Viele Fans und Experten ließ Schiedsrichter Tobias Reichel mit seinen Entscheidungen am Wochenende in Sinsheim irritiert zurück. Da es nicht das erste Mal war, dass Reichel fragwürdige Entscheidungen traf, muss endlich grundsätzlich überlegt werden, was man insgesamt in Zukunft verbessern kann. Und da kommt eine alte Idee wieder ins Spiel!
"Die Irren-ist-menschlich-Geschichte kann ich mittlerweile nicht mehr hören", meinte der österreichische Trainer Dietmar Kühbauer vor einiger Zeit nach einem Spiel seines Klubs und versuchte seinen Frust über eine wieder einmal eindeutige Fehlentscheidung eines Schiedsrichters herunterzuschlucken. Doch dann sagte er noch einen anderen, entscheidenden Satz: "Die Spieler bereiten sich vor, sie arbeiten hart, es geht um viel Geld." Und damit sprach der frühere österreichische Nationalspieler indirekt etwas an, das seit vielen Jahren nicht nur in unserem Nachbarland, sondern auch hier in Deutschland immer mal wieder diskutiert, aber bis heute immer noch nicht umgesetzt wurde: der Profischiedsrichter.
Dr. Matthias Jöllenbeck lebt in Freiburg und ist neben der Schiedsrichterei Unfallchirurg. Sven Jablonski arbeitet ansonsten in der Bremer Filiale einer großen Bank. Und Tobias Reichel, der seit 2021 offiziell Mitglied des Bundesliga-Kaders ist, kommt aus dem Marketing - kann man überall nachlesen, wenn man sich für die Hauptberufe unserer Schiedsrichter interessiert. Doch auch für den aktuellen Trainer von Borussia Dortmund, Niko Kovac, ist es ein Unding, dass die Unparteiischen neben ihrem Job auf dem grünen Rasen noch einem anderen Erwerb nachgehen: "Auf dem Niveau, wo so viel Geld umgesetzt wird und es um Kleinigkeiten und Details geht, da erwarte ich, dass es in Deutschland auch einen reinen Profi-Schiedsrichter gibt. Sie sollen ihren Unterhalt damit verdienen können."
Spätestens seit am Wochenende wieder einmal auf verschiedenen Plätzen der ersten und zweiten Liga zahlreiche Entscheidungen der Unparteiischen deutlich hinterfragt wurden, scheint eine Neubelebung der Diskussion über eine Professionalisierung des Schiedsrichterwesens zwingend nötig. Denn vor allem die fragwürdigen Elfmeter-Entscheidungen von Tobias Reichel bei der Partie zwischen der TSG Hoffenheim und dem FC Augsburg ließen Fans wie Experten am Wochenende ratlos und frustriert zurück. So wie Sky-Experte Dietmar Hamann dachten viele über den verhängten Strafstoß gegen Augsburg: "So einen Elfmeter zu geben, ist eine Frechheit. Das ist Bundesliga, das können wir so nicht zulassen. Ich war und bin immer noch fassungslos."
Die letzten "Amateure" der Liga
Doch nicht alleine die seltsame Entscheidung von Tobias Reichel irritierte, auch das Nicht-Einschalten des VAR in dieser Szene wirft Fragen auf. Schließlich war es nicht das erste Mal, dass Reichel bei einem vermeintlichen Handspiel auf Strafstoß entschied. Bereits im DFB-Pokal-Viertelfinale zwischen Leipzig und Wolfsburg hatte der Schiedsrichter einen strittigen Handelfmeter gegeben. Beides Mal waren das zweifelsfrei Entscheidungen mit einer großen Bedeutung und Tragweite. Und genau deshalb auch umso diskussionswürdiger. Man darf sich bei beiden Situationen durchaus die Frage stellen, ob sie mit einer intensiveren Schulung und klarer vermittelten Vorgaben nicht vermeidbar gewesen wären.
Zu Zeiten als Coach des VfL Wolfsburg meinte Kovac einmal: "Ich habe zuletzt am Flughafen ein Schiedsrichter-Gespann getroffen. Dort sagte mir einer, dass er noch rund 20 Stunden die Woche seinem Job nachgehe." Kovac forderte damals schon, dass die Schiedsrichter von ihrer zweiten Arbeit freigestellt werden müssten, um sich "tagtäglich auf den Fußball fokussieren" zu können. Eine Forderung, die Ex-Schiri Urs Meier deutlich unterstreicht: "Ich sage schon lange, dass man das Schiedsrichterwesen professionalisieren muss. Es geht nicht, dass wir noch immer Amateure in der Bundesliga haben." Und damit trifft Meier genau den entscheidenden Punkt.
Was folgt auf ehrliche Sätze?
Denn während sich die Profis ausschließlich um ihren Haupterwerb des Fußballers kümmern können, gehen die Schiedsrichter unter der Woche zumeist noch einer anderen Tätigkeit nach. Urs Meier fordert deshalb schon länger: "Wir bräuchten eigentlich die 19. Mannschaft, das müssten die Schiedsrichter sein. Das heißt, wir müssten einen Trainer haben, einen Co-Trainer haben. Wir müssten Konditionstrainer und Physiotherapeuten haben. Wir müssen einen Psychologen haben, also wie bei einer Profimannschaft. Und die müssen auch zusammenkommen und zusammen trainieren, zusammen analysieren."
"Die Entscheidung des Schiedsrichters auf Strafstoß ist für uns nicht korrekt", sagte Alex Feuerherdt, Leiter Kommunikation und Medienarbeit der DFB Schiri GmbH, nach der Partie der TSG Hoffenheim gegen Augsburg am Samstag bei Sky. Ein ehrlicher Satz. Doch die Frage, die alle Fußballfans interessiert, ist: Was folgt aus dieser alternativlosen Erkenntnis? Und wie kann man aktiv vermeiden, dass Tobias Reichel nicht auch in Zukunft wieder eine einsame Entscheidung bei einem vermeintlichen Handvergehen im Strafraum trifft?
Welchen Satz von Didi Hamann alle Fans sofort unterschreiben
Niko Kovac hat klare Vorstellungen, welchen positiven Effekt die Einführung des Profischiedsrichters haben könnte: "Jeder hat dann seinen eigenen Analysten. Das wird vom Verband gesteuert. Unter der Woche kann man die Szenen vom Spieltag oder auch aus anderen Ligen ausdiskutieren und somit alle auf ein anderes Niveau heben. Das Problem, das ich momentan sehe: Es gibt zu viele Unterschiede bei den Schiedsrichtern." Und genau dieses Problem könnte man vermutlich in der Tat beeinflussen, wenn alle Schiedsrichter unter der Woche auf eine gemeinsame Linie gebracht würden - in ihrer "freien" Zeit, die sie nun als Profischiedsrichter für eine weitere Professionalisierung ihres Jobs auf dem grünen Rasen verwenden könnten.
Übrigens: Auch aktuell ist der Verdienst der Unparteiischen bereits auf einem Niveau, der zum Bestreiten des Lebensunterhalts durchaus reichen sollte. Tobias Reichel hatte zum Jahreswechsel in dieser Saison schon 138.400 Euro (davon 68.000 Grundgehalt) auf dem Lohnzettel stehen. Und wenn man im Zuge der Einführung des Profischiedsrichters auch noch einmal über eine Anhebung der Altersgrenze (aktuell mit 47 Jahren) nachdenken würde, so scheint die Idee nicht mehr ganz so abwegig. Irgendetwas muss schließlich getan werden. Denn den Satz von Didi Hamann ("Das ist Bundesliga, das können wir so nicht zulassen") würden sicherlich 99 Prozent aller Fußballfans sofort unterschreiben!
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