Es sind oft auch kleine Dinge, die ein großes Duell entscheiden. Und der deutschen Fußball-Nationalmannschaft an diesem Wochenende Hoffnung machen, dem Land eine Art „Mini-EM“ im Sommer bescheren zu können. Beim 2:1 (0:1) gegen Italien war es die Länge eines Bleistiftes, die den Sieg brachte. Und den ersten Erfolg in Italien seit 39 Jahren.
„Leon kam schon in der Halbzeitpause zu mir und sagte: ‚In letzter Zeit flankst du immer 20 Zentimeter zu hoch für mich‘“, berichtete Joshua Kimmich. Der Kapitän der deutschen Auswahl stand am späten Donnerstagabend nach dem Sieg im Hinspiel des Viertelfinales der Nations League gegen die Italiener stolz in den Katakomben des legendären Stadions San Siro. Und lobte den Mann des Abends: seinen Freund und Mitspieler Leon Goretzka.
Samstag absolviert die Mannschaft um den Mittelfeldstar des FC Bayern das Abschlusstraining im Dortmunder Stadion, wo sie am Sonntagabend (20.45 Uhr, im Sport-Ticker der WELT) im Rückspiel die Italiener empfängt. Die Mannschaft, welche in die nächste Runde einzieht, richtet die Halbfinals, das Endspiel sowie die Partie um Platz drei des Wettbewerbs aus. München und Stuttgart wären Anfang Juni die deutschen Spielorte.
Leon Goretzka – es ist das Sportcomeback des bisherigen Jahres. Als Julian Nagelsmann 2023 das Amt des Bundestrainers von dem bei der WM 2022 in Katar gescheiterten Hansi Flick übernahm, bootete er Goretzka schon bald aus. Auch beim FC Bayern war der 30-Jährige außen vor. Ausgerechnet Goretzka, der lange so wichtig war für beide Mannschaften. Nun ist er in beiden Teams wieder ein elementarer Faktor. Gegen Italien spielte Goretzka von Beginn an und erzielte den Siegtreffer nach einem Kimmich-Eckball (76.). Zudem gewann er in der Defensive die entscheidenden Zweikämpfe und trieb das Spiel besonders in der zweiten Hälfte immer wieder an – 486 Tage nach seinem bis dahin letzten Einsatz für Deutschland.
„Für mich ist Leon Goretzka der MVP“, sagt Nagelsmann
„Leon hat ein herausragendes Spiel gemacht“, betonte Nagelsmann. „Ich freue mich für ihn. Für mich ist er der MVP (Most Valuable Player, englisch für wertvollster Spieler, die Redaktion) des Spiels. Ich bin sehr froh, dass er so zurückgekommen ist. Er ist ein Topcharakter. Wir hatten immer ein sehr gutes Verhältnis, er hat bei Bayern sehr für mich gekämpft, was ich gut fand. Wir haben einen gemeinsamen Nenner gefunden.“
Nagelsmann sieht Goretzka als allgemeines Vorbild für den Umgang mit schwierigen Situationen, insbesondere für junge Menschen. „Es ist generell ratsam im Leben, nicht immer alles gleich hinzuwerfen. Wir werden durch dieses Vibe-Leben dazu gebracht, schnell etwas Neues zu machen, wenn das alte nicht so gut ist“, so der 37-jährige Trainer. Und nannte ein fiktives Beispiel aus dem Alltag wohl vieler Kinder: „Ich gehe in der F-Jugend ins Training, es regnet – und ich mache lieber Hallensport. Leon hat bewiesen, dass es sich lohnt, dranzubleiben, mal Täler zu durchschreiten und sich aus den vielen Diskussionen rauszuhalten.“ Tatsächlich hatte der Profi sich während der vergangenen Monate öffentlich nie beschwert.
Goretzka will jetzt vor allem seine Leistung sprechen lassen. Nach dem Duschen im Anschluss an das Spiel lehnte er viele Interviewanfragen der auf ihn am Stadionausgang wartenden Reporter höflich ab. In der ARD sagte er: „Es war sehr, sehr schön. Ich muss zugeben, dass es mich bei der Nationalhymne mehr gepackt hat, als ich gedacht hatte. Aber so soll es sein. Ich bin sehr glücklich, hier gespielt zu haben.“ Der Weg in den vergangenen Monaten sei nicht so einfach gewesen: „Jeder kann sich vorstellen, dass es nicht so schön war. Das mit dem Tor ist natürlich eine sehr schöne Geschichte. Die Mannschaft hat eine Gier entwickelt, Spiele gewinnen zu wollen.“
In der Tat war diese erste Partie gegen Italien der Beleg einer neuen Stärke der deutschen Elf. Vor der Vorbereitung auf die EM 2024, in ihrer Schwächephase in der Anfangszeit unter Nagelsmann, hätte sie solch eine Begegnung wohl kaum gedreht. Nun machte sie aus einem 0:1 auswärts ein 2:1 – obwohl mit den Kreativspielern Florian Wirtz von Bayer Leverkusen und Kai Havertz vom FC Arsenal sowie Torwart Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona und dem routinierten Stürmer Niclas Füllkrug von West Ham United wichtige Kräfte fehlten. Nagelsmanns Auswahl bewies Geduld, Teamgeist und Effektivität.
Etwa 3500 deutsche Fans waren nach Mailand gereist. Ein Beleg dafür, wie der Bundestrainer und seine Mannschaft es vor allem seit der EM geschafft haben, das Band zwischen Team und Anhang deutlich zu stärken. „Oh, wie ist das schön“ sangen die deutschen Fans im San Siro. Nach dem Abpfiff machte Nagelsmann kurz die „La-Ola“ mit den deutschen Zuschauern.
Nagelsmann hat mit seiner Startelf viel richtig gemacht. Und im Laufe der Partie Entscheidungen korrigiert, die sich als nicht richtig rausgestellt hatten. Nadiem Amiri vom 1. FSV Mainz 05 und sein Klubkollege Jonathan Burkhardt blieben in der Offensive blass, Pascal Groß von Borussia Dortmund überzeugte neben Goretzka nicht. Zur zweiten Hälfte brachte Nagelsmann Tim Kleindienst von Borussia Mönchengladbach für Burkhardt, der Stürmer nutzte seinen ersten Ballkontakt zum 1:1 (49.).
Und der für den schwachen Außenverteidiger David Raum von RB Leipzig eingewechselte Nico Schlotterbeck von Borussia Dortmund stabilisierte die Defensive. „Du brauchst Spieler, die Bock haben, auch reinzukommen und ein Spiel verändern zu wollen“, sagte Nagelsmann nach dem Abpfiff.
„Azzuri ließen sich von den Deutschen überholen und verspotten“
Die Entscheidung, Oliver Baumann von der TSG Hoffenheim für die beiden Italien-Spiele im Zweikampf mit Alexander Nübel vom VfB Stuttgart als Vertreter des verletzten Marc-André ter Stegen zur Nummer eins zu berufen, war wie die Entscheidung pro Goretzka total richtig. „Unbeschreiblich. Das war echt schön mit dieser Truppe. Ich genieße es gerade“, sagte Torwart Baumann, „aber es ist erst der erste Schritt.“
Ihm und seinen Kollegen ist bewusst, dass das Rückspiel eine Herausforderung ist. Wenngleich ein Unentschieden für den Einzug ins Halbfinale reicht. Und Deutschland den erhofften Einzug in die nächste Runde nicht mehr hergeben darf. Die italienische Zeitung „La Stampa“ schreibt: „Am Sonntagabend in Dortmund dürfte es schon ein Kunststück sein, das 2:1 im Hinspiel des Viertelfinales zu kippen, wenn man bedenkt, wie sich die Azzurri von den Deutschen überholen und verspotten ließen, nachdem sie durch Tonali bereits nach neun Minuten in Führung gegangen waren.“
Die deutsche Mannschaft strahlt einen besonderen Erfolgswillen aus. Das spürte Nagelsmann auch, als er seinem Team während der Halbzeitpause letzte Anweisungen gab – und die Spieler ihm verdeutlichten, dass sie jetzt zurück raus auf den Rasen und ihre durchwachsene erste Spielhälfte vergessen machen wollten. Es gelang mit einer Leistungssteigerung.
Der Sieg von Mailand könnte mittelfristig personelle Folgen haben. Goretzka ist aus dem Mittelfeld in dieser Form kaum wegzudenken. Für Robert Andrich von Bayer Leverkusen und Angelo Stiller vom VfB Stuttgart ist es im Kampf um die Plätze im zentralen Mittelfeld schwieriger geworden.
Und Baumann hat sein Standing in der Nationalelf gestärkt – vor einer Woche hatte er in der Bundesliga gegen den FC St. Pauli (0:1) noch einen Fehler begangen. „Er hat zwei Dinger gehalten, die er nicht halten muss“, sagte der Bundestrainer nach dem Erfolg in Mailand über Baumann, der in drei Länderspielen erst auf ein Gegentor kommt.
Nagelsmann ist ob all dieser Erkenntnisse zuversichtlich in Bezug auf das Rückspiel Sonntagabend. Und schickt dennoch zwischen all das Lob für die Mannschaft eine Warnung an seine Spieler: „Es ist ein gefährliches Resultat, wir sind nur ein Tor vorn. Wir tun alle gut daran, so ins Rückspiel zu starten, wie es dann auch steht, nämlich 0:0. Wir müssen versuchen, das Spiel zu gewinnen, dann müssen wir nicht rumrechnen. Ich habe keine Angst, aber es wird spannend. Das Stadion ist normal immer sehr laut, das wird am Sonntag sicher so sein und uns helfen.“ Er und sein Trainerteam hätten ein paar Ideen im Kopf, was anzupassen sei. Es könnte wieder auf die kleinen Dinge ankommen.
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