Es war ein warmer Tag in Dortmund, wie so viele Tage warm waren in diesem Sommer vor 19 Jahren. In Deutschland lief die Fußball-Weltmeisterschaft. Das ganze Land war wie elektrisiert – und fieberte am 4. Juli 2006 dem Halbfinale zwischen Deutschland und Italien entgegen. Ein Sieg fehlte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft noch bis zum Einzug ins Endspiel.

In Dortmund war alles angerichtet für einen großen Abend, der dann aber so traurig enden sollte: Die deutsche Elf unterlag Italien nach Verlängerung 0:2. Der WM-Traum war ausgeträumt.

Julian Nagelsmann, der inzwischen den Job bekleidet, den Jürgen Klinsmann damals als Bundestrainer innehatte, stand damals kurz vor seinem 19. Geburtstag. „Ich kann mich noch gut erinnern, ich mochte es damals schon nicht, wenn Deutschland verliert“, sagte er jetzt an diesem Samstag – und fügte an: „Für mich ist es wichtiger, über die Gegenwart zu sprechen. Wir wollen unsere eigene Geschichte kreieren und unsere nächsten Schritte in der Entwicklung gehen.“

„Wir haben Lösungen“, kündigt Nagelsmann an

Ein wichtiger Schritt könnte am Sonntagabend in Dortmund gemacht werden, wo gegen Italien das Viertelfinal-Rückspiel der Nations League steigt (20.45 Uhr/RTL). Nach dem 2:1 im Hinspiel am vergangenen Donnerstag in Mailand stehen die Zeichen für ein Weiterkommen und der damit verbundenen Teilnahme am Final Four im Juni aber gut. Nach einer durchwachsenen ersten Halbzeit hatte sich die deutsche Elf die Italiener zurechtgelegt und am Ende verdient gewonnen.

„Wir müssen in einer guten Verfassung sein, klar im Kopf. Wir haben gute Lösungen für morgen“, kündigte der Bundestrainer an. In Vorbereitung auf das Rückspiel habe man sich ein paar Szenen aus dem Hinspiel angeschaut. Das Ganze in Kombination mit dem Matchplan, berichtete Nagelsmann. „Wir werden ein bisschen was anpassen, aber nicht alles neu machen. Es wird die eine oder andere Veränderung in der Startelf geben“, sagte Nagelsmann. Es ist davon auszugehen, dass Nico Schlotterbeck und Tim Kleindienst dieses Mal von Beginn an spielen.

Trotz der damals so bitteren Niederlage bei der WM 2006 – es war die einzige in bislang 22 Länderspielen in Dortmund – setzt der DFB-Tross auf den Dortmund-Effekt. Auf den mit 65.000 Zuschauern ausverkauften Fußballtempel, in dem viele wichtige Spiele erfolgreich endeten. Spieler, Trainer und Verantwortliche lieben das Dortmunder Stadion. Sie sind gern dort, es ist wie ein Wohnzimmer, in dem sie sich heimisch fühlen und zu großen Taten fähig sind. Das zeigt ein Blick in die Vergangenheit.

14. November 2001: Im Rückspiel in der WM-Relegation empfängt die deutsche Mannschaft die Ukraine. Nach einem 1:1 im Hinspiel vor damals knapp 80.000 Zuschauern in Kiew bedurfte es in Dortmund einer Leistungssteigerung. Und die deutsche Elf liefert, führt nach 15 Minuten durch Tore von Michael Ballack, Oliver Neuville und Marko Rehmer 3:0, am Ende steht es 4:1 – das Team von Rudi Völler, damals Teamchef, darf 2002 zur WM nach Japan und Südkorea fliegen.

14. Juni 2006: Im zweiten Vorrundenspiel der WM trifft Deutschland in Dortmund auf Polen. Es ist ein hart umkämpftes Spiel, aber es fallen keine Tore – bis zur Nachspielzeit. Auf Vorlage von David Odonkor drückt Oliver Neuville den Ball zum 1:0 ins Tor – und sorgt für eine Jubel-Explosion. Im Dortmunder Stadion, auf den Fanmeilen, deutschlandweit. Das Tor ist die Initialzündung für das Sommermärchen.

12. September 2023. Frankreich ist in Dortmund der Gegner der DFB-Auswahl, die drei Tage zuvor von Japan zerlegt worden ist. Infolgedessen musste mit Hansi Flick erstmals ein Bundestrainer in der deutschen Fußballgeschichte vorzeitig gehen. Rudi Völler übernahm als Interimscoach – und schafft den Turnaround. Deutschland brilliert nicht, siegt aber 2:1. Von den Rängen hallt es immer wieder: „Rudi Völler“.

29. Juni 2024: Im EM-Achtelfinale trifft die deutsche Elf in Dortmund auf Dänemark. Das Spiel hat einiges zu bieten: Chancen auf beiden Seiten, eine 25-minütige Gewitter-Unterbrechung – und VAR-Pech für den Dänen Joachim Andersen. Erst zählt sein vermeintlicher Führungstreffer nicht, dann erfolgt der Eingriff bei seinem Handspiel im eigenen Strafraum. Kai Havertz verwandelt den Strafstoß souverän, Jamal Musiala macht alles klar zum 2:0 – und zum Einzug ins Viertelfinale.

Auf einen positiven Ausgang hoffen sie auch am Sonntagabend wieder. Unabhängig vom Ausgang dürfte im Anschluss dann auch die Zeit reif dafür sein, eine wichtige Personalie zu klären. Nach der vorzeitigen Vertragsverlängerung von Julian Nagelsmann bis 2028 steht auch die von Rudi Völler, dem Sportdirektor, in den kommenden Wochen bevor.

Hinter den Kulissen ist nach Informationen von WELT zuletzt viel gesprochen worden. Völler, so heißt es, habe dem Präsidium und der Geschäftsführung Bereitschaft für eine weitere Zusammenarbeit signalisiert. Der 64-Jährige war nach dem Vorrunden-Aus bei der WM in Katar Ende 2022 und dem darauffolgenden Aus von Oliver Bierhoff als DFB-Direktor zum Sportdirektor ernannt worden.

Völler hat der Nationalmannschaft wieder neues Leben eingehaucht. Dass sie wieder erfolgreich und vor allem in der Gunst des Anhangs gestiegen ist, ist auch sein Verdienst. Dessen ist sich Bernd Neuendorf bewusst. Der Präsident, dessen Wiederwahl im Herbst ansteht, hatte unlängst verlauten lassen, dass er optimistisch sei, dass man den eingeschlagenen Weg gemeinsam weitergehen könne.

„Rudi ist eine Bereicherung – für den Bundestrainer, für den DFB“, sagt Calmund

Nicht nur im Verband genießt Völler hohes Ansehen, in der Branche ebenfalls. „Ich würde mich freuen, wenn es die Zusammenarbeit noch lange gibt. Rudi ist eine Bereicherung – für den Bundestrainer, für den DFB“, sagte Reiner Calmund, langjähriger Manager von Bayer Leverkusen und Weggefährte von Völler auf WELT-Nachfrage. Augenzwinkernd fügte Calmund an, dass es irgendwie schon kurios sei, dass Völler noch immer in der ersten Reihe dabei sei, „wenn ich mir überlege, dass er 1994 nach dem Ende seiner aktiven Karriere keinen Bock mehr auf Fußball hatte und ich ihn überzeugen musste, als Sportdirektor bei Bayer anzufangen“.

Auch Fredi Bobic, ehemals Sportvorstand bei Stuttgart, Frankfurt und Hertha, begrüßt einen Verbleib Völlers beim DFB über 2026 hinaus. „Rudi bringt seine Erfahrung und Ruhe rein. Er ist positiv behaftet und ein Gesicht des DFB. Er ist ein wunderbarer Ansprechpartner und hält den Laden gefühlt zusammen“, sagte Bobic WELT.

Verband und Branche sind voll des Lobes für Völler. Insbesondere Bundestrainer Nagelsmann („Er gibt mir die nötige Ruhe“) und Völler verbindet ein gutes Verhältnis. Der Sportdirektor hatte jüngst noch einmal betont, wie sehr ihm Nagelsmann, die Mannschaft und das gesamte Team ans Herz gewachsen seien.

Eine Mannschaft, die am Sonntagabend in ihrer Entwicklung den nächsten Step machen will.

Lars Gartenschläger ist Fußball-Redakteur. Er berichtet seit 2004 über die Nationalmannschaft, war bei fünf EM- und fünf WM-Turnieren. Zudem schreibt er über DFB- und Bundesliga-Themen. Am Sonntagabend wird er das Spiel in Dortmund verfolgen.

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