Wie soll man es uns Deutschen nur austreiben, wegen jedem Schnupfen und Ziepen im Rücken eine Arztpraxis aufzusuchen – oder gleich die Notaufnahme? Die Frage stellt sich immer dringender, weil die Wartezimmer überlaufen und landauf, landab ein Ärztemangel wahrgenommen wird.
Die Lage wäre deutlich entspannter, wenn Patientinnen und Patienten verantwortungsbewusster mit unserem Vollkasko-Gesundheitswesen umgehen würden. Und wir alle würden davon profitieren, wenn wir wirklich krank sind.
Deutsche sind berüchtigt fürs Ärztehopping
Zehnmal im Jahr suchen Deutsche laut Zahlen der OECD ihren Hausarzt auf. Das ist im europäischen Vergleich ein Spitzenwert und weltweit Platz fünf. Daneben sind die Deutschen berüchtigt fürs Ärztehopping, weil ihnen die gesetzlich zugesicherte freie Arztwahl erlaubt, fast nach Belieben Fachärzte zu konsultieren. Sie lassen sich dann zwei- oder gleich dreimal Blut abnehmen oder ins MRT schicken, die Kosten dafür bleiben an der Solidargemeinschaft hängen. Und das sind wir alle.

Serie: Kassensturz Ärztin über ihren Verdienst: "Das viele Geld ist mir fast peinlich"
Trotzdem sind wir nicht besonders gesund – ganz im Gegenteil: Obwohl sich Deutschland eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt leistet, liegt unsere Lebenserwartung bekanntlich nur im unteren Mittelfeld.
Weniger Arztbesuche würden es also wohl auch tun, ohne dass unsere Gesundheit Schaden nähme. Die Praxisgebühr, so die Hoffnung, könnte die Deutschen disziplinieren.
Die Praxisgebühr ist schon mal gescheitert
Nun gab es sie dummerweise schon mal, und zwar in den Jahren von 2004 bis 2012. Sie ist damals krachend gescheitert. Ihr Ziel, die Zahl der Arztbesuche zu reduzieren, wurde verfehlt – möglicherweise waren zehn Euro pro Quartal einfach nicht schmerzhaft genug. Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge sparten zudem besonders Patienten aus einkommensschwachen Schichten Arztbesuche ein, was möglicherweise negative gesundheitliche Auswirkungen hatte.
Auch war die Praxisgebühr ein Bürokratiemonster: Die Praxen mussten Quittungen ausstellen, Bargeld verwalten und Mahnverfahren einleiten, falls das Geld nicht bezahlt wurde. Deshalb wollten die Ärzte sie schließlich nicht mehr. Anders jetzt: Verschiedene Ärzteorganisationen, allen voran die Bundesärztekammer, sprechen sich vehement für eine Praxisgebühr aus.

stern Ärzteliste 2025 Hier finden Sie ausgezeichnete Ärzte im Bereich COPD und Lungenemphysem
Vorbild Schweden: Praxisgebühr seit mehr als 50 Jahren
Doch wie schafft man es dann, dass sie diesmal ihr Ziel erreicht? Klingt ja irgendwie logisch, dass eine Gebühr helfen würde, überflüssige Arztbesuche einzudämmen, davon ist einer aktuellen Umfrage zufolge sogar eine knappe Mehrheit der Bevölkerung überzeugt.
Doch wie auch schon bei der Autobahngebühr fragt man sich verwundert: Warum verflixt noch mal bekommen wir in Deutschland etwas nicht hin, was woanders hervorragend funktioniert? Die Schweden zum Beispiel zahlen schon seit mehr als 50 Jahren Gebühren für Konsultationen. Aktuell liegen diese zwischen neun und 57 Euro.
Der Obolus wurde dort 1970 eingeführt, um die Gesundheitsausgaben unter Kontrolle zu bringen, und das scheint, gemessen an der Zahl der Arztbesuche, zu funktionieren: Im OECD-Ranking liegen die Schweden weit hinten, sie gehen nur 2,6-mal im Jahr zum Arzt. Damit es gerecht zugeht – Gerechtigkeit ist den Schweden immer sehr wichtig –, ist die Selbstbeteiligung limitiert auf einen Höchstbetrag von etwa 130 Euro im Jahr. Es gibt Ausnahmeregelungen zum Beispiel für Asylsuchende oder Empfänger von Erwerbsminderungsrenten.
Schwedische Ärzte nehmen sich dreimal mehr Zeit für ihre Patienten
Führen die seltenen Arztkontakte dazu, dass die Schweden kränker sind oder früher ins Grab sinken? Keineswegs. Schwedische Männer leben über drei Jahre länger als deutsche, schwedische Frauen immerhin zwei.
Natürlich hat diese höhere Lebenserwartung viele Ursachen, aber eine denkbare wäre, dass die schwedischen Primärärzte – das Pendant zu den Hausärzten – sich sehr viel mehr Zeit für ihre Patienten nehmen: 22,5 Minuten versus 7,6 Minuten in Deutschland.
Einer Studie im "British Medical Journal" zufolge ist das untere Limit für einen Arztbesuch fünf Minuten. Dauert er kürzer, kann er seinen Zweck kaum noch erfüllen. Die negativen Folgen kurzer Arztkontakte sind demzufolge neben schlechter Kommunikation auch mehr Verschreibungen teilweise unnötiger Medikamente, besonders oft Antibiotika.
Die deutschen Ärzte liegen nur knapp über dem Fünf-Minuten-Limit. Da helfen dann auch zehn Arztbesuche im Jahr nicht viel, wenn die Krankheitssituation eines Patienten komplex ist.
Die Praxisgebühr funktioniert nur, wenn sich das Gesundheitssystem anpasst
Schwedische Patienten besuchen also nur selten Ärzte, haben dafür dort aber mehr Quality time. Sie können über ihre Sorgen und Nöte reden, und ihre Ärzte haben genug Zeit, nachzufragen, bessere Diagnosen zu stellen und Therapien sorgfältiger abzuwägen, statt nur schnell zum Rezeptblock zu greifen.
Es könnte gut sein, dass so das Bedürfnis vieler Patienten, immer neue Ärzte zu ihren Beschwerden zu konsultieren, abnehmen würde.
Damit das auch in Deutschland erreicht werden kann, müsste also die Gesprächszeit besser vergütet werden, sonst nämlich bleibt es bei unbefriedigenden 7,6 Minuten. Das aber ist ein ganz altes Thema: Die sprechende Medizin wurde in Deutschland noch nie gerecht bezahlt.
Versuchen wir ein Fazit: Grundsätzlich scheint die Praxisgebühr ein sinnvolles Instrument zu sein, um die Anzahl der oft unnötigen Arztkontakte zu reduzieren. Sie muss aber eingebettet sein in ein Gesundheitssystem, in dem sie diesen Zweck auch erfüllen kann. Sie muss sozial gerecht sein. Sie muss berücksichtigen, dass chronisch Kranke oft zum Arzt müssen, und Ausnahmen für finanziell Schwache erlauben. Es müssen Regelungen gefunden werden, damit sie nicht wieder zum Bürokratiemonster wird.
Ob das alles in Deutschland gelingen kann? I doubt it. Aber schön wär's.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke