Die Kulturgeschichte der Balljungen in der Bundesliga wurde einschneidend durch Pep Guardiola geprägt. Als er ab 2013 in München seine Spielphilosophie dem FC Bayern einimpfte, berief er auch gleichzeitig ein Heer von Kindern zur Hilfe an den Spielfeldrand.
Der katalanische Startrainer setzte bei seinem Kombinationsfußball auf Geschwindigkeit. Angriffswelle auf Angriffswelle sollte in die Hälfte des Kontrahenten schwappen und der Gegner dabei nicht verschnaufen können. Ein Faktor war dafür, den Ball so schnell wie möglich wieder dem Spiel zuzuführen. Die Balljungen waren Teil seines taktischen Zauberprogramms. Ball im Aus, schnell wieder zugeworfen, Angriff eingeleitet, Bayern Meister. So in etwa. Es fand flugs Nachahmer, bis heute.
Doch damit dürfte es bald vorbei sein. Einem Bericht der „FAZ“ zufolge scheint das Ende von Guardiolas Erbe nah. In dieser Woche hatten sich nämlich Führungskräfte der 36 Klubs der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Frankfurt zur Tagung der Sportverantwortlichen getroffen. Eines der Themen: die Ballkinder und ihr Tun.
Anschauungsunterricht durch Noel Urbaniak in Dortmund
Was vielleicht nicht von ungefähr kommt, den just in dieser Woche trat einer von ihnen ins Rampenlicht: Noel Urbaniak. Der 15-Jährige hatte in Dortmund beim Viertelfinal-Rückspiel gegen Italien entscheidenden Anteil an einem Treffer der deutschen Nationalmannschaft. Er hatte das 2:0 durch Jamal Musiala mit einer geistesgegenwärtigen Aktion überhaupt erst möglich gemacht.
Urbaniak warf nach der Parade des italienischen Torhüters Gianluigi Donnarumma den Ball direkt zu Kimmich, der Italiens Unaufmerksamkeit im Strafraum bemerkte und den Ball nach einer schnell ausgeführten Ecke direkt flach in die Mitte spielte. Dort stand Musiala komplett frei und vollendete ins leere Tor. Guardiola hätte seine Freude daran gehabt.
Der Spielzug kam so überraschend, dass nicht nur die Italiener, sondern auch der TV-Regisseur überrumpelt wurde. Während das Tor fiel, lief im Fernsehen noch die Wiederholung der Donnarumma-Abwehr. Bald aber wird das offenbar in der Form nicht mehr möglich sein.
In der Premier League schon länger Praxis
Ein Sprecher der DFL sagte jedenfalls der „FAZ“, dass die Sportverantwortlichen sich mündlich darauf geeinigt haben, dass es in der kommenden Saison einheitliche Spielregeln für Ballkinder geben soll. Und diese dann nicht mehr machen können, was Urbaniak gemacht hat.
Der DFL soll dem Bericht zufolge ein Modell vorschweben, das die in der englischen Premier League schon seit März 2024 praktiziert wird. Die Ballkinder dürfen laut Anweisung den Ball nicht mehr den Spielern zuwerfen, sondern müssen das Spielgerät auf dafür festgelegte Hütchen legen, wo die Spieler ihn sich dann selbst holen. Das Kalkül ist, dass damit den gastgebenden Teams der Heimvorteil genommen wird. Unverkennbar war ja in so manchen Duellen, dass der Ball vor allem in kritischen Momenten meistens sehr viel schneller zugeworfen wird als den Spielern der Gastmannschaft.
In der Liga wird indes das englische Modell schon von einigen Klubs umgesetzt. Bayer Leverkusen, Holstein Kiel, der FC Augsburg und 1899 Hoffenheim legen die Ballkinder den Ball auf den Hütchen ab.
Ein Fall wie der des Balljungen Charlie Morgan soll auf jeden Fall verhindert werden. 2013 wollte Morgan, Sohn von Klub-Chef Martin Morgan, bei der Ligapokal-Partie zwischen Swansea City und dem FC Chelsea, den Ball einfach nicht herausrücken. Die 80. Minute war angebrochen, Swansea führte 2:0, und der damals 17-jährige Balljunge legte sich auf den Ball. Chelsea-Stürmer Eden Hazard trat Morgan daraufhin wütend in den Bauch – und sah die Rote Karte.
Charlie Morgan legte danach übrigens eine bemerkenswerte Karriere hin – als Unternehmer. Er gründete zusammen mit seinem Schulfreund Jackson Quinn die erfolgreiche Wodka-Marke „Au Vodka“, die ihn zu einem der jüngsten Millionäre Großbritanniens machte.
Patrick Krull ist Sport-Redakteur der WELT. Balljungen kennt er nur aus dem Fernsehen oder von Stadionbesuchen. In seiner eigenen Fußball-Karriere waren er oder seine Mitspieler froh, wenn sie bei Punktspielen den Ball nicht selbst aus dem Bach fischen mussten, der hinter dem Spielfeld seines Heimatklubs verlief.
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