Er schrieb eines der berühmtesten Fußballlieder der Welt. Zur Europameisterschaft 1996 brachte Ian Broudie (66) mit seinen Lightning Seeds den Song „Three Lions“ über das ewige Scheitern der Engländer bei großen Turnieren heraus. Im Video machten sich die Musiker auch über die Deutschen lustig. Nun ist einer aus dem Land des fußballerischen Erzfeinds englischer Nationaltrainer: Thomas Tuchel. Was denkt Broudie darüber?

Frage: Was halten Sie von einem Deutschen als England-Trainer?

Ian Broudie: Es ist ohnehin schon ein extrem schwieriger Job. Als Nicht-Engländer wirst du noch kritischer beäugt. Es wird extrahart für Tuchel. Bei der ersten Niederlage dreht sich die Meinung gegen ihn. Wenn es um das Nationalteam geht, verlieren in England alle ihren gesunden Menschenverstand.

Frage: Tuchel sagt, dass er es sich erst verdienen will, die englische Hymne mitzusingen. Sollte er überhaupt singen?

Broudie: Ich wäre enttäuscht, wenn er singen würde. Das wäre albern! Er ist kein Engländer, also warum sollte er singen? Man muss aber auch wissen, dass der Interims-Trainer Lee Carsley, der vor Tuchel im Amt war, für Irland spielte und sich weigerte, die Hymne zu singen. Das Land ist ohnehin gerade ziemlich gespalten, vor allem wegen Themen wie Brexit. Ich habe das Gefühl, dass vor allem die Brexit-Befürworter auch keinen Deutschen als England-Trainer haben wollen.

Frage: Wie sehen Sie ihn persönlich?

Broudie: Mir ist es egal, woher er kommt. Tuchel war in der Premier League bei Chelsea, kennt das Land und die Kultur und die Spieler. Darauf kommt es an. Die meisten Premier-League-Klubs werden inzwischen von Ausländern betreut. Vor ihm gab es Fabio Capello, der gescheitert ist, und Sven-Göran Eriksson, dessen Zeit neutral bewertet wird. Aufgrund von Capello verstehe ich, dass manche Fans an Tuchel zweifeln.

Frage: Wäre er Ihre erste Wahl gewesen?

Broudie: Ich hätte lieber Pep Guardiola als Tuchel. Als Liverpool-Fan hätte ich natürlich auch gern Jürgen Klopp gesehen. Selbst wenn Pep es eher gewohnt ist, sich eine Mannschaft zusammenzukaufen, die zu seinem Stil passt.

Frage: Gibt es keine passenden Engländer?Broudie: Ehrlich gesagt, fallen mir nicht viele ein, höchstens Eddie Howe und Graham Potter. Wenn ich die Wahl hätte zwischen einem Engländer, der die Hymne mitsingt, aber nichts gewinnt, und einem Deutschen, der nicht singt, aber eine Trophäe holt, nehme ich auch den Deutschen (lacht).

Frage: Falls Tuchel mit England 2026 Weltmeister wird, singen Sie bei der Titelparty die Textzeile „Football’s Coming Home“ mit ihm?

Broudie: Dann feiere ich mit ihm! Auch wenn der Song eigentlich über die Heim-EM 1996 und das Gefühl des Scheiterns als England-Fan ist. Das Lied hat aber über die Jahre so ein Eigenleben entwickelt. Ich finde es auch klasse, wenn Deutsche oder Spanier es singen. 1996 sang es sogar Jürgen Klinsmann.

Frage: Würden Sie Tuchel in den Songtext einbauen?

Broudie: Ich bin durch mit Änderungen des Textes. Das wurde über die Jahre immer wieder gemacht und an die verschiedenen Turniere angepasst. Ich würde die 96er-Version singen.

Frage: Sie sangen in Liverpool beim Klopp-Abschied 2024. Warum passte er so gut nach Liverpool?

Broudie: Er umarmte mich dort. Das war klasse! Seine Werte passen einfach zu Liverpool. Die gesamte Stadt liebte ihn – und umgekehrt. Ich habe gehört, dass die Dortmunder sehr unglücklich sind, dass er jetzt zu Red Bull gegangen ist.

Frage: Einige sehen es als Verrat …

Broudie: Ich kann es schwer nachvollziehen. Wäre es so, als wenn er für die Manchester-United-Eigentümer, die Glazers, arbeiten würde? Das würde ich natürlich nicht gutfinden. Es wäre ein bitterer Nachgeschmack.

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) erstellt und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.

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