saison durch die überraschende erste Meisterschaft in der Klubgeschichte von Leverkusen eingesetzt haben („Da hatte ich Tränen in den Augen“) und sich in der laufenden Saison mit einer Neuordnung der Spitzengruppe fortzusetzen scheinen, haben auch den mittlerweile 76-Jährige überrascht.

„Die Liga, die über viele Jahre an der Tabellenspitze oft ein ähnliches Bild abgab, ist in Bewegung geraten“, erklärt Calmund. Die Zeiten, in denen es immer nur die „üblichen Verdächtigen“ waren, die an die Fleischtröge der internationalen Plätze kamen, scheinen vorbei zu sein. „Ich habe großen Respekt vor den Bayern, sie sind ein erstklassiger Vertreter der Bundesliga und gerade auch international extrem wichtig für den deutschen Fußball. Aber es tut der Liga gut, wenn der Titelkampf auch zukünftig wieder spannend werden sollte“, erklärt er.

Danach sieht es aktuell zwar nicht aus. Die Bayern streben mit sechs Punkten Vorsprung ihrem 34. Meistertitel entgegen. Doch Leverkusen hat gute Chancen, auch in den kommenden Jahren ein ernst zu nehmender Herausforderer zu sein. Vor allem, weil die Vereinsführung durch Kompetenz, eine klare Struktur und Strategie überzeugt. „Fernando Carro ist ein Glücksgriff, ein absoluter Finanzfachmann und mit großen Wirtschaftskenntnissen, aber eben auch mit einer bestimmten Straßenköter-Mentalität. Genau die brauchst du, um einen Fußball-Klub zu führen. Er als Geschäftsführer sowie Simon Rolfes und Xabi Alonso sind die wesentlichen Faktoren des Erfolges“, sagt Calmund. Leverkusen funktioniere deshalb so effektiv, weil jeder seinen Verantwortungsbereich kennt.

So sorgte Rolfes mit seinen Transfers sowie Alonso mit den anschließenden Entwicklungen der Spieler für eine Explosion des Kader-Marktwertes. Der wird von transfermarkt.de auf mittlerweile auf 637,05 Millionen Euro taxiert. Im europäischen Ranking liegt Bayer damit auf Rang 13 und hat den Abstand auf die Bayern, die mit einem Wert von 856,00 Millionen Platz 8 behaupten, deutlich verkürzt. Der weiteren nationalen Konkurrenz ist der Werksklub regelrecht enteilt: RB Leipzig (526,7 Mio.) kommt auf Platz 18, der BVB (473,20 Mio.) auf 21.

Eintracht Frankfurt verbreiterte wirtschaftliche Substanz

Die Geschlossenheit sowie die nahezu geräuschlose Effektivität der Führungsebene – in dem öffentlichkeitswirksamen Geschäft eher die Ausnahme – sind wichtige Faktoren. Das gilt für alle die Klubs, die in den vergangenen Jahren die größten Entwicklungsschritte gemacht haben. Die Mainzer haben sich seit der Rückkehr von Christian Heidel in den Vorstand stabilisiert. Die Freiburger haben sogar den Übergang von Christian Streich zum neuen Trainer Julian Schuster ohne Bruch und Nebengeräusche geschafft. Und die Frankfurter haben mit geschickter Transferpolitik ihre sportliche Basis gestärkt. Zudem hat die Eintracht durch die Einnahmen aus der Europa League, die sie 2022 gewinnen konnten, ihre wirtschaftliche Substanz verbreitert.

„Markus Krösche macht dort sehr gute Arbeit. Genauso wie andere in den Bereichen Vertrieb und Marketing. Sie gehen auf die Wirtschaft zu“, lobt Calmund. Ähnliches gilt für die Stuttgarter. „Ich halte Sebastian Hoeneß für einen sehr guten Trainer, auch Vorstandschef Alexander Wehrle macht einen guten Job“, so Calmund. Sowohl den Frankfurtern als auch den Stuttgartern traut er durchaus zu, in absehbarer Zeit auch um den Titel zu spielen. „Selbst wenn die Bayern aufgrund ihrer Kraft das Maß aller Dinge bleiben werden.“

Die Verschiebungen sind allerdings nicht nur Folge von guten Entscheidungen bei den aufstrebenden Klubs, sondern auch von Fehlentwicklungen bei den Vereinen, die die Liga in den vergangenen Jahren dominiert hatten.

Ohne den schwierigen Generationswechsel in der Führung der Bayern wäre es wahrscheinlich nicht zur Meisterschaft der Leverkusener gekommen. Die Installierung von Oliver Kahn als CEO und Hasan Salihamidzic als Sportvorstand erwies sich als Fehler, der Verein geriet in Unruhe – was bis heute nachzuwirken scheint, auch wenn die sportliche Neuausrichtung des Branchenführers zu funktionieren scheint. Die Bayern sind dank Trainer Vincent Kompany wieder in der Spur. Doch der Abstand auf die Konkurrenz scheint nicht mehr so groß wie in früheren Jahren zu sein.

Auch die Leipziger, in der aktuellen Champions League-Saison in der Vorrunde gescheitert und in der Bundesliga hinter den Erwartungen zurück, stagnieren –nicht zuletzt wegen unfreiwilliger Kurskorrekturen. Das Intermezzo mit Eberl, der das Konstrukt der Red Bull GmbH zu einem internationalen Top-Verein machen sollte, dauerte nicht mal ein halbes Jahr. Führungswechsel führen halt oft zu Reibungsverlusten.

Am stärksten ist das beim BVB auszumachen. Hans-Joachim Watzke, der Ende November aus der Geschäftsführung ausscheidet, hatte eine Personalkonstellation für die Zeit nach ihm entworfen, die sich als schwierig erweist. Lars Ricken, seit Mai Geschäftsführer Sport, sucht noch seine Rolle. Sportdirektor Sebastian Kehl hatte sich ebenfalls Hoffnung auf den Posten gemacht. Sven Mislintat, den Watzke als Kaderplaner zurückholte, ist mittlerweile bereits wieder freigestellt. Eine klare Linie ist in Dortmund nicht zu erkennen – was sich auch an der Fluktuation der Trainer ablesen lässt. Aktuell gibt es bereits wieder Spekulationen, ob Kovac, erst Anfang Februar im Job, tatsächlich seinen bis Ende der kommenden Saison laufenden Vertrag erfüllen wird.

„Was mich bewegt hat, war, dass Edin Terzic zum Ende der vergangenen Saison in Dortmund nicht weiter gemacht hat“, sagt Calmund. Terzic hatte den BVB 2023 fast zur Meisterschaft und im Jahr darauf ins Champions League geführt. „Ich frage mich bis heute: War das der richtige Zeitpunkt für einen Trainerwechsel?“, so die Manager-Legende.

Über das Potenzial des BVB gibt es dagegen keine zwei Meinungen. Auch aktuell gehören die Dortmunder – wie auch die Bayern – erneut zu den besten acht Mannschaften Europas. Doch was passiert, wenn es im Viertelfinale gegen den FC Barcelona das Aus geben sollte? Es könnte ein Abschied von der Champions League für länger werden.

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