Es ist ja nicht so, dass Niko Kovac besonders viele Anlässe zur Freude gehabt hat, seit er bei Borussia Dortmund ist. Doch als diese Frage kam, grinste er breit. Wer denn auf die Idee gekommen sei, ausgerechnet Nico Schlotterbeck Eckbälle schießen zu lassen, wollte der Reporter von dem BVB-Trainer wissen.

„Um ehrlich zu sein: Das war ich“, antwortete Kovac und freute sich nahezu diebisch. Denn seine überraschende Maßnahme, ausgerechnet den Innenverteidiger, der in seiner gesamten Profilaufbahn noch nie einen Eckball getreten hatte, mit dieser Aufgabe zu betrauen, war ein durchschlagender Erfolg.

Schlotterbeck benötigte nur einen Fehlversuch, bis er sich in seinem 149. Bundesligaspiel auf Anhieb als Spezialist in einer Disziplin entpuppte, von der der Nationalspieler nie geglaubt hatte, dass es die seine sei. Seine zweite Ecke überhaupt führte schon zu einem Tor: Schlotterbeck schlug den Ball von der rechten Seite lang auf den zweiten Pfosten. Dort stand BVB-Kapitän Emre Can und köpfte den Ball ein. Mit seiner fünften Ecke, diesmal kam sie ein wenig kürzer, fand Schlotterbeck Maxi Beier – wieder ein Kopfball, wieder ein Tor.

Es waren das 2:0 und das 3:0. Die Dortmunder siegten am Ende 3:1 (2:0) und wahrten ihre Resthoffnung auf eine erneute Qualifikation für das europäische Geschäft. Nicht auszudenken, sie hätten gegen die Mainzer nicht gewonnen. Dem krisengeschüttelten BVB hätte eine Zerreißprobe gedroht.

„Der ist kein Badstuber“

„Wir haben einen Linksfuß gesucht – und Nico hat einen starken linken Fuß“, erklärte Kovac seine Maßnahme. Die Dortmunder hatten in der laufenden Saison bei Standardsituationen – und speziell bei Ecken - kaum Gefahr ausstrahlen können. Dabei hatten sich bereits mehrere Spieler ausprobiert. Ob Julian Brandt, Pascal Groß oder auch Winterzugang Daniel Svensson – ihre Eckbälle kamen meist entweder zu lang oder zu kurz.

Also suchte Kovac das Gespräch mit seinem Abwehrspieler und erzählte ihm von Holger Badstuber. Der frühere Bayern-Nationalspieler sei genau wie Schlotterbeck ein linker Innenverteidiger gewesen und habe gute Eckbälle geschlagen. Längst nicht alle im Team hätte das überzeugt. „Es gab Mitspieler, die gesagt haben: ‚Der ist kein Badstuber‘“, erklärte Kovac. „Das werden wir schon sehen“, hätte er entgegnet.

In jedem Fall ließ sich Schlotterbeck auf einen Versuch ein. „Dann habe ich es trainiert, und sie kamen tatsächlich sehr gut“, sagte er. Das einzige, was Schlotterbeck ein bisschen Sorge bereitet habe, war die Aussicht, zukünftig nicht mehr als Kopfballspieler in der Mitte auf Eckbälle lauern zu können. „Doch der Trainer hat gesagt, ich müsse ja nur die Ecken von rechts schlagen.“ Die von der linken Seite werde weiterhin Groß ausführen.

Diese Episode sagt viel über die Arbeitsweise von Kovac aus. Er ist ein Pragmatiker, verlässt sich manchmal auch auf sein Bauchgefühl - oder auf simple Beobachtungen. Im modernen Fußball wirkt das auf groteske Weise schon fast anachronistisch. Denn es gibt ja mittlerweile Spezialisten für alles und jenes; Fachleute, die mit Datensätzen oder KI arbeiten. Für die Standards hatte der BVB im vergangenen Sommer mit dem Engländer Alex Clapham eigens einen Spezialisten verpflichtet. Doch auf die Idee mit Schlotterbeck war der offenbar nicht gekommen.

Dabei ist Fußball ein einfaches Spiel – nach wie vor. Das ließ sich an diesem Sonntag in Dortmund auch an anderen Aspekten festmachen. Es war kein berauschender Auftritt der Dortmunder, kein Feuerwerk. Der BVB schlug die Mainzer, die positive Überraschungsmannschaft, mit deren eigenen Mitteln. „Wichtig war, dass wir kämpferisch dagegenhalten, das haben wir getan. Wir haben die meisten Kopfballduelle gewonnen, waren bissig, haben hinten und im Mittelfeld richtig zugepackt. Mit spielerischen Mitteln wäre es heute nicht gegangen“, sagte Kovac.

Guirassy verletzt

Er hatte sogar die Mainzer Grundordnung gespiegelt, ließ mit drei Innenverteidigern und einer aus Karim Adeyemi und Beier bestehenden Doppelspitze spielen. Letzteres zwar gezwungenermaßen, da Torjäger Serhou Guirassy kurzfristig muskuläre Probleme bekommen hatte, aber mit Erfolg: Beier traf zweimal.

Durch den Sieg rückte der BVB auf fünf Punkte an den zur Europa-League-Teilnahme berechtigenden Platz fünf heran. Der Abstand auf die Mainzer, die unverändert den vierten Rang behaupten, der die Qualifikation für die Champions League bedeuten würde, wurde auf sieben Zähler verkürzt. Die Lage sei „leicht besser“, erklärte Kovac: „Heute haben wir mal gewonnen, doch es bleibt noch einiges zu tun.“ Das nächste Etappenziel soll ein Auswärtssieg in Freiburg am kommenden Samstag sei – ehe mit dem FC Barcelona im Viertelfinale der Champions League und dem FC Bayern in der Bundesliga echte Highlights warten.

„Definitiv zu wenig“, sagt der Trainer

Kovac fährt in dieser für die Dortmunder und damit auch für ihn so seltsamen Saison auf Sicht – anderes bleibt ihm auch nicht übrig. „Obwohl wir unter den Top Acht in Europa sind, stehen wir zu Recht in der Kritik. Was wir in der Bundesliga bislang gezeigt haben, ist definitiv zu wenig. Und ohne Ergebnisse entstehen Unruhe und negative Kritik. Der müssen wir uns stellen“, sagte er gegenüber „Bild am Sonntag“. Die besondere Herausforderung für den 53-Jährigen besteht darin, eine Mannschaft, die viel Kredit verspielt hat und der viele Kritiker keine Perspektive mehr zugestehen wollen, in der Spur zu halten – ohne genau zu wissen, wie es auch mit ihm persönlich weitergehen wird.

„Um mit etwas Weitsicht alles reinzubringen, was ich gerne machen möchte, braucht es gewisse Zeit“, sagte Kovac. Er hat noch einen Vertrag für eine weitere Saison, allerdings mit einer Kündigungsklausel, die der Verein im Sommer unter bestimmten Bedingungen ziehen könnte. In einigen Bereichen – vor allem in Bezug auf defensive Stabilität – sind seit seinem Dienstbeginn vor nur knapp zwei Monaten Fortschritte gemacht worden. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass die Saison für den aktuellen Tabellenzehnten dennoch enttäuschend enden kann, ist nach wie vor hoch. Und dann könnte erneut ein Sündenbock gesucht werden – obwohl der BVB, der zwar viele Probleme hat, sicher kein Trainerproblem aufweist.

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