Willi Lemke sorgt vor fünfunddreißig Jahren zusammen mit Uli Hoeneß dafür, dass die Bundesliga aus ihrem finanziellen Dornröschenschlaf erwacht. Seine genialen Ideen, Geschäfte zu machen, lockt das Geld in die Liga. Zuerst profitiert sein Verein, der SV Werder, und anschließend der gesamte deutsche Fußball.
"Action ist mein Leben, und Einfälle habe ich Tausende", hat Willi Lemke einst gesagt. Der Mann, der zusammen mit seinem langjährigen Rivalen Uli Hoeneß die Bundesliga revolutionierte, war vor fünfunddreißig Jahren in aller Munde. Ein großes deutsches Sportmagazin nannte ihn in diesen Tagen ein "Finanzgenie", weil alles "was er anfasst, zu Geld wird." Und tatsächlich: Der damalige Manager des SV Werder verpasste der Bundesliga durch seine genialen Ideen und Einfälle ein völlig neues Gesicht. Er war die personifizierte "Geldmaschine von Bremen", wie die "Sport Bild" anmerkte.
Die Zeiten, in denen ehrenamtliche Helfer bei den Vereinen regierten, waren nun endgültig vorbei. Es sollten Geschäfte gemacht werden. Möglichst große natürlich. Denn die Liga - und allen voran Willi Lemke - wollte mehr. Und sie zeigte das auch. Werder stellte seinem pfiffigen Manager stets das neuste Modell von Mercedes vor die Tür. Denn Lemke hatte erkannt: "Man kann bei Sponsoren nicht in einem Passat vorfahren." Und so galt von nun an in Bremen: "Wo ein Willi ist, ist auch ein Weg." So notierte es der "Kicker".
Seit der Spielzeit 1981/82 hatte Lemke damals Stück für Stück seine Einfälle in Bremen verwirklicht. Und das von Anfang an mit viel Power und Energie - wie wohl der Beginn erst einmal holprig war. Werder-Präsident Dr. Franz Böhmert war damals zwar direkt begeistert von den Ideen des SPD-Parteisekretärs Lemke zur Führung eines Bundesligavereins, aber er hatte so seine Bedenken. Wie sollte er einen linken Politiker seinen zumeist konservativen Sponsoren schmackhaft machen?
Die Marketingtricks des Willi Lemke
Schließlich hatte Böhmert einen Plan. Er mietete einen Raum, lud die wichtigsten 50 Geldgeber ein, ließ Willi Lemke eine Stunde erzählen und wartete ab, was passierte. Und tatsächlich: Es geschah genau das, worauf Böhmert gehofft hatte. Die Sponsoren kamen auf ihn zu und sagten ihm: "Mensch, wenn ihr mal einen neuen Manager braucht, nehmt doch den Lemke!" Böhmert lächelte still in sich hinein und verpflichtete am nächsten Morgen Willi Lemke als Nachfolger von Rudi Assauer.
Doch die Verhältnisse im deutschen Fußball waren damals noch meilenweit entfernt von denen heutzutage - und Lemke und Hoeneß waren mit ihren Geschäftsideen die einsamen Mohikaner in einer finanzschwachen Bundesligasteppe. Und so fiel Lemke selbst mit den simpelsten Einfällen direkt auf. Wie in der Spielzeit 1984/85.
Sechs Spiele vor Schluss lag Bremen damals nur einen Punkt hinter den Bayern. Und was machte der pfiffige Werder-Manager da? Er versprach öffentlich bei jeder Gelegenheit, die sich ihm bot, den Münchner Gegnern ein Fässchen Bremer Bier für jeden Punkt, den sie den Bayern abnahmen. Selbstverständlich lieferte der geschäftstüchtige Manager in jedem Interview die Marke des Gerstensaftgetränks gleich mit. Schließlich standen in naher Zukunft neue Verhandlungen mit dem Bier-Sponsor an - da konnte sich ein wenig Gratiswerbung durchaus schnell in klingender Münze bezahlt machen.
37.204 beim Familientag mit Festzelt und Sonderparpklatz
Lemke war es auch, der in der Spielzeit 1987/88 die Halbzeitshow in der Bundesliga einführte. Da, wo früher allenfalls einmal Jugendspiele die Zuschauer während der Pause erheiterten, etablierte der Werder-Manager ein neues Spiel: den "Superschuss". Fans durften unten auf dem heiligen Rasen versuchen, von der Mittellinie direkt ins Tor zu treffen. Eine Riesengaudi - denn, wer es schaffte, kassierte tatsächlich 1000 Mark. Die Zuschauer liebten die neue Attraktion in der Pause. Und von nun an begannen in (fast) allen Stadien die Vereine die Zeit zwischen den beiden Halbzeiten zu nutzen - und vor allem auch: zu vermarkten.
Den ganz großen Coup lieferte Willi Lemke, dem Mann, dem die besten Ideen immer unter der Dusche kamen ("Schade, dass ich da nichts zu schreiben habe"), dann erstmals in der Saison 1988/89 ab. Damals ließ sich der agile Manager etwas komplett Neues einfallen: den Familientag bei Werder Bremen. Lemke verkaufte dafür das komplette Bundesligaspiel gegen Waldhof Mannheim an einen Sponsor. Ein genialer Schachzug, wie Willi Lemke hinterher stolz und zufrieden erklärte: "12.000 Zuschauer kommen normalerweise zum Spiel gegen Waldhof. Das macht rund 70.000 Mark Nettoeinnahmen. Jetzt habe ich das ganze Spiel für 120.000 Mark verkauft, sodass wir 50.000 zusätzlich verdienen."
Doch nicht nur das war an diesem "Citroën-Werder-Familientag mit Festzelt und Sonderparkplatz" (so die Werbung) so besonders. Denn statt einem nur zu einem Drittel gefüllten Weserstadion kamen an diesem Tag genau 37.204 Zuschauer zum Spiel gegen Waldhof Mannheim und sahen nicht nur einen 2:1-Sieg, sondern auch ein attraktives Rahmenprogramm rund um den aufstrebenden Nachwuchs-Moderator Günther Jauch und Stimmungssänger Gottlieb Wendehals ("Polonäse Blankenese"). Im Bierzelt des Autosponsors wurde dieses historische Ereignis damals noch bis tief in die Nacht gefeiert.
Nadelöhr: Vorzimmer
Am nächsten Montag schrieb der "Kicker": "Der Bundesliga laufen die Zuschauer weg. Da hatte Willi Lemke, der Manager von Werder Bremen, eine Idee. Er verkaufte das Spiel gegen Mannheim an einen Sponsor. Ein genialer Einfall. Die Partie im Weserstadion wurde zum Familientag, zum Volksfest. Ein neuer Weg für die Liga?"
Im Grunde ja, aber nicht für alle Vereine, wie sich schnell herausstellen sollte. Denn das neue Geschäftsmodell forderte schließlich auch einen Manager vom Schlage eines Willi Lemke. Und selbst der hatte anfangs immer wieder so seine Probleme dabei, die Spiele an den Mann zu bringen: "Sieben Mal rufst du an und kriegst immer nur die Vorzimmerdame. Aber irgendwann hat der Chef die Nase voll und lässt sich sprechen."
Vor fünfunddreißig Jahren hatte sich dieses Problem für Lemke allerdings bereits erledigt. Die Sponsoren, die das "pralle Werder-Angebot" erwerben wollten, standen Schlange und mussten teils monatelang warten, bis der pfiffige Bremer Manager sich mit ihnen an einen Tisch setzte. Mittlerweile konnten die Geldgeber auch Fallschirmspringer im Stadion landen lassen, die den Spielball - selbstverständlich mit einem speziellen Sponsoren-Aufdruck - hoch aus den Lüften mit auf den Rasen im Weserstadion brachten. An Einfällen mangelte es Willi Lemke, dem Mann, der die Bundesliga mit seinen genialen (Finanz-)Ideen verkaufte und dabei revolutionierte, schließlich nie.
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