Es war nicht das erste Mal, dass Christian Ilzer für Aufsehen sorgt – und wer ihn kennt, geht davon aus, dass es auch nicht das letzte Mal sein wird. Es sei halt wichtig, Ziele zu haben und „in Visionen zu denken“ hat der Trainer der TSG 1899 Hoffenheim gesagt – und dann mal so richtig einen rausgehauen. „Ich will in drei Jahren Hoffenheim ins internationale Geschäft zurückbringen. Und ich will in fünf Jahren um die Deutsche Meisterschaft spielen mit Hoffenheim“, hatte der Österreicher im Interview mit dem „Kicker“ erklärt. Rumms.
Mit dem Klub aus dem beschaulichen Kraichgau, der derzeit strampelt, um sich aus dem Tabellenkeller der Bundesliga zu befreien, um die Schale zu spielen, und sei es auch erst fünf Jahren? Das mutet vermessen an. Wie bitte solle das denn gehen?
Es stimmt zwar: Durch die Meisterschaft von Bayer Leverkusen in der vergangenen Saison gab es den Hinweis, dass es in den kommenden Jahren auch mal wieder einen Titelträger geben könnte, der nicht Bayern München heißt. Es ist Bewegung in die Spitzengruppe der Liga gekommen.
Die Dortmunder und die Leipziger, die jahrelang als die beiden einzig halbwegs ernsthaften Bayern-Herausforderer gehandelt wurden, haben dies in der laufenden Spielzeit zu spüren bekommen. Den Frankfurtern mit ihrem wirtschaflichen Background wird einiges zugetraut – auf Sicht vielleicht auch den Stuttgartern. Es gibt veritable Kandidaten für die internationalen Ränge wie Mainz, Freiburg, vielleicht auch Gladbach. Aber Hoffenheim als Titelaspirant? Dazu fehlt jedem Fan die Fantasie.
Auf drei Kreuzbandrisse folgte die Ausbildung zum Elektrotechniker
Ilzer nicht. Das hängt mit seinem Werdegang zusammen. Der 47 Jahre alte Steirer, der aus einfachen Verhältnissen stammt, ist in seinem Leben immer ins Risiko gegangen. Und nachdem er als Teenager nach drei Kreuzbandrissen seinen Traum, Profifußballer zu werden, beenden musste, ließ er sich von seinen Eltern überreden, eine Ausbildung zum Elektrotechniker zu machen. Safety first – so hatte es sein Vater für ihn gewollt.
Doch das reichte Ilzer nicht. Er wollte Trainer werden – und schaffte es. Stufe für Stufe erklomm er die Leiter im österreichischen Fußball. Er führte den Wolfsberger AC in die Europa League – und schaffte dann mit Sturm Graz das, was niemand für möglich gehalten hatte: Er wurde mit dem Klub Pokalsieger und holte 2024 sensationell das Double.
Ilzer durchbrach damit die Dominanz von Red Bull Salzburg. Das war ungefähr so wahrscheinlich, als wenn ein Mofa von Puch – das Werk steht in Graz – das Rennen gegen einen Formel 1-Boliden von Red Bull gewinnen würde. Während die Salzburger offiziell einen Personalaufwand von knapp 50 Millionen Euro betreiben (inoffiziell dürfte es wegen der Verflechtung der verschiedenen Red-Bull-Klubs sogar mehr sein), kamen die Grazer nicht einmal auf die Hälfte.
„Bei Sturm Graz war ich die Dampflok vor einem langen Zug. In Hoffenheim bin ich auf einem Ozeandampfer. Ich muss sehen, wo ich was drehen kann, damit der Dampfer in die richtige Richtung fährt“, sagte Ilzer auch. Hier genau ist das Problem. Während er in Graz, wo er über vier Jahre war, gemeinsam mit seinem Mentor Andreas Schicker, der dort bis Oktober Geschäftsführer war, quasi durchregieren konnte, ist die Struktur in Hoffenheim wesentlich komplizierter.
Der Klub ist zwar, das darf durchaus als Erfolg verbucht werden, bereits im 17. Jahr in der ersten Liga, krankt aber an sich selbst: Mäzen Dietmar Hopp hat sein finanzielles Engagement zwar deutlich zurückgefahren, hat aber immer noch enormen Einfluss. Das macht es den handelnden Personen auf der Kommandobrücke nicht unbedingt leicht. Alexander Rosen, der langjährige Vorgänger von Schicker als Sportgeschäftsführer, musste nach einem jahrelangen Machtkampf mit Hopp gehen.
Schicker holte, kaum dass er da war, Ilzer, um eine neue Aufbruchstimmung zu erzeugen. Das ist nicht leicht. „Es wird sicher eine gewisse Zeit brauchen, bis unsere Idee von Fußball verinnerlicht sein wird“, sagte er im Gespräch mit WELT. Es gelte zunächst, die Klasse zu halten und dann über mehrere Transferperioden die Mannschaft zu verändern. Ein Anfang wurde im Winter gemacht, als mit Bazoumana Touré und Gift Orban zwei neue Offensivkräfte für insgesamt 19 Millionen Euro verpflichtet wurden. Mit Leo Östigard kam zudem ein Innenverteidiger als Leihgabe. Doch es werde mehrere Jahre brauchen, das Team neu auszurichten. „Aber ich denke, dass der Verein grundsätzlich bereit ist für etwas Neues“, so Schicker.
Das österreichische Duo ist fest entschlossen, dem Projekt Hoffenheim neues Leben einzuhauchen. Dazu sei, so Schicker „sehr viel Energie von innen“ nötig. Für die ist vor allem Ilzer zuständig, der einen Fußball spielen lassen will, der ein wenig an den von Ralf Rangnick erinnert. Der heutige Teamchef der österreichischen Nationalelf hatte den Klub vor 17 Jahren in die Bundesliga geführt. Damit spielte die TSG tatsächlich um die Spitze. Im Dezember 2008 war Hoffenheim Herbstmeister. Alle bestaunten das Wunder aus dem Kraichgau.
Davon ist der Verein weit entfernt. Ilzer hat die Mannschaft, die er auf Tabellenplatz 15 übernommen hat, bislang gerade mal auf Platz 14 geführt. Ein Trainer, der zu einem solchen Zeitpunkt solche Aussagen tätigt, läuft Gefahr, belächelt zu werden. Doch das hat Christian Ilzer noch nie gestört. „Wenn du in dir selbst ein Limit hast, eine Art persönliche Box, und alles, was von außen kommt, verunsichert dich extrem – dann gilt es, das aufzubrechen“, erklärte er. Gesagt – getan.
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