Vor einigen Jahren reiste Jürgen Klopp, damals noch in Diensten des FC Liverpool, zur Saisonvorbereitung nach Hongkong. Es standen offizielle Verpflichtungen an, Sponsorentermine und natürlich Training. Zwischendurch aber erkundeten die Spieler und Betreuer die Stadt. Nur Klopp nicht.
Dem Sicherheitspersonal war damals der Fan-Ansturm auf den Trainer nicht geheuer und ordnete seinen Verbleib im Hotel an. Er war der Einzige aus der Truppe, der zurückblieb. „Ich war da, habe aber nichts gesehen“, sagt Klopp. Das ist jetzt, wo der 57-Jährige zumindest ein kleines Stück weit aus dem Rampenlicht getreten ist, anders. Das Reisen fühlt sich für ihn anders an – freier.
Es sind launige Anekdoten wie diese, die der ehemalige Liverpool-Trainer in Kapstadt zum Besten gibt. Knapp 400 Menschen sind in ein Hafengebäude im Vorort Hout Bay gekommen, um Klopp einmal aus der Nähe zu erleben. Die Einnahmen der ausverkauften Veranstaltung kommen dem Fußballprojekt „Hout Bay United FC“ (HBUFC) zugute, das der Deutsche seit acht Jahren über die Berliner Initiative „Common Goal“ unterstützt. Profi-Fußballspieler und Trainer spenden ein Prozent ihrer Einnahmen für wohltätige Zwecke. Jürgen Klopp ist der wohl prominenteste Teilnehmer dieser Initiative, seine Mittel gehen an HBUFC und weitere Projekte.
In Hout Bay gibt es zwei Townships, aber auch viele Menschen aus der Mittelschicht, 15 Teams haben die Macher in den vergangenen zehn Jahren geformt. Was einst als loser Montagabendkick begann, um die Bewohner unabhängig von ihrem Hintergrund zusammenzubringen, hat zu einigen der besten Jugendteams der Stadt geführt. Das Frauenteam spielt in der Zweiten Liga, die Männer in der Dritten – parallel laufen für die 1700 Mitglieder auch Bildungsprogramme, Experten helfen bei der Jobsuche. „Die Welt hat viele Probleme gerade, aber ihr habt zusammengefunden“, sagt Klopp zur Begrüßung, „und ich liebe das.“
Klopp über seine ersten Monate im neuen Job
Dann erzählt er im Gespräch mit Sizwe Mbebe, dem ehemaligen Bundesliga-Moderator des südafrikanischen Fernsehsenders SABC, über seinen neuen Job als „Head of Global Soccer“ beim Brausekonzern „Red Bull“. Dessen Vereine hat er in den vergangenen Wochen abgeklappert, in den USA, Brasilien und Japan etwa. Er profitiere dabei von seinen Trainererfahrungen in Mainz, Dortmund und Liverpool. „Wir mussten die Vereine immer aufbauen, neue Trainingsplätze bauen, Personal restrukturieren. Ich weiß da also ein bisschen drüber.“
Das bedeute aber nicht, dass er nach Japan reise und dort allen erkläre, „wie wir es in Deutschland machen“, sagt Klopp, „das macht keinen Sinn.“ Es gehe darum, die örtlichen Abläufe zu verstehen, in Ruhe darüber nachzudenken und dann Input zu möglichen Verbesserungen zu geben. „Das ist unglaublich spannend, ich bin super happy mit dieser Rolle“, sagt Klopp.
Es ist offenbar nicht der Rahmen, um auf die Kritik an seiner Unterschrift einzugehen – Kritiker betrachten die Vereine als Fußball spielende Marketingabteilungen von Red Bull. Fans von Mainz äußerten mit Bannern beim Spiel ihres Clubs gegen RB Leipzig ihren Unmut: „Bist du bekloppt?“ Eine entsprechende Frage der WELT, die neben 250 anderen Fragen von Fans und Journalisten im Vorfeld eingereicht wurde, gelangte nicht in die Auswahl von Moderator Mbebe.
Dafür ließ sich Klopp einige persönliche Aspekte seiner Karriere entlocken. Über Freundschaften mit Kollegen etwa. Das sei angesichts von Spielen im Dreitagestakt nicht immer einfach. Aber zu Pep Guardiola, der Trainer des Liverpool-Konkurrenten Manchester City, habe er einen guten Draht. „Ich hatte immer das Gefühl, dass wir, wenn wir beide nicht mehr Trainer sind, mal ordentlich ausgehen und über all das reden, was wir erlebt haben.“ Auch zu Carlo Ancelotti von Real Madrid habe er ein glänzendes Verhältnis – bis auf die Jahre, in denen dieser den Liverpool-Lokalrivalen Everton betreut habe: „Dann ruft man sich eine Zeit lang nicht an.“
Gelöst wirkt Klopp, auch ein ganzes Stück schlanker als im vergangenen Jahr, wohl das Resultat seiner neuen Leidenschaft: Padel, ein Trendsport, der Tennis und Squash kombiniert. Er habe nicht unbedingt allzu viel mehr Zeit als früher, sagt Klopp, „aber ich kann sie mir besser einteilen.“
Klopps gesellschaftlicher Appell
Zum fünften Mal ist der Welttrainer des Jahres 2019 nun in Südafrika. Etwas Urlaub, aber auch Arbeit, sein langjähriger Berater Marc Kosicke lebt hier, wo Vereine wie Liverpool und Manchester United populärer als die meisten lokalen Teams sind. Die Nation, die so viel schlechte Presse erhält, hat sich zu einem der Lieblingsländer von Klopp entwickelt. Er möge das Wetter, vor allem aber die Menschen, und „die Art, wie sie mit Problemen umgehen“.
Auch darüber will Klopp reden. Und dann setzt er regelrecht zu einem gesellschaftlichen Appell an, so wie er es zu Liverpool bereits gelegentlich getan hat – aber nicht in so deutlichen Worten. Der Fußball in Hout Bay habe ihm einmal mehr gezeigt, welche wunderbare Wirkung dieses Spiel auf das Zusammenleben der Menschen habe.
„Das ist es, was ich am meisten an dem liebe, was wir tun“, sagt er, „und dass wir es in einer Zeit tun, in der es scheint, als ob sich jeder nur um sich selbst kümmert. Wo ein Land wichtiger ist als das andere, wo wir völlig vergessen haben, wie wichtig Einigkeit ist, wo man denkt: „Oh mein Gott, der größte Dummkopf im Land gewinnt eine verdammte Wahl. Wie ist das möglich?“
Es hört sich wie ein Gruß nach Washington an. Es gebe ja „nicht nur ein, sondern verschiedene Länder“, schiebt Klopp, der Medienprofi, rasch hinterher. Am Ende aber zähle ohnehin nur eines: „Wir normalen Menschen müssen mit dem täglichen Leben zurechtkommen. Und wenn wir das gemeinsam anpacken, dann wird das viel, viel besser werden.“
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