Die USA kontern EU-Zölle von "39 Prozent" mit Gegenzöllen von 20 Prozent. Doch die EU-Zölle sind bei Weitem nicht so hoch, wie Trump unterstellt. Hintergrund ist die Formel, auf der seine Zölle basieren.

Es ist eine beeindruckende Tabelle, die Trump da gestern hochhielt: links die bestehenden Zollsätze auf US-Waren in den einzelnen Ländern - rechts die neuen US-Gegenzölle. Danach werden die USA etwa bestehende Zölle von 39 Prozent in der Europäischen Union mit einem Zollsatz von 20 Prozent kontern.

Aber wenn die EU tatsächlich Zölle in Höhe von 39 Prozent auf US-Waren erhebt - sind dann umgekehrt Zölle von 20 Prozent auf EU-Importe in die USA nicht sogar mehr als fair? Mit anderen Worten: Hat Trump recht?

Trumps Tafel mit den angeblichen Importzöllen anderer Länder auf US-Waren und den geplanten US-Gegenzöllen.

Die Mathematik hinter Trumps Zöllen

Tatsächlich haben die Zahlen auf der Trumpschen Tabelle mit den spezifischen Zollsätzen der einzelnen Länder rein gar nichts zu tun. Die New York Times beschreibt die zugrunde liegende Mathematik wie folgt: Man nehme das Handelsdefizit der USA mit einem bestimmten Land und dividiere es durch die Gesamtexporte dieses Landes in die USA. Dann halbiere man das Ergebnis - et voilà, fertig ist der neue US-Zoll.

Aber warum sind die US-Zölle nur halb so hoch? Trump drückte es so aus: "Wir sind gute Menschen." Finanzjournalist und Buchautor James Surowiecki war übrigens der Erste, der diesen Zusammenhang in einem Post auf X erläuterte.

Fake-Zollsatz von 39 Prozent

Und so kommt Trump denn auch auf die 39 respektive 20 Prozent im Falle der EU: Der Handelsüberschuss von 235,6 Milliarden Dollar wird geteilt durch 605,8 Milliarden Dollar Exporte. Das ergibt 0,39 - also in der Trumpschen Logik einen Zollsatz der EU auf US-Waren von 39 Prozent. Dieser vermeintliche Zollsatz von 39 Prozent, geteilt durch 2, ergibt wiederum aufgerundet den neuen US-Zollsatz auf EU-Importe von 20 Prozent.

Diese Rechnung lässt sich auch für andere Länder so nachvollziehen. Dabei gilt für alle Länder, mit denen die USA selbst einen Handelsüberschuss haben, ein pauschaler Zollsatz von zehn Prozent.

Wie hoch sind die EU-Zölle auf US-Waren wirklich?

Doch was sagen die "echten" Zahlen? Tatsächlich liegen die Zollsätze der EU im Durchschnitt über denen der USA. Dabei basieren die Zölle, die die Europäische Union auf Waren aus den USA erhebt, auf den Meistbegünstigungszollsätzen (MFN), die für alle Handelspartner ohne bevorzugte Handelsabkommen gelten.

Der durchschnittliche EU-Zollsatz auf Importe aus Ländern, die nicht der EU angehören, beträgt laut der Welthandelsorganisation (WTO) 5,0 Prozent und liegt damit deutlich über dem durchschnittlichen Zollsatz, den die USA auf Importe erheben (3,3 Prozent).

Die EU-Zollpolitik ist somit auf den ersten Blick insgesamt protektionistischer als die Zollpolitik der USA. Werden allerdings die Produktklassen mit ihren unterschiedlichen Importwerten gewichtet, so fällt der Unterschied schon deutlich geringer aus. Der WTO zufolge verlangen die USA einen durchschnittlichen Zoll, gewichtet nach dem Volumen der tatsächlich gehandelten Waren, von 2,2 Prozent - in der EU werden 2,7 Prozent fällig.

EU schützt Landwirte durch höhere Zölle

Dabei variieren die Zölle je nach Produktkategorie deutlich. So sind etwa die US-Zölle auf landwirtschaftliche Produkte deutlich niedriger als jene der Europäischen Union. Die USA müssen auf den Export landwirtschaftlicher Produkte in die EU im Schnitt einen Einfuhrzoll von 14,7 Prozent zahlen, gewichtet sind es 4,2 Prozent.

Zum Vergleich: Umgekehrt müssen die EU-Länder in den USA einen Importzoll auf Agrarprodukte von 7,5 Prozent im Schnitt respektive 2,5 Prozent gewichtet zahlen. Die EU schützt somit ihre Landwirte tendenziell stärker als die USA. Bei nicht-landwirtschaftlichen Produkten sieht es anders aus: Hier liegt der gewichtete Zollsatz auf die Einfuhr von US-Waren in die EU bei gerade einmal 0,9 Prozent - und damit unter dem entsprechenden US-Zoll von 1,4 Prozent.

Das Mehrwertsteuer-Missverständnis

Was Trump aber wirklich erzürnt, ist ohnehin die Mehrwertsteuer in der Europäischen Union auf US-Importe: "Ich hatte Probleme mit der EU, denn … sie haben uns mit Zöllen belegt. Sie tun es in Form einer Mehrwertsteuer, die etwa 20 Prozent beträgt", hatte Trump bereits Ende Februar erklärt.

An dieser Aussage stimmt jedoch lediglich die Zahl: "etwa 20 Prozent". Tatsächlich liegt in den europäischen Ländern der durchschnittliche Normalsatz bei der Mehrwertsteuer bei knapp 22 Prozent, in Deutschland sind es 19 Prozent.

Darüber hinaus ist Trumps Argument jedoch mehr als fragwürdig. Denn eine Mehrwertsteuer ist eben kein Zoll - und sie wirkt auch nicht so. Das sieht im Übrigen auch die WTO so. Schließlich wird die Mehrwertsteuer auch auf Produkte aus der EU fällig. Inländische Unternehmen müssen sie gleichermaßen bezahlen. Ein in den USA hergestelltes Auto wird folglich mit demselben Mehrwertsteuersatz besteuert wie ein Auto, das in der EU oder irgendwo sonst auf der Welt hergestellt wurde.

Verhandlungsmasse für den "Dealmaker"

Nichtsdestotrotz lässt sich unterm Strich festhalten: Die EU-Zollpolitik war - bis gestern - protektionistischer als jene der Vereinigten Staaten. Insofern hat Trump durchaus einen Punkt. Doch seine angekündigten Gegenzölle entbehren jeglicher Grundlage: Der durchschnittliche gewichtete Zollsatz der EU auf US-Waren liegt eben bei 2,7 Prozent - und nicht bei 39 Prozent.

Klar ist aber auch, dass den von Trump kolportierten Zahlen ein klares Kalkül zugrunde liegt. Für den selbst ernannten "Dealmaker" sind sowohl die angeblichen 39 Prozent als auch sein Gegenzoll von 20 Prozent in erster Linie Verhandlungsmasse, um einen "günstigeren Deal" für die USA zu erreichen.

Größte Zollerhöhungen in der Geschichte?

Sollten jedoch die von Trump angekündigten Zölle auf Einfuhren aus der EU und anderen Ländern tatsächlich ab dem 9. April in der genannten Höhe kommen, so wäre dies die größte Zollerhöhung in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

Berechnungen der Commerzbank zufolge würde sich dadurch der Effektivzoll der USA, also die Zolleinnahmen in Prozent des gesamten Einfuhrwertes, auf rund 20 Prozent erhöhen. Das wäre ein Anstieg um 17 Prozentpunkte. Zum Vergleich: Das berüchtigte Smoot/Hawley-Zollgesetz von 1930, das für die Weltwirtschaft verheerende Folgen hatte, erhöhte den Effektivzoll um rund sechs Prozentpunkte.

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