Stromzähler sind für die Energiewende entscheidend - allerdings nur in der intelligenten Version: Millionen Haushalte benötigen ein Smart Meter, der Strompreise zeitgenau erfasst und vorgibt, wann sich Verbrauch lohnt und wann man Waschmaschine und Wärmepumpe besser nicht benutzt. Doch im europäischen Vergleich ist Deutschland beim Einbau der wichtigen Taktgeber Schlusslicht: "Leider haben wir es klassisch deutsch gemacht und die denkbar komplexeste Lösung entwickelt, mit der höchsten und komplexesten Zertifizierung", sagt Bastian Gierull im "Klima-Labor" von ntv. Der CEO von Octopus Energy Deutschland erklärt, warum viele Grundversorger den Ausbau torpedieren.

ntv.de: Was sind Smart Meter?

Bastian Gierull: Das ist ein Stück Hardware, über das viel geredet wird, aber eigentlich keinen Verbraucher interessieren sollte: der Stromzähler im Keller. Zumindest war das Interesse daran in der Vergangenheit verschwindend gering.

Den muss man ab und zu ablesen.

Genau, einmal im Jahr. Mit dem Smart Meter würde sich das erübrigen. Ansonsten ist das letztlich auch nur ein Stromzähler, der misst, wie viel Strom gerade in der Wohnung oder auf dem Grundstück verbraucht wird. Diesen Verbrauchswert stellt er alle 15 Minuten dem Energiesystem zur Verfügung, das sind die Stromanbieter oder die Netzbetreiber. Im Prinzip ist es so, als würde alle Viertelstunde jemand von den Stadtwerken vorbeikommen und in den Keller gehen.

Schön, dass so etwas inzwischen digital funktioniert. Entscheidend sind Smart Meter aber, weil man ohne sie keine flexiblen Strompreise nutzen kann?

Genau. Seit diesem Jahr muss jeder Energieanbieter seinen Kunden flexible Strompreise anbieten. Dieser Tarif orientiert sich an den Stromkosten am Markt. Die sind fluktuierend: Strom kostet immer ein bisschen was anderes.

Das hängt von Wind und Sonne ab? Wenn es viel gibt, ist es mit einem flexiblen Tarif sehr günstig, die Waschmaschine anzumachen?

Ja, wir bekommen ein neues Energiesystem: Die Stromerzeugung aus Wind und Solar ist mit drei bis sechs Cent bereits die günstigste, die wir je hatten, und wird jedes Jahr noch günstiger, weil effizienter. Sie ist aber nicht steuerbar: Ein Kraftwerk kann ich hoch- und runterfahren, eine Solaranlage nicht. Damit das System funktioniert, muss ich den Verbrauch an die Erzeugung anpassen. Dafür brauche ich diese Box in der Mitte, die mir sagt: So viel wird erzeugt, so viel wird verbraucht.

Das muss man balancieren?

Dafür wurden die dynamischen Tarife eingeführt. Es kann aber nicht die Aufgabe von Verbrauchern sein, zu Hause zu sitzen und zu gucken: Sollte ich jetzt meine Wäsche waschen oder lieber warten? Das ist die Herausforderung für Energieanbieter wie uns. Wir wissen, wie viel erneuerbare Energie gerade erzeugt wird und wie belastet oder entlastet das Netz gerade ist. Wir können mit unseren Stromprodukten insbesondere bei großen Verbrauchern wie E-Auto oder Heimspeicher Erzeugung und Verbrauch optimal zusammenbringen.

Die werden einfach angesteckt und geladen, sobald der Strompreis ein bestimmtes Level erreicht?

Genau. Man kann auch eine Wärmepumpe flexibilisieren und mit einer Smart-Home-Lösung selbst den Waschgang einer Waschmaschine. Deren Abnahmemenge ist nicht ganz so gigantisch. Als Verbraucher muss man dennoch aufpassen, denn manchmal gibt es extreme Peaks am Markt.

Die berühmte Dunkelflaute?

Ja. Gerade in diesen Momenten kann ein smartes System entscheiden, ob es sinnvoll ist, Energie ins Netz zurückzugeben oder selbst zu verbrauchen.

Was kostet es denn, wenn man einen flexiblen Tarif hat und versehentlich mitten in der Dunkelflaute das E-Auto lädt?

Das kann sehr unterschiedlich sein, aber ich habe von Leuten gehört, die in wenigen Stunden Hunderte Euro zusätzlich auf ihrer Stromrechnung hatten. Deswegen garantieren wir einen maximalen Preis, damit sind Überraschungen ausgeschlossen. Unter diesem Preis dürfen wir Verbrauch und Einspeisung optimieren und mit dem Strom gewissermaßen machen, was wir wollen.

Wenn flexible Tarife und Smart Meter zentral für die Energiewende sind, warum geht es beim Ausbau kaum voran?

Leider sind wir europaweit absolutes Schlusslicht. Italien steht bei 100 Prozent, Frankreich auch. Großbritannien hat etwas später angefangen, Smart Meter zu installieren, inzwischen aber auch eine Abdeckung von 60 Prozent erreicht. Wir stehen bei zwei Prozent.

Frankreich setzt doch auf Kernkraftwerke und Grundlaststrom, nicht Erneuerbare. Wofür benötigen die Franzosen Smart Meter?

Smart Meter sind in allen Systemen sinnvoll, um zeitgenau zu wissen, wann wie viel Energie verbraucht wird, denn private Verbraucher sind für 50 Prozent unseres Energieverbrauchs verantwortlich.

Und woran liegt der langsame Ausbau in Deutschland? Ist das wie immer der Datenschutz?

Das ist ein Grund, aber nicht der einzige. Lustigerweise haben Frankreich und Deutschland vor zehn Jahren ungefähr zur selben Zeit entschieden, dass wir Smart Meter benötigen. Die Franzosen sind inzwischen fertig, wir haben noch nicht einmal angefangen, denn leider haben wir es klassisch deutsch gemacht und die denkbar komplexeste Lösung entwickelt, mit der höchsten und komplexesten Zertifizierung.

Die vermutlich nicht einmal besser ist?

Vor allem ist sie sehr teuer: Unsere Lösung ist so umständlich, dass die Hersteller dieser Smart Meter ihre Geräte gar nicht zur Zertifizierung einreichen. Deswegen passiert auch nichts.

Französische Smart Meter können sich deutsche Stromkunden nicht installieren?

Nein. Das ist übrigens ein schönes Beispiel: Die deutschen Geräte kosten 200 und 250 Euro, ein französisches Smart Meter 30 Euro. Das kann dasselbe, ist aber weniger komplex.

Ist das der Grund für die hohen Installationskosten in Deutschland? Denn der Einbau ist seit 1. Januar auf Wunsch Pflicht und darf nicht mehr als 100 Euro kosten. Eigentlich, aber tatsächlich erhalten Verbraucher Rechnungen von bis zu 900 Euro.

Ja, unser System ist für die örtlichen Grundversorger oder Messstellenbetreiber zu umständlich. Im Endeffekt sind Smart Meter Infrastruktur, dafür benötige ich einen Installationsprozess: Wenn sich jemand meldet und einen haben möchte, muss jemand seinen Transporter bepacken, dorthin fahren und das Gerät installieren. Das rechnet sich für regionale Anbieter nicht. So kommen diese Rechnungen zustande.

Aber Frankreich hat doch denselben Aufwand? Inwiefern ist das umständlich?

Das bezieht sich auf die Sicherheitszertifizierungen dieser Box, der Datenschutz zum Beispiel.

Also doch!

Ja (lacht). Smart Meter liegen in der Verantwortung von Bundesnetzagentur und BSI, das ist das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik.

Weil man Cyberangriffe aus Russland und China darauf befürchtet?

Die Erklärung ist einfach: Man kann jedes technische Gerät, das über eine Internetverbindung verfügt, hacken. Mit dem Smart Meter an sich kann man nicht sonderlich viel anstellen, denn das ist wirklich nur ein Stromzähler. Die Sorge sind die angeschlossenen Geräte, also das Elektroauto und die Wärmepumpe. Theoretisch besteht die Möglichkeit, dass jemand deutschlandweit alle Smart Meter übernimmt und plötzlich wahnsinnig viel Strom zieht, ins Netz einspeist oder Verbrauchsdaten manipuliert. Dann weiß man nicht mehr, was gerade los ist, womöglich gibt es einen Blackout. Das wäre tatsächlich ein Problem, aber leider hat sich niemand gefragt, wie realistisch dieses Szenario ist: Greifen Hacker eher Smart Meter an oder lieber auf direktem Wege einen Autohersteller? Diesen Angriff kann man aber managen, genau wie eine Dunkelflaute, und das System mithilfe anderer Geräte steuern und entlasten. Stattdessen versucht Deutschland, einfach nur zu mauern.

Wie geht es jetzt ohne simple Lösung weiter? Was mache ich als Verbraucher, wenn ich ein Smart Meter haben, aber keine 900 Euro bezahlen möchte?

Die grundzuständigen Messstellenbetreiber sagen uns oft, dass der Aufwand zu groß ist. Den Einbau können sie nicht leisten. Es gibt aber Wettbewerber wie uns, die aus dem Smart-Meter-Einbau ein Geschäft machen und es skalieren können: Installiert man ein Gerät, ist es teuer. Deckt man die gesamte Straße ab, günstiger. Deswegen stellen wir gerade Elektroinstallateure ein, auch wenn es aufgrund der Komplexität ein teures Unterfangen mit kleinen Margen bleiben wird.

Von welchem Zeithorizont reden wir bis zur vollständigen Abdeckung?

Schwierige Frage, denn leider gibt es große Energieunternehmen wie Eon, die gar keine Smart Meter wollen.

Warum nicht?

Das ist ein anderes spannendes Thema: Viele Anbieter haben Interessenkonflikte.

Inwiefern?

Oft ist der Messstellenbetreiber das lokale Stadtwerk und auch der Grundversorger. Kunden, die im Grundversorger-Tarif drin sind, zahlen oft doppelt oder dreimal so viel wie andere Haushalte. Mir haben tatsächlich Geschäftsführer von Stadtwerken und großen Grundversorgern ins Gesicht gesagt: Wir verstehen Smart Meter. Wir wissen, dass sie für die Energiewende notwendig sind, aber wir werden niemals mit unseren Kunden darüber reden, denn wir reden mit unseren Kunden nicht über Einsparmöglichkeiten. Die bezahlen uns den Laden. Wenn die Smart Meter bekommen, gehen bei uns die Lichter aus - das ist der erste Grund. Zweitens nutzen Stadtwerke und Grundversorger für ihr Stromgeschäft oft Technologie, die bestenfalls 15 Jahre alt ist. Die sind gar nicht in der Lage, flexible Stromtarife anzubieten. Das wäre hochdefizitär. Deshalb werden viele Anbieter automatisch zu jemandem, der die Energiewende verhindert.

Wie geht man das Problem an?

Gute Frage. Wahrscheinlich würden klare politische und gesetzliche Vorgaben helfen: In den kommenden Jahren müssen so und so viele Smart Meter installiert werden, wir fangen in diesen Regionen an und so weiter.

Wie mit der Vorrang-Regelung bei der Windkraft?

Ja, oder wie beim Glasfaserausbau. Teilweise muss man solche Infrastrukturen zentralistisch planen und ausrollen. Überall. Die Kunden bekommen einen Brief von ihrem örtlichen Messstellenbetreiber, dass am soundsovielten jemand für eine halbe Stunde vorbeikommt, und zack, hat das ganze Haus Smart Meter.

Mit Bastian Gierull sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Klima-Labor" anhören.

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