Um kaum ein anderes Rennen ranken sich so viele Geheimnisse. Die Barkley Marathons sind extrem, unvorhersehbar, sagenumwoben, einem äußerst exklusiven Kreis vorbehalten, mit Ritualen aufgeladen und – natürlich – unbarmherzig. Ein Extremlauf in den Wäldern Tennessees, angelegt zum Scheitern. Bei zuvor 39 Auflagen kamen insgesamt nur 20 Sportler ins Ziel, drei davon 2023, fünf vergangenes Jahr, darunter in Jasmin Paris erstmals und auf dramatische Weise eine Frau. Ihre und die Geschichte dieses Ultratraillaufes machten daraufhin weltweit Schlagzeilen. Jetzt wurde ein neues Kapitel Barkley-Geschichte geschrieben. Ein ganz anderes, aber nicht minder spektakuläres.
Es könnte den Titel „Die Rache des Gary ‚Lazarus Lake‘ Cantrell“ tragen. In manch Fachmedien aus der Läuferszene jedenfalls war noch vor dem Ende des Rennens genau davon die Rede. „Lazarus Lake“ – das ist jener Mann mit grau meliertem Rauschebart, der diesen Extremlauf einst erdachte und stets mit dem Anzünden einer Zigarette den Startschuss für die insgesamt 160 bis 210 Kilometer (niemand weiß das so genau) und etwa 18.000 Höhenmeter gibt.
Fest steht: Der Frozen Head State Park in Tennessee sowie die Bedingungen, aber wohl vor allem die für dieses Jahr erdachte Strecke zeigten sich von ihrer gnadenlosen Seite. Niemand kam ins Ziel – zuletzt war dies 2022 geschehen, insgesamt nun bereits zum 25. Mal. So arg wie dieses Jahr aber traf es das Starterfeld zuvor nur ein einiges Mal. Sieger des Laufes? Auf den ersten Blick die Strecke. Oder auch „Lazarus Lake“. Das Rennen, das dem Titel einer Doku nach „seine Jungen frisst“, hat seiner Legende alle Ehre gemacht.
Es kam in diesem Jahr nicht nur niemand ins Ziel. Von den 40 eingeladenen Startern beendeten nur zehn die erste von fünf Runden im geforderten Zeitlimit, um weitermachen zu dürfen. Während das Rennen immer aus fünf 20- bis 26-Meilen-Schleifen (32 bis 42 km) besteht und die Läufer immer zwölf Stunden für eine Runde, am Ende 60 Stunden für alle fünf haben, ist die Strecke jedes Jahr anders. Paris war im vergangenen Jahr 99 Sekunden unter dem finalen Cut-Off geblieben.
GPS-Uhren verboten, stattdessen Karte und Kompass
Niemand kennt das Profil exakt außer Lazarus Lake und Carl Laniak, sein Nachfolger als Rennleiter. Die Teilnehmer erhalten die Infos vor Ort. Streckenmarkierungen gibt es nicht, GPS-Uhren sind verboten, Karte und Kompass somit die Mittel der Wahl. Um nachzuvollziehen, ob die Teilnehmer auch die geforderte Strecke gelaufen sind, müssen sie auf jeder Schleife mehrere Bücher finden, dort die Seite mit ihrer Startnummer herausnehmen und diese Zettel am Ende jeder Runde als Beweis abliefern. Gelaufen wird erst im, dann gegen den Uhrzeigersinn.
Nur noch vier Tapfere gingen schließlich auf die dritte Runde, niemand auf die vierte. Unbarmherzig – unbarmherziger – Barkley Marathons.
Und dennoch gibt es neben dem Lauf an sich und „Lazarus Lake“ viele Sieger: die kleine Gruppe Auserwählter, die überhaupt starten durfte. All jene, die zumindest eine Runde schafften. Und dann John Kelly (40).
„Fun Run“ brutal
Der dreimalige Barkley-Finisher aus den USA beendete die dritte Runde nach 39:50:27 Stunden, wie Keith Dunn, die einzige offizielle Quelle dieses Rennens, auf X berichtete. Dann war Schluss für Kelly – er lag weit über dem Schnitt von zwölf Stunden pro Runde, der für ein Finish nach fünf Schleifen nötig ist.
Mit seiner Drei-Runden-Zeit aber blieb er immerhin knapp zehn Minuten unter dem geforderten Limit von 40 Stunden, um sich zumindest Finisher des „Fun Run“ nennen zu dürfen. Bei gewöhnlichen Veranstaltungen werden als „Fun Run“ manchmal kurze Nebenevents zum Beispiel über fünf Kilometer bezeichnet, die vor dem Hauptrennen stattfinden. Gewöhnlich aber ist hier gar nichts.
Neben Kelly waren auch der Japaner Tomokazu Ihara sowie die Franzosen Sébastien Raichon und Maxime Gauduin auf die dritte Schleife gegangen. Während die Franzosen zum Camp zurückkehrten, ohne die Runde beendet zu haben, kam Ihara etwa zwei Stunden nach Kelly ins Ziel. Der Amerikaner ist somit einziger Finisher des „Fun Runs“. Das hatte es zuvor erst einmal gegeben.
„Dieser Drei-Schleifen-Fun Run tat mehr weh als meine letzten beiden Fünf-Schleifen-Läufe“, schrieb er danach bei Facebook. „Ja, die Strecke war härter – etwa zehn Prozent mehr Höhenmeter. Das Wetter war auch härter, 25 Grad sind sehr warm für Barkley, aber ich habe auch eine Menge Fehler gemacht.“
Für Kelly zählen nach jedem Rennen die Antworten auf zwei Fragen: Habe ich mein Bestes gegeben? Und: War es das wert? Beide beantwortete er nach seinem „Fun Run“ mit „Ja“. Möglicherweise, sagt er, sei das Beste, was ihm Ultralauf gegeben habe, die Fähigkeit, diese beiden Fragen ehrlich zu beantworten. „Dazu muss ich wissen, was mein Bestes ist und was es dafür braucht. Viel zu oft haben die Leute keine Ahnung, wozu sie fähig sind, und denken, alles gegeben zu haben, obwohl es in Wirklichkeit nur ein leichtes Unbehagen war“, schreibt Kelly.
„Was unser Bestes ist“, sagt er, „ist nicht annähernd so wichtig wie die Fähigkeit, es tatsächlich zu geben und etwas im Leben zu haben, das es wert ist.“
Kondolenzschreiben für die Auserwählten
Die Barkley Marathons, erdacht 1986 von Gary Cantrell und Karl Henn, basieren auf der Flucht von James Earl Ray, dem Attentäter von Martin Luther King Jr., der 1977 aus dem nahegelegenen Brushy Mountain State Gefängnis floh. In seiner 55 Stunden dauernden Flucht legte er am Ende zwölf Meilen, 19 Kilometer, zurück. Cantrell befand: Da schafft man doch mindestens 100 Meilen.
Geboren war der Extremlauf, benannt nach Cantrells Nachbarn und Läufer Barry Barkley, anfangs noch mit etwa 55 Meilen.
Wer teilnehmen will, braucht Geduld, Gespür und jede Menge Glück. Denn einfach anmelden und auf einen Startplatz hoffen, wäre zu simpel für dieses Rennen. Wer sich der Tortur stellen will, muss erst mal den Kontakt von Lazarus Lake herausfinden. Eingeweihte sind verschwiegen. Ein Anmeldeformular gibt es nicht, die Anmeldefrist kennt nur Cantrell. Wer dennoch Kontakt und Datum herausfindet, muss ein Bewerbungsschreiben verfassen. Und zählt er schließlich zu den Auserwählten, erhält er ein Kondolenzschreiben.
Auf der Liste all dessen, was es bei den Barkley Marathons nicht gibt, steht auch die Startzeit, beziehungsweise weiß auch diese nur Cantrell. Irgendwann zwischen Mitternacht und Mittag des Starttages geht es los. Der Klang eines Muschelhorns kündigt den campierenden Teilnehmern dann an, dass sie sich bereit machen sollen. Eine Stunde später erglimmt an einer gelben Schranke die Start-Zigarette. Diese Schranke, Start- und Ziel jeder Schleife, hat längst Kultstatus. Sie ist so etwas wie das Sehnsuchtsziel. Hier sank 2024 Jasmin Paris glücklich und erschöpft zu Boden. Hier beendete John Kelly in diesem Jahr seinen schmerzhaften Spaß-Lauf.
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