Wenn sie jetzt nicht aufgibt, bricht der Knochen: Dreimal klopft die Kämpferin, deren Arm von ihrer Gegnerin in einem Druckhebel gefangen ist, mit der freien Hand auf die Matte. Und in diesem Moment löst sich alle Spannung auf, all das Training, das Lampenfieber, das Verletzungsrisiko: Die eine Kämpferin springt ekstatisch auf, sie ist ihrem Traum, Weltmeisterin im Mixed Martial Arts (MMA) zu werden, ein Stückchen nähergekommen. Die andere muss zurück auf Los. Wolke sieben und der Abgrund liegen in diesem Sport nah beieinander.

So wie in diesem Kampf fliegen am Samstagabend in der Londoner O2-Arena knapp sechs Stunden lang Fäuste und Beine, es wird geschlagen und getreten, geworfen und gerungen. Sieht es schlecht aus für einen, wird er von brüllenden Freunden und Verwandten auf der Tribüne nach vorn gepeitscht, auf dass sich der verloren geglaubte Kampf vielleicht in letzter Sekunde doch noch dreht. Zwischen den Sitzreihen hat verschüttetes Bier klebrige Pfützen hinterlassen, die Stimmung ist ausgelassen, auf eine nicht-aggressive Art.

Die UFC (Ultimate Fighting Championship, also ultimativer Kampfwettbewerb) ist zu Gast an der Themse, die größte MMA-Liga der Welt. Mehr als 18.000 Fans sind in die Halle geströmt, zusammen haben sie für ihre Tickets rund 4,7 Millionen Dollar gezahlt. Selbst in den hintersten Reihen, wo die Kämpfer unten wie harmlos rangelnde Zinnsoldaten aussehen, werden pro Sitzschale noch mehrere hundert Pfund fällig.

Die Szene mag banal wirken, überhaupt haftet Mixed Martial Arts noch immer der Ruf als glorifizierte Schulhofschlägerei an. Das stimmt schon sportlich nicht – die hochkomplexe Verbindung der verschiedensten Kampfsportarten gehört wohl mit zum anspruchsvollsten, was man sich athletisch so antun kann. Aber an diesem Abend in London zeigt sich im Kleinen auch das, was abseits des Sports im Großen passiert. Ein Stück des Puzzles, das zusammengesetzt die verschobenen Kräfteverhältnisse auf der Welt offenbart.

Um das zu erklären, muss man einen kurzen Exkurs in die Vergangenheit einschieben: Die UFC ist ein amerikanisches Unternehmen, in Las Vegas hat es seine Basis. Nachdem sich die Eigentümer um den charismatischen bis umstrittenen Liga-Präsidenten Dana White in den Nullerjahren in Nordamerika etabliert hatte, nahm man als erstes Expansionsziel bald Europa in den Blick. Zuerst Großbritannien, und dann bald auch schon Deutschland.

In Las Vegas setzte man große Hoffnungen in das wirtschaftsstarke, bevölkerungsreiche Land in der Mitte des Kontinents. Das Kalkül ging nicht auf: Lange wurden die Deutschen nicht so recht warm mit diesem neuen Sport. Bei vielen der bislang sechs UFC-Veranstaltungen auf deutschem Boden in Köln, Oberhausen, Berlin und Hamburg wurden stattliche Mengen an Tickets verschenkt, und trotzdem blieben die Hallen oft halb leer. Auch sonst stieß man auf Widerstand, die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) etwa sorgte dafür, dass die Kämpfe jahrelang nicht im Fernsehen gezeigt werden durften. Aufgegeben hat die UFC den deutschen Markt noch nicht. Aber Erfolg sieht anders aus.

Die Veranstaltung in London ist der erste Besuch der UFC in Europa in diesem Jahr. Weitere Events sind hier bislang nicht geplant. Das sah vor nicht allzu langer Zeit noch anders aus. 2023 etwa hatte die UFC ihre Zelte gleich zweimal in London aufgeschlagen, dazu einmal in Paris, wo MMA nach jahrelangem juristischem und politischem Kampf legalisiert worden war. Noch ein paar Jahre davor wurden in noch deutlich höherer Frequenz neue Märkte innerhalb der EU erschlossen: Schweden, Polen, die Niederlande. Kroatien, Dänemark, Irland und Nordirland.

Spätestens seit Corona aber hat sich der Fokus verschoben. Als in Europa an Sportveranstaltungen noch lange nicht zu denken war, holte Abu Dhabi die Kämpfe zu sich, baute mit der UFC einen durch strenge Hygienemaßnahmen weitgehend virenfrei gehaltenen Kokon, in dem ohne Zuschauer gekämpft werden konnte. Bereits 2021 wurden mit einem Sicherheitskonzept erstmals wieder Fans zugelassen.

Die UFC hat dem Emirat diesen Pragmatismus gedankt: Inzwischen hat Abu Dhabi seinen festen Platz im Event-Kalender der UFC, mit der dortigen Führung arbeitet man eng zusammen. Auch in Saudi-Arabien will man Fuß fassen, in China war man mehrfach, gerüchteweise kommt demnächst Aserbaidschan dazu. Aufgegeben hat die UFC den europäischen Markt nicht. Aber eine Tendenz ist unverkennbar. Saudi-Arabien soll den Amerikanern Berichten zufolge 20 Millionen Dollar gezahlt haben, um ihre Kämpfe ins Land zu holen.

Das ist nun nicht nur bei der UFC ein Phänomen: Auch große Box-Kämpfe, Wrestling-Shows, Formel-1-Rennen, Tennis-Matches oder Golf-Duelle werden zusehends außerhalb der alten Märkte ausgetragen. Saudi-Arabien holt gezielt große Sportveranstaltungen und -marken ins Land, um das angekratzte Image aufzupolieren. „Sportswashing“ nennt sich dieses Vorgehen, analog zu „Greenwashing“ oder „Pinkwashing“ bei Unternehmen, die sich mit Umwelt- oder Gleichberechtigungsthemen schmücken, ohne aber echte Änderungen herbeizuführen.

Am Beispiel der UFC kann man gut beobachten, wie die Alte Welt den Anschluss zu verlieren droht und neue Akteure das Vakuum ausfüllen. Nicht durch Gewalt, sondern durch Softpower-Manöver wie das Ausrichten von Sportveranstaltungen.

Zu Europa bleibt der Offizielle vage – interessanter scheinen der Mittlere Osten und Afrika

In London ist es 23 Uhr – Zeit für den Hauptkampf. Der frühere Weltergewichts-Champion Leon Edwards, als Brite der Favorit der Halle, will nach seinem Titelverlust im vergangenen Sommer – einer langweiligen Punktniederlage gegen einen Underdog – zurück auf die Siegerstraße. Edwards scheitert deutlich – sein Gegner, ein US-Amerikaner, früherer College-Ringer, dominiert ihn knapp 20 Minuten lang am Boden und zwingt ihn dann mit einem Würgegriff zum Aufgeben.

Das aus britischer Sicht unbefriedigende Ende des Abends verhagelt den Londoner Fans endgültig die Stimmung. Schon zuvor hatte es an diesem Abend Niederlagen für einige Fan-Lieblinge gesetzt. Bereits ein, zwei Runden vor dem Ende des Hauptkampfes haben die ersten Fans die Halle verlassen. Lieber entspannt zur U-Bahn kommen als noch weiter leiden, um sich dann noch mit 18.000 anderen durch den Pulk quetschen zu müssen.

Eine halbe Stunde später sind dann alle Zuschauer draußen in der milden Londoner Frühlingsnacht. Drinnen geht das Licht an, Arbeiter mit gelben Westen und Schutzhelmen machen sich daran, die Kulisse wieder abzubauen. Irgendwo in den Katakomben unter den steinernen Tribünen gibt die UFC für die anwesenden Medien eine Pressekonferenz. Die europäischen Reporter wollen wissen, wann die Liga wiederkomme. Man sei immerhin schon lange nicht mehr in diesem oder jenem europäischen Land gewesen, dort werde man von Fans permanent gefragt, was da so lange dauere.

Der UFC-Offizielle bleibt vage und erklärt stattdessen, wo man überall sonst noch hin wolle: Der Nahe und vor allem Mittlere Osten stehe jetzt im Fokus, dort könne man sich neben Abu Dhabi und Saudi-Arabien zukünftig etwa auch Katar als Veranstaltungsort vorstellen, ebenso Bahrain oder Jordanien. Afrika sei ebenfalls interessant, als Beispiel für einen Veranstaltungsort wird Ruanda angeführt.

Was sich wie eine zufällige Wahl zur Veranschaulichung anhören mag, dürfte tatsächlich keineswegs Zufall gewesen sein: Ruanda steht inzwischen ebenfalls in dem Ruf, verstärkt Sportveranstaltungen ins Land locken zu wollen, um die Kritik an seiner Politik zu übertönen. Neben Menschenrechtsverstößen im Inland geht es im Falle Ruandas etwa die Unterstützung der Rebellenmiliz M23, die derzeit in der benachbarten Demokratischen Republik Kongo angreift.

Fragt man nach derartigen Dingen, bekommt man von UFC-Boss Dana White gern unwirsche Hinweise entgegengeworfen, er wisse genau, was man ihm da an fingierten Vorwürfen andrehen wolle. Typisch Presse eben. Die UFC, das ist der Tenor der Kommunikation, ist ein unpolitischer Ort des Wettkampfes, für niemanden und gegen niemanden.

Und auch in der Londoner Arena schert sich natürlich kein Mensch um Parallelen zur Politik. Man ist hier, um Sport zu genießen und abzuschalten. Als Quintessenz nach sechs Stunden Schlagen, Treten, Werfen und Würgen lässt sich aber feststellen: Nicht nur der Sport an sich, mit seinen Höhen und Tiefen, dem Durchstehen von Krisensituationen und dem Aufrappeln nach Niederlagen ist eine Parabel auf das Leben. Sondern er ist auch ein Seismograf für das, was sonst noch so in der Welt passiert. Auch hier spielt die Musik jetzt weitgehend woanders. Und das bekommen früher oder später auch die europäischen Fans zu spüren.

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