Seine Heldentaten haben sich für Marius Wörl auch karrieretechnisch ausgezahlt. Bundestrainer Hannes Wolf hatte den Mittelfeldspieler von Arminia Bielefeld ins Aufgebot der deutschen U20-Nationalmannschaft berufen. Wörl hatte kurz überlegt, ob er der Einladung überhaupt Folge leisten kann. Schließlich stand für seinen Verein am vorvergangenen Mittwoch das Halbfinale im Westfalenpokal beim Oberligaverein Sportfreunde Siegen an – was mit den Terminen der U20 kollidierte. Doch Trainer Mitch Kniat befreite ihn aus der Zwickmühle. „Dazu habe ich eine klare Meinung“, sagte er seinem Spieler: „Wenn Deutschland ruft, dann stehst du stramm und fragst nur: ,Wann muss ich wo sein?’“
Also spielte Wörl für die deutsche Nachwuchsauswahl, gewann mit ihr in Teplice 1:0 gegen Tschechien und kam mit ihr in Babelsberg zu einem 1:1 gegen Portugal. Dabei war er einer von nur vier Drittligaspielern im Aufgebot. „Und das darf uns als Verein auch stolz machen“, erklärt Kniat. Die Bielefelder meisterten ihre Pflichtaufgabe in Siegen auch ohne Wörl – wenn auch knapp (1:0).
Die Hauptsache ist, dass der 20-Jährige, der als Siebenjähriger ins Nachwuchsinternat des FC Bayern kam und seit Sommer 2023 für die Ostwestfalen spielt, am kommenden Dienstag wieder für die Arminia bereit ist: Denn dann kommt der deutsche Meister Bayer Leverkusen zum Halbfinale im DFB-Pokal (20.45 Uhr, ARD, Sky und im Liveticker bei WELT) – und Wörl ist ein Spezialist, wenn es darum geht, große Gegner auszuschalten.
Bielefeld schaltete schon drei Bundesliga-Klubs aus
In der ersten Runde hatte er beim 2:0 gegen den Zweitligaverein Hannover 96, pikanterweise der Klub, zu dem der nach Saisonende wieder wechseln wird, den Führungstreffer erzielt. Beim 2:0 gegen Union Berlin gelang ihm dies ebenfalls. Beim 3:1 gegen den SC Freiburg legte er das 1:0 auf. Und beim 2:1 gegen den dritten Bundesligaklub, Werder Bremen, traf er selbst wieder. Auch dank ihm entwickelten sich die Bielefelder zu einem Pokalschreck, der nun gegen das Starensemble von Meistertrainer Xabi Alonso nach den Sternen greift.
Die Euphorie ist riesengroß – und Kniat versucht erst gar nicht, sie zu bremsen. „Es ist wie in den Spielen zuvor: Wir haben keine Chance, aber die werden wir nutzen, und dann schauen wir weiter“, sagte der 39-Jährige, der seit 2023 bei der Arminia ist. Er selbst ist zwar kein Ostwestfale, kannte aber die Region gut. Er trainierte die zweite Mannschaft des SC Paderborn und dann den SC Verl aus dem Kreis Gütersloh, ebenfalls aus der Dritten Liga. Kniat wusste, dass ein Wechsel zur Arminia für ihn eine Chance sein kann – wenn auch ein Wagnis.
Denn bevor er kam, hatte der Traditionsklub einen fast beispiellosen Crash hingelegt. Arminia war von der Bundesliga bis in die Dritte Liga durchgereicht worden. Die Folge war ein totaler Zusammenbruch – und ein Neuaufbau unter extremen Bedingungen. Fast alle Spieler gingen – lediglich Routinier Fabian Klos, damals 35, und Talent Henrik Koch, gerade 16, blieben übrig. „Wir hätten vielleicht Skat spielen können, für ein Freundschaftsspiel hätte es noch nicht gereicht“, erinnert sich Christoph Wortmann, der Finanzgeschäftsführer, an den Tag, nachdem der Abstieg in die Dritte Liga feststand. Für die meisten der 27 Profis, die den Klub verließen, gab es keine Ablösen. Arminia musste um die Existenz kämpfen – wieder einmal.
„Bündnis Ostwestfalen“ rettete die Arminia
Das war nicht neu. Fünf Jahre zuvor, damals spielte waren die Bielefelder in der Zweiten Liga, hatte Zahlungsunfähigkeit gedroht. Es folgte die Sanierung – dank einer einzigartigen Unterstützung der heimischen Wirtschaft. Das „Bündnis Ostwestfalen“ wurde geschmiedet.
Größtenteils regionale Unternehmen, die den Wert des Vereins als Imageträger für die Stadt erkannten, schlossen sich zusammen, lösten Verbindlichkeiten in Höhe von 26,5 Millionen Euro ab und kauften die Schüco-Arena, die altehrwürdige „Alm“, zurück. 2020 stieg Arminia in die Bundesliga auf – und verzettelte sich erneut. Beim allzu ehrgeizigen Versuch, den Klub nachhaltig auszurichten, unterliefen Fehler, die mit zwei Abstiegen in Folge bezahlt werden mussten.
Die spannendste Frage war: Würden die meist mittelständischen Partner trotzdem bei der Stange bleiben? Sie taten es. Im vergangenen Jahr wurde für zehn Millionen Euro Baukosten ein neues, modernes Trainingszentrum errichtet – finanziert von den Firmen, die 2018 bereits für die Entschuldung gesorgt hatten. „Ohne das Vertrauen von Menschen, denen Arminia Bielefeld am Herzen liegt, wäre dies nicht möglich gewesen“, sagt Wortmann im Gespräch mit WELT AM SONNTAG.
Auch sportlich hat sich die Lage wieder stabilisiert – was allerdings mühsam war. Die neue Mannschaft hatte Probleme, sich zu finden. Arminia musste bei den Fans, die wegen der zwei Abstiege wütend waren, Kredit zurückgewinnen. Im ersten Jahr in der Dritten Liga konnte erst am vorletzten Spieltag der Klassenverbleib geschafft werden – in der aktuellen Saison spielt die Mannschaft oben mit. Die Rückkehr in die Zweite Liga ist möglich.
Am besten jedoch läuft es im Pokal. Dort wächst die neue Arminia regelmäßig über sich hinaus. Wie dieses Phänomen zu erklären ist, weiß niemand so recht. Einig sind sich die Spieler jedoch, dass es irgendwie mit der besonderen Atmosphäre der Bielefelder Pokalnächte zusammenhängt. „Wir geben Vollgas und greifen an, weil wir wissen, dass wir nur dann eine Chance haben“, sagte Wörl. Auffällig ist: Die Arminen waren bei ihren Siegen gegen die höherklassigen Rivalen jeweils die überlegene Mannschaft. Für den Rest sorgten die Fans: Es war unfassbar laut, die Tribünen der „Alm“ vibrierten.
Imagegewinn durch die Erfolge im DFB-Pokal
Das Geld, das durch die Erfolge in Kasse gespielt wurde, kann der Klub gut gebrauchen. Bereits rund 6,5 Millionen Euro wurden im Pokal eingenommen – nur knapp eine Million Euro weniger als der komplette Kader kostet. Die Überschüsse sollen zielgerichtet investiert werden – beispielsweise in die Optimierung der Nachwuchsarbeit. In der kommenden Saison wird wieder eine zweite Mannschaft an Start gebracht. Die war während der Finanzkrise 2017/2018 eingestampft worden. Die neue U21 muss zwar in der fünftklassigen Oberliga Westfalen anfangen, ist aber ein wichtiger Baustein, um Talenten im Übergang eine Perspektive zu bieten.
Noch bedeutsamer ist jedoch der Imagegewinn auf bundesweiter Bühne – erst recht, wenn tatsächlich der Einzug ins Finale geschafft werden sollte. Natürlich ist dies eher unwahrscheinlich. „Ich glaube, wir müssten uns einen Aschenplatz bauen, damit wir etwas mehr Chancen zu haben“, sagte Kniat. Nur dann ließe sich das technische Gefälle zwischen den ungleichen Gegnern vielleicht ein wenig nivellieren. Andererseits: Der Wunsch der Arminen, erstmals nach Berlin zu fahren, ist groß. Viermal haben sie es in ihrer 120-jährigen Historie ins Halbfinale geschafft, weiter noch nie. „Wir sind auf einem guten Weg, eine noch bessere Geschichte zu schreiben“, versprach Kniat, wenn auch die Generalprobe für seine Mannschaft am vergangenen Samstag nicht ganz so gut gelaufen ist.
Im Drittligaspiel gab es daheim gegen die zweite Vertretung von Hannover 96 nur ein 2:2. Bielefeld belegt bei noch acht verbleibenden Saisonspiel aktuell Rang vier.
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