Läuft es schlecht, heißt es im Fußball oft, dass „jetzt alles hinterfragt wird“ – und dann ändert sich erst mal wenig. In Mönchengladbach ist das anders. Jeden Tag um 7.45 Uhr wird bei der Borussia die Erfolgsformel für den Tag ausgetüftelt.
Zu dieser Zeit setzen sich Sport-Boss Roland Virkus und Sportkoordinator David Zibung im ersten Stock des Borussia-Parks zusammen und stimmen rund 45 Minuten lang die wichtigsten Abläufe rund um die Führung, den Trainerstab und die Mannschaft ab. Anschließend bespricht Zibung die Pläne mit Trainer Gerardo Seoane und seinem Assistenten Patrick Schnarwiler, die so gut wie immer die Ersten in der Kabine sind. Bevor die Spieler zum morgendlichen Fitness-Check erscheinen, wissen längst alle im Team, wie der Tag detailliert laufen wird.
Die veränderten Abläufe sind mit ein Grund dafür, dass Mönchengladbach plötzlich wieder richtig gut ist. Vergangene Saison entkam der Kult-Klub nur knapp dem Abstieg. Nun verdrängte er am vergangenen Spieltag mit einem 1:0 im direkten Duell sogar RB Leipzig vom Europa-League-Rang. Die Borussia siegte auch ohne den gesperrten Torjäger Tim Kleindienst im „Big-Point-Spiel“. Die Elf vom Niederrhein, die zuletzt drei Heimspiele nacheinander nicht gewinnen konnte, setzte sich verdient durch und sorgte somit auch dafür, dass RB sich am Sonntagvormittag von Trainer Marco Rose und dessen Assistenten trennte.
Vor 52.382 Zuschauern im Borussia-Park erzielte Alassane Plea (56. Spielminute) den Treffer zum Sieg für die Gastgeber. Die Sachsen hingegen blieben vier Tage vor dem DFB-Pokal-Halbfinale beim VfB Stuttgart am Mittwoch (20.45 Uhr, im Sport-Ticker der WELT) auch im siebten Auswärtsspiel nacheinander ohne Sieg. Plea ist ein absoluter Erfolgsgarant der Borussia, erzielte in den vergangenen zwei Spielen vier Tore.
„Wir haben eine Quelle die nicht versiegt“, sagt Sportchef Virkus
Ausgerechnet gegen Angstgegner RB Leipzig, den Gladbach in 18 Spielen erst viermal bezwingen konnte, und mit einem Sieg gegen Ex-Trainer Rose, unter dem die Borussia vor vier Jahren zuletzt in der Champions League spielte, untermauerte das Team seine internationalen Ambitionen. „Wenn man solche Spiele gewinnt, darf man auch mal ein bisschen nach oben schielen und träumen. Wenn wir auswärts so weitermachen, warum nicht?“, befand U21-Nationalspieler Rocco Reitz nach seinem Comeback.
Der junge Mittelspieler steht stellvertretend für den Weg des Klubs, jungen Talenten die Möglichkeit der Weiterentwicklung zu ermöglichen. Im Tor steht seit drei Spielen der 18 Jahre alte Tiago Pereira Cardoso, Keeper der Gladbacher U19-Mannschaft. „Wir haben eine Quelle, die nicht versiegt. Das ist unser Weg, der ist auch alternativlos“, sagte Sportdirektor Virkus. Der Kapitän der A-Junioren blieb in drei Spielen ohne Gegentor und ließ die Ausfälle der beiden verletzten Keeper Jonas Omlin und Moritz Nicolas vergessen.
„Die ganze Mannschaft versucht, ihn zu unterstützen. Er ist ein Pfundskerl mit seinen 18 Jahren und hat eine Top-Mentalität“, sagte Kapitän Julian Weigl. Der Nationalspieler Luxemburgs steckt zudem gerade in den Vorbereitungen zur Abiturprüfung, sein Reifezeugnis in der Bundesliga hat er bereits unter Beweis gestellt. „Er strahlt für sein Alter schon eine Ruhe und Sicherheit aus, das ist beeindruckend“, sagte Reitz.
Die Zeit, in der die Borussia-Fans ihre Mannschaft nach dem 1:2 in Augsburg am sechsten Spieltag auspfiffen und viele die Ablösung von Seoane forderten, ist jedenfalls vorbei. Stattdessen träumen die Fans von Europa – auch dank der Kaderplanung.
Zwei zentrale Punkte wurden in der Krisenanalyse erkannt und behoben.
Erstens: Eine klare Achse wird gebraucht
Die Mannschaft sollte eine Gesichtsveränderung und eine klare Achse erhalten. Nach den Abschieden von Yann Sommer, Lars Stindl, Jonas Hofmann, Tony Jantschke und Patrick Herrmann trennte man sich durch die Vertragsauflösung mit Christoph Kramer auch vom letzten Platzhirschen.
Virkus holte mit Aushängeschild Tim Kleindienst (1. FC Heidenheim), Kevin Stöger (VfL Bochum) und Philipp Sander (Holstein Kiel) erfahrene, aber noch hungrige Stars hinzu. So konnte sich eine natürlich gewachsene neue Machtstruktur mit neuen Leadern wie Kassenwart Rocco Reitz oder Torwart Nicolas entwickeln.
Zweitens: Vertrauen in das System haben
Seoane hält konsequent an einem System fest, sagt: „Wir haben eine Struktur gefunden mit dem 4-2-3-1. Zwei Sechser vor der Kette haben uns defensive Stabilität gegeben.“
Vergangene Saison kassierte Mönchengladbach im Schnitt noch zwei Gegentore pro Spiel, jetzt nur noch 1,5.
Gute Trainingsleistungen belohnt Seoane noch stärker mit Einsatzzeiten. Wie bei Nicolas, der den Konkurrenzkampf im Tor gegen den Kapitän und Seoane-Vertrauten Omlin gewann. Nicolas zur Nummer 1 zu machen stärkte das Vertrauen der Kabine.
Auf jeder Position wurde ein gesunder Konkurrenzkampf geschaffen. Beispiel: Auf der Zehn pushen sich Stöger und Plea zu Höchstleistungen.
Nebenschauplätze und Brennpunkte gibt es kaum noch, das Team tritt endlich wieder als Einheit auf, erfüllt die Bosse-Vorgabe des solidarischen Verteidigens. In diese Struktur konnten sich auch Talente wie Lukas Ullrich (21) nachhaltig integrieren.
Vor allem schaffte Mönchengladbach bei seiner größten Problemstelle die Erfolgswende: Vergangene Saison verspielte die Mannschaft 31 Punkte nach Führungen – diese Saison wurden zwölf von 13 Führungen ins Ziel gebracht.
Seoane sagte über die geschärfte Siegermentalität: „Wir haben versucht, im Training gewisse Dinge mit kleinen Regeln anzupassen – wer das nächste Tor schießt, gewinnt, und so weiter – um den Wettkampf-Spirit im Training zu forcieren.“
Intern wird auch die deutlich gestiegene Identifikation der Stars mit dem Klub als wichtiger Grund für die Aufwärtsentwicklung gesehen. Neuestes Beispiel: Mittelfeld-Profi Jens Castrop, der im Sommer für 4,5 Millionen Euro aus Nürnberg kommt, soll von den Verhandlungsgesprächen so begeistert gewesen sein, dass er seine Berater proaktiv in Gladbach anrufen ließ, um zuzusagen.
Die Borussia zieht wieder – nicht nur bei den Fans.
Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) verfasst und zuerst in SPORTBILD veröffentlicht.
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