Vincent Kompany und Christoph Freund war am Ende dieser sehr bewegten Woche deutlich anzumerken, wie sehr sie der vergangene Mittwoch beschäftigt hat. Und immer noch beschäftigt. Vor zwei Tagen war dem Trainer und dem Sportdirektor des FC Bayern mitgeteilt worden, dass mit Alphonso Davies und Dayot Upamecano zwei wichtige Verteidiger wegen Verletzungen lange ausfallen.
Wegen der folgenschweren Knieverletzung von Alphonso Davies erwägt der deutsche Fußball-Rekordmeister nun eine Klage gegen den kanadischen Fußball-Verband. Das bestätigte Freund Freitagvormittag auf der Pressekonferenz in der Klubzentrale an der Säbener Straße vor dem Heimspiel in der Bundesliga gegen den FC St. Pauli am Samstag (15.30 Uhr, Sky). Der Abwehrspieler hatte jüngst in einem Länderspiel einen Kreuzbandriss erlitten und fällt mehrere Monate aus.
Das Besondere: Davies hatte sich im Spiel um Platz drei der Concacaf-Nations-League gegen die USA bereits in den Anfangsminuten der Partie verletzt. Zunächst ging man nicht von einer schweren Blessur aus, der 24-Jährige reiste im Flugzeug zurück nach München. Erst dort wurde der Kreuzbandriss im rechten Knie entdeckt. Freund will den Fall „lückenlos aufklären.“ Er sagte am Freitag: „Wie es abgelaufen ist, ist nicht korrekt.“ Die Rückreise von Davies empörte ihn. „Phonzy hat über Müdigkeit geklagt, ist der Kapitän der Mannschaft, er ist ein junger Bursche, der seinem Land helfen will. Dann gibt es diese Verletzung“, so Freund mit ernstem Blick. „Ich finde, das ist fahrlässig, nicht professionell.“
Freund sagte zudem: „Die Gesundheit ist das Wichtigste. Es ist echt bitter. Wir werden dem genau nachgehen. Die Jungs sind an der Belastungsgrenze – dann gilt es, alles auszuloten, dass die Gesundheit der Spieler gewährt wird. Wir wissen, wie viele Spiele die Top-Jungs haben. Man muss sich grundsätzlich was überlegen, es geht nicht um Bayern München, sondern um die Gesundheit der Spieler. Sonst verlieren wir die besten Spieler.“
Zuvor hatte Jan-Christian Dreesen, Vorstandschef des FC Bayern, zu „Bild“ gesagt: „Wir fordern von Canada Soccer eine lückenlose Aufklärung der Abläufe und behalten uns juristische Schritte ausdrücklich vor.“
Dreesen: „Verstoß gegen medizinische Sorgfaltspflicht“
Der Ärger bei den Bayern ist immer noch groß. „Einen offensichtlich verletzten Spieler mit einem angeschlagenen Knie ohne fundierte medizinische Abklärung auf einen zwölfstündigen Interkontinental-Flug zu schicken, ist aus unserer Sicht grob fahrlässig und ein klarer Verstoß gegen die medizinische Sorgfaltspflicht“, so Dreesen.
Wer wird gegen St. Pauli und in den beiden Viertelfinal-Spielen der Champions League gegen Inter Mailand im April nun für Davies und Upamecano spielen? Kompany nannte auf der Pressekonferenz keine konkrete Defensivformation, sagte auf die Fragen zur neu formierten Abwehr: „Es fängt schon lange vor den Verletzungen an, dass alle das Gefühl haben, dass sie wichtig sind und wir sie brauchen. Die Jungs, die reinkommen, haben schon viel gespielt.“
Die Ausfälle seien nicht die ersten in dieser Saison. „Natürlich hat man bei der Nachricht erst mal kein gutes Gefühl, aber dann geht der Blick nach vorn. Die Jungs, die verletzt sind, bekommen alle Unterstützung. Es gibt keine Ausreden, wir müssen leisten und gewinnen.“ Kompany sagte zudem: „Wir haben im Moment genügend Verteidiger. Am Anfang der Saison hatten wir Hiroki Ito und Josip Stanišić mit Ausfällen. Jeder muss flexibel sein, wenn jemand auf einer Position gebraucht wird, muss er es ausfüllen.“
In München stellen sich viele Fans und Experten die Frage, ob die Bayern wegen der Verletzungen von Davies und Upamecano im Sommer neue Verteidiger kaufen oder leihen. Davies wird wohl mindestens ein halbes Jahr fehlen, Upamecano (freie Gelenkkörper im linken Knie) mindestens wochenlang. „Wir hoffen, dass Upa nicht so lange ausfällt“, betonte Freund. „Wir sind aktuell gut aufgestellt und sehen da auch für die kommende Saison keinen großen Handlungsbedarf.“
Gegen St. Pauli fehlt auch Manuel Neuer. Den langjährigen Nationaltorwart plagt eine Wadenverletzung. Für ihn wird der im Winter vom 1. FC Köln verpflichtete Jonas Urbig spielen, wie Kompany sagte. Und wann kann Neuer wieder das Bayern-Tor hüten? „Manu hat eine Wadenverletzung. Ich kenne das, das ist immer sensibel“, so der Trainer. „Das heißt nicht, dass es schlimm ist, aber man braucht die Zeit. Ich will keinen Zeitpunkt kommunizieren, hoffentlich geht es schnell.“
Christoph Freund spricht über Ralf Rangnick
Neben der Verletztenmisere ist vor dem Spiel gegen den Aufsteiger auch Ralf Rangnick (wieder mal) ein Thema bei den Bayern. Es heißt, der Klub habe Interesse, den 66-jährigen Nationaltrainer Österreichs zu verpflichten. Das österreichische Magazin „Profil“ berichtet, der FC Bayern habe ein Auge auf Rangnick geworfen.
„Sportbild“ schreibt, Borussia Dortmund könnte Rangnick im Sommer verpflichten, gegebenenfalls als Nachfolger für den aktuellen Sportdirektor Sebastian Kehl, falls dieser sein Amt abgeben muss. Es könnte ein Zweikampf der großen deutschen Klubs um Rangnick werden. Uli Hoeneß, Ehrenpräsident des FC Bayern, soll Rangnicks Arbeit intern sehr loben. Laut „Sportbild“ waren er und Rangnick im vergangenen Jahr zusammen golfen.
Freund – selbst Österreicher – sagte am Freitag auf einer Frage zu der Personalie: „Ralf Rangnick macht einen guten Job in Österreich. Er hat sehr viel gemacht im Fußball, hat sehr viel Leidenschaft und schon viele Positionen bekleidet. Ich glaube, dass ihm der Job viel Spaß macht und er sich wohlfühlt in Österreich.“
Freunds Mannschaft wird anlässlich der internationalen Wochen gegen Rassismus und dem Aktionsspieltag der Deutschen Fußball Liga (DFL) „Together! Stop Hate. Be a Team.“ gegen St. Pauli in einem besonderen Trikot spielen. Der Hauptsponsor Deutsche Telekom tritt auf der Brust der Spieler in den Hintergrund, der Slogan „Rot gegen Rassismus“ wird auf den Münchner Spielshirts stehen. Auf den Trikots von St. Pauli wird „Kein Platz für Rassismus“ zu lesen sein. Das Motto in München lautet an diesem Spieltag: „Zwei Clubs – eine Haltung“.
Kompany, dessen Vater im Osten des Kongo geboren wurde und dessen Mutter aus Belgien kommt, sagte zu der Aktion und dem Kampf gegen Rassismus: „Es ist ein sehr wichtiges Thema, vor allem jetzt. Beim Thema Rassismus ist meine Position schwierig herzunehmen für die generelle Gesellschaft, es ist nicht das Leben von jedem anderen. Als ich aufgewachsen bin, war die größte Frustration das Fehlen von Möglichkeiten. Meine Position war, nie ein Opfer zu sein. Wenn man nicht die gleichen Möglichkeiten wie alle hat, wächst die Frustration. Das kreiert Probleme in der Gesellschaft.“
Kompany sagte zudem: „Meine Mutter hatte blonde Haare und blaue Augen und mein Vater ist ein politischer Flüchtling aus Afrika. Unsere Mutter (starb an Krebs als Kompany 20 Jahre alt war; d. Red.) arbeitete für eine staatliche Organisation, die arbeitslosen Leuten dabei hilft, Jobs zu finden. Und als ich zwölf Jahre alt war, hat sie meinen Geschwistern erzählt, dass wir als Kinder mit einem anderen Hintergrund doppelt so hart arbeiten müssen wie anderen, um denselben Job zu bekommen. Sie sagte, dass wir im Leben tough sein müssen. Und das war meine Realität, als ich jünger war.“
Vincent Kompany wünscht sich mehr Diversität
Und weiter: „Es ist eine große Gefahr, wenn es viele Kinder gibt, die mit dem Gefühl aufwachsen, nicht dieselben Chancen zu haben wie andere. Daraus erwächst Frust. Auf diese Probleme wird leider immer wieder mit dem Finger gezeigt, ohne das wirkliche Problem zu erklären.“
Der Trainer wünscht sich mehr Diversität außerhalb des Fußballs: „An der Spitze vieler Unternehmen gibt es wenig Diversität. Wenn man keine Diversität im Entscheidungsprozess hat, wird man keine Lösungen für die Basis finden. Rassismus ist vor allem das Fehlen von Gelegenheiten. Es ist ein wichtiges Thema.“
Am Ende äußerte der Trainer noch seinen persönlichen Wunsch: „Ich hoffe, wir machen weiter Schritte in die richtige Richtung. Und ich hoffe, dass wir dafür dieselbe Stärke haben wie diejenigen Kräfte, die uns in die falsche Richtung ziehen wollen. Wir müssen vorwärtsgehen und es versuchen.“
Julien Wolff ist Sportredakteur. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren aus München über den FC Bayern und die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen und wird gegen den FC St. Pauli im Münchner Stadion sein.
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