Die wichtigsten Baustellen haben die Kaderplaner des FC Bayern schon abgeräumt. Joshua Kimmich? Verlängert. Jamal Musiala? Verlängert. Alphonso Davies? Verlängert. Nur, was wird aus Thomas Müller? Das ist immer noch unklar.

Es ist eine Kunst, schlechte Nachrichten zu überbringen. Das Ende einer Beziehung, die Ärztin, die nichts Gutes verkünden kann, die Absage nach einem Vorstellungsgespräch. Es ist selten leicht, nie angenehm. Ratgeber empfehlen dann immer, die Fakten aufzuzählen, nichts zu beschönigen, sich Zeit zu nehmen und Lösungen aus dem Dilemma aufzuzeigen. So viel zur Theorie.

Praktisch ist das alles komplizierter. Es ist nur Mutmaßung, aber möglicherweise werden an der Säbener Straße gerade ähnliche Ratgeber gegoogelt. Denn dort stehen die Verantwortlichen vor einem Problem: Was wird eigentlich aus Thomas Müller? Seit der D-Jugend läuft er für den deutschen Fußball-Rekordmeister auf. Er ist wohl einer der wenigen, denen man abnimmt, dass sie als Kind schon in der Bettwäsche ihres Vereins geschlafen haben.

Die Sache ist nur: Der Vertrag des Bayern-Urgesteins läuft im Sommer aus, noch hat er keinen neuen unterschrieben. Die "Bild"-Zeitung berichtet nun, dass sich Klub und der 35-Jährige in der Länderspielpause gleich zweimal zusammengesetzt hätten, um die Zukunft zu beraten. Herausgekommen sei aber kein neuer Einjahresvertrag. Die Tendenz sei, dass ihm auch keiner angeboten werde. Dabei hieß es zuletzt immer, Müller dürfe selbst über seine Zukunft entscheiden.

Wie schon beim DFB?

Glaubt man den Berichten, dann gestalten sich die Verhandlungen eher schwierig. Müller könne sich durchaus vorstellen, bei angepassten Bezügen noch eine Saison beim Rekordmeister zu spielen. Er fühle sich körperlich noch immer fit genug, um den hohen Ansprüchen zu entsprechen. Momentan ist er einer der Topverdiener, unbestätigten Berichten zufolge sollen es 17 Millionen Euro im Jahr sein.

Es kitzelt noch, sagte Müller jüngst dem "Spiegel". Es geht ihm vor allem um den Kick, die großen Spiele, die Titel. "Ich bin realistisch, dieses Adrenalin kriege ich nach der Karriere nie wieder", sagte er. Noch könne er nicht loslassen, so stark jucke es ihm in den Füßen und Fingern. "Solange ich denke, dass ich körperlich in der Lage bin, mich dieser Herausforderung zu stellen und um den Kitzel zu kämpfen, will ich weitermachen."

Bei der "Bild" heißt es weiter, dass die Chefetage des FC Bayern Müller zwar halten wolle, aber nicht mehr als aktiven Spieler. Und die Tendenz gehe eher dahin, dass nach zwei Jahrzehnten seine Zeit bei den Münchnern endet. "Wir befinden uns mit Thomas in Gesprächen, wie auch mit Leroy Sané und Eric Dier. Wie bei allen anderen Spielern werden wir uns über Details nicht äußern", sagte Sportdirektor Christoph Freund am Freitag auf eine entsprechende Frage zu Müller.

Nun ist es so: Schon in der Nationalelf war Müller seinem Karriereende zuvorgekommen. Nach dem Aus im Viertelfinale der Heim-Europameisterschaft sagte er noch im Bauch der Stuttgarter Arena, dass es realistisch sei, dass das sein letztes Spiel im DFB-Dress gewesen sei. Wochen später bestätigte sich Müllers Prognose: Er verkündete seinen Rücktritt. Schon zur Heim-EM war er weniger aus sportlichen Gründen, sondern als "Connector" gefahren, als Schmiermittel zwischen den verschiedenen Mannschaftsteilen. Einer, der mit den Rappern und Jodlern kann, sagte Bundestrainer Julian Nagelsmann damals.

Hoeneß leidet mit

Beim FC Bayern verhielt es sich zuletzt ähnlich. Müller spielt unter Trainer Vincent Kompany keine große sportliche Rolle mehr. Früher, bei Ex-Trainer Thomas Tuchel gab es noch die Thomas-Müller-Spiele, aber selbst die haben sich erledigt. Müller sammelte bislang nur etwas mehr als ein Drittel der Einsatzminuten in der Bundesliga, in der Königsklasse ist es gerade einmal ein Viertel. Auch seine Torbeteiligungen halten sich in Grenzen, mit jeweils fünf Toren und Vorbereitungen in insgesamt 34 Einsätzen.

Es bleiben also nicht mehr viele Optionen. Die Frage ist, was Thomas Müller selbst will? Mittlerweile sind bis auf Manuel Neuer alle seine Rio-Weltmeister-Kollegen auch verschwunden. Will er weiter regelmäßig Fußballspielen, dann kann er das vermutlich nicht beim FC Bayern. Solange keine Katastrophe passiert, bleibt Trainer Kompany bei den Münchnern. Das heißt: Für Müller läuft es auf eine Bankrolle hinaus. Und auch das liegt nicht im Klubinteresse: Die Bayern müssen sparen. Dazu passt ein Auswechselspieler, der zu den Topverdienern gehört, nicht so richtig. Müller müsste also in der MLS oder bei einem anderen Klub anheuern.

Vor einem ähnlichen Dilemma standen Borussia Dortmund und Marco Reus schon vor einem Jahr: Was wird aus der Legende, deren Zeit abgelaufen ist? Reus und der BVB fanden eine Lösung. Sie kommunizierten in der vergangenen Saison gemeinsam das Vertragsende. Die Borussen begannen danach mit dem Umbruch, Reus holte in der MLS seine erste Meisterschaft.

Es muss also keine ausweglose Zwickmühle sein, auch wenn es derzeit eine Misere ist. Der FC Bayern will seine derzeit wohl größte Identifikationsfigur nach ihrem Karriereende weiter halten. Die Frage ist, wie man das kommuniziert und die schlechte Nachricht überbringt? Vielleicht mit einem Vertragsangebot, das er nicht annehmen kann? Oder ein Machtwort der Bayern-Größen? Denkbar ist, dass man noch abwartet, ob die Bayern ihr großes Ziel, das diesjährige CL-Finale in München, erreichen.

Denn eine Sache, da sind sich alle einig, stellte Bayern-Patron Uli Hoeneß schon vor Wochen klar: "Ein Thomas Müller, der ständig auf der Bank sitzt, das kann auch nicht eine Lösung sein." Zu groß sind seine Verdienste für den FC Bayern. Doch reicht das, was gewesen ist, für die Gegenwart? Hoeneß ist im Zwiespalt. "Als Mensch würde ich es mir wünschen. Sportlich muss man sehen." Irgendwer muss ihm nur sagen.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke