Sensation in der NBA: Nikola Jokic sorgt mal wieder für einen Allzeit-Rekord in einem Thriller, der durch zwei Fehler in den allerletzten Sekunden entschieden wird. Jokic träumt von Bier - und sammelt Argumente für die MVP-Wahl, die er nicht gewinnen wird.
Noch 12,8 Sekunden sind zu spielen. Die Minnesota Timberwolves führen in der Verlängerung bei den Denver Nuggets mit 125:123. Natürlich sucht das NBA-Team aus der ehemaligen Goldgräberstadt nun seinen Superstar - und natürlich liefert Nikola Jokic ab. Der Serbe erhält an der Dreipunktlinie den Basketball, drängt mit dem Rücken zum Korb seinen Gegner, Megastar Anthony Edwards, nach hinten. Ein zweiter Verteidiger eilt hinzu, aber Jokic dreht sich locker und anmutig um beide Spieler und trifft zum Ausgleich. Es geht in die zweite Overtime.
Alles bei Jokic sieht einfach aus, dabei hat niemand anders auf der Welt seinen Basketball-Werkzeugkoffer. Vielleicht hatte noch nie jemand einen dergleichen. Am Ende stehen 61 Punkte (die meisten eines NBA-Spielers in dieser Saison), zehn Rebounds und zehn Assists auf dem Konto des 30-Jährigen. Eine schier unglaubliche Ansammlung von statistischen Werten. So unglaublich, dass so viele Punkte bei einem Triple Double noch kein einziger Profi in der langen NBA-Historie vorweisen konnte. Weder Michael Jordan noch LeBron James, Kobe Bryant, Magic Johnson, Kareem Abdul-Jabbar oder Wilt Chamberlain.
"Das war vielleicht das beste Spiel, bei dem ich je mitgewirkt habe", sagt Minnesotas Edwards anschließend: "Nikola Jokic, oh mein Gott, er könnte der beste Basketballspieler sein, den ich je gesehen habe. Er ist unglaublich. Wir mussten einfach hoffen, dass er mal daneben wirft. Hut ab."
Jokic sehnt sich nach Couch und Bier
Selbst auf seine Nacht des Wahnsinns angesprochen und wie er seinen Rekord betrachtet, antwortet der für seine Späße bekannte Jokic: "Da denke ich vielleicht drüber nach, wenn ich auf der Couch liege und ein Bier trinke."
"Wow, das war das Spiel des Jahres", ist Adam Lefkoe, Moderator beim US-Sender TNT nach dem Drama komplett außer Atem. "Jedes Mal, wenn die Nuggets einen wichtigen Korb brauchten, sorgte Jokic dafür, was für eine Leistung." Und NBA-Legende Shaquille O'Neal fügt hinzu: "So machen das Superstars." Nuggets-Coach Michael Malone bringt es mit dem ultimativen Superlativ auf den Punkt: "Dieser Typ ist Superman."
Jokic spielt die zweite Halbzeit und beide Verlängerungen durch, steht 52 Minuten und 38 Sekunden auf dem Parkett. Der Durchschnitt in seiner Karriere liegt bei knapp 32 Minuten. Doch gegen die Timberwolves mit dem stark aufspielenden Edwards wird der 2,11-Meter-Riese händeringend benötigt, ist beinahe an jeder Aktion beteiligt, da er zwar die Center-Position besetzt, bei den Nuggets aber gleichzeitig für den Spielaufbau zuständig ist.
Am Schluss bringen ihn aber 0,1 Sekunden und zwei haarsträubende Fehler seines Mitspielers Russell Westbrook um den Sieg. Der Point Guard kann mit 11 Sekunden auf der Uhr in der zweiten Verlängerung beim Stand von 139:138 für Denver entweder die Shot-Clock herunterspielen oder zum Korb ziehen. Westbrook entscheidet sich bei einem schnellen Gegenstoß für die zweite Variante - und verlegt einen einfachen Layup, den er in seinem Leben schon zehntausendfach verwandelt hat.
Zwei bittere Patzer von Westbrook
Damit nicht genug. Denn die Timberwolves liegen noch immer hinten und die Defensive der Nuggets steht beim erneuten Gegenstoß gut. Nur noch ein Notwurf mit der Sirene durch Nickeil Alexander-Walker gelingt. Der Kanadier wirft daneben, aber weil Westbrook ungestüm in ihn hineinspringt, bekommt Minnesota mit 0,1 Sekunden auf der Uhr drei Freiwürfe zugesprochen. Alexander-Walker trifft zwei davon, stellt auf 140:139 für für die Timberwolves und entscheidet das Spiel.
Doch auch ohne den Sieg setzt Jokic ein weiteres Ausrufezeichen. Nachdem er jüngst bereits mit dem ersten Spiel überhaupt mit 30 Punkten, 20 Rebounds und 20 Assists für einen Eintrag in die Rekordbücher der besten Basketball-Liga der Welt gesorgt hatte, folgt Dienstagnacht das nächste Kapitel. Dennoch gilt der dreifache MVP in der wohl besten Spielzeit seiner Karriere nicht als Favorit auf den diesjährigen Titel des wertvollsten Spielers der Saison.
Denn in der NBA spielt ja noch SGA. Shai Gilgeous-Alexander von den Oklahoma City Thunder. Mit einem Blick auf die simplen individuellen Statistiken müsste Jokic im Rennen um die MVP-Trophäe eigentlich vorn liegen. Der Serbe erzielt im Saisondurchschnitt ein Triple-Double (das schafften vor ihm nur Westbrook und Oscar Robertson), seine gut 29 Punkte und seine knapp 13 Rebounds pro Spiel sind jeweils der drittbeste Wert in der Liga in diesem Jahr, seine 10,2 Assists der zweitbeste. Gilgeous-Alexander führt zwar die Scorerliste an, liegt aber in den anderen Kategorien weit hinter Jokic.
Erweiterte Statistiken zeigen jedoch, dass auch SGA abliefert wie kaum jemand vor ihm. Erst drei Spielern in der NBA-Geschichte gelang es, in einer Saison im Durchschnitt 33 Punkte, sechs Assists und fünf Rebounds aufzulegen und dabei einen True-Shooting-Wert (eine Kennzahl, die Drei-Punkte-, Zwei-Punkte- und Freiwürfe zusammenfasst) von 60 Prozent vorzuweisen. Michael Jordan, James Harden und Luka Doncic.
Das MVP-Dilemma um Jokic und SGA
Gilgeous-Alexander wird wohl der vierte in der Riege werden, mit dem True-Shooting-Bestwert von 64,5 Prozent. So effizient wie der Thunder-Star war also noch kein anderer Superstar vor ihm. Gerade beim Mitteldistanzwurf, Jordans größte Waffe, stellt SGA den wohl besten Basketballer aller Zeiten in den Schatten, wenn es um die Trefferquote geht. Jokic hat aber sogar einen True-Shooting-Wert von 65,9 Prozent und erzielt nur etwa vier Punkte weniger pro Spiel.
Wie man es auch dreht, der Wert und Einfluss auf ihre Teams der beiden Superstars können kaum beziffert werden. Während SGA aus seinen ohnehin starken Thunder das beste Team der Saison (und eines der besten aller Zeiten, was Siege und Niederlagen angeht) geformt hat (63 Siege, 12 Niederlagen), macht Jokic eine sonst nicht so gute Mannschaft zu einer starken Truppe (47 Siege, 29 Niederlagen). Westbrooks Fehler zeigen, dass die Nuggets ohne Jokic nicht elitär sind und in den Playoffs nichts reißen können. Mit dem Serben ist Denver allerdings alles zuzutrauen, den jungen Thunder um Shai Gilgeous-Alexander sowieso.
Damit steckt die NBA in einem MVP-Dilemma, eigentlich müsste es zwei Sieger geben. Aber in das MVP-Voting, das ausgewählte Mitglieder der Medien jährlich durchführen, spielt viel mehr rein. Es geht nicht nur um den besten oder den wertvollsten Spieler. Es geht auch um das Narrativ. Und da punktet SGA deutlich. Der 26-Jährige führt ein junges und hungriges Thunder-Team an und hat im Gegensatz zu Jokic noch keine MVP-Trophäe gewonnen. Da kann der Serbe noch so viele Rekorde brechen.
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