Klimabewusste Flugreisende können ihren CO2-Fußabdruck verbessern und durch einen Aufschlag aufs Ticket für Kompensation sorgen. Doch die Rechnung ist kompliziert.
Wer fliegt, verursacht Kohlendioxid (CO2). Flugzeugturbinen verbrennen Kerosin. Das ist ein besonders hochgezüchtetes Benzin. Wie lässt sich ermitteln, wieviel Kerosin verbraucht und damit wie viel CO2 freigesetzt wird? Je schlechter ein Flugzeug ausgelastet ist, desto mehr CO2 entsteht pro Passagier. Um ein Flugzeug in Schwung zu bringen, muss besonders viel Kerosin verbrannt werden. Deshalb entsteht auf kurzen Strecken besonders viel CO2 pro Kilometer. Im Durchschnitt der Strecken und Flugzeugtypen wird nach Angaben des Schweizer Bundesamtes für Zivilluftfahrt weniger als 100 Gramm Kohlendioxid pro Passagier und Kilometer abgegeben.
Die Schweizer Behörde schreibt, Flugverkehr sei für zwei bis 2,5 Prozent des technischen CO2-Ausstoßes verantwortlich. Fluggesellschaften versuchen, die Klimaschäden mit sparsamen Triebwerken und Flugtechniken, schnittigerem Design und grünem Sprit ("Sustainable Aviation Fuel" - SAF) in den Griff zu bekommen. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat errechnet, dass heutige Flugzeuge nur noch halb so viel Kerosin verbrennen wie Flieger vor 40 Jahren.
Schwer messbare Kompensation
Was trotz aller technischer Errungenschaften an Kohlendioxid übrig bleibt, kann durch Kompensationsgeschäfte ausgeglichen werden. Es geht im Prinzip darum, die Menge CO2, die Flugzeuge in die Atmosphäre blasen, am Boden wieder einzufangen. Der Umweltschaden soll also ausgeglichen, "kompensiert" werden. Während Herkunft und Verbrauch von Treibstoff leicht zu messen ist, wird es bei Kompensationen schwierig, Aufwand und Ertrag festzustellen.
Mit ihrem Projekt "Agroforst" bietet die Schweizer Stiftung MyClimate in Deutschland an, CO2 zu speichern. Landwirte sollen auf vorhandenen Flächen Bäume pflanzen. Bei einer Lebenszeit von 50 Jahren und allerlei Puffer und Risikoabschlägen rechnet MyClimate vorsichtig mit durchschnittlich 2,5 Tonnen CO2, die pro Baum gespeichert würden. Natürlich müssen die Bäume erstmal Wurzeln schlagen und wachsen, aber grob bedeutet das: Pro Jahr speichert ein Agroforst-Baum 50 Kilogramm CO2. Das gespeicherte CO2 ist nicht verschwunden. Wenn die Bäume sterben, verrotten oder das Holz verbrannt wird, wird das Kohlendioxid wieder frei. Wenn Holz verbaut wird, speichert es weiter.
Mit grünen Flugtickets auf Reisen
Wer Wert auf möglichst klimaneutrales Reisen legt und seinen CO2-Fußabdruck kompensieren möchte, muss extra bezahlen. Die deutsche Ferienfluggesellschaft Condor reicht Geld aus dem Verkauf "grüner Tickets" an Projekte wie Agroforst weiter. Bei Condor kostet beispielsweise ein Flug von Frankfurt nach Faro in Portugal regulär 113 Euro und grün 153 Euro (plus 35 Prozent). Wenn es nach New York gehen soll, werden aus normalen 420 Euro grüne 520 Euro (plus 24 Prozent). Das Angebot ist vergleichsweise neu; Condor gibt (noch) keine Auskunft über den Anteil grüner Tickets am Gesamtgeschäft.
Ein Vergleich mit Lufthansa zeigt, dass das Kundeninteresse gering ist. Lufthansa peilt eine deutlich solventere Kundschaft als der Ferienflieger Condor an und bietet seit Jahren grüne Tickets. Wenn Lufthanseaten auf Dienstreise gehen, läuft das stets über grüne Tickets. Laut jüngstem Geschäftsbericht werden grüne Tickets auch sonst vor allem von Geschäftskunden gekauft. Lufthansa-Sprecherin Anne Hahn sagt, vier Prozent der Passagiere würden den Zuschlag zahlen.
Teuer und schwer zu kontrollieren
Ein "Agroforst" ist teuer. Zwar werden Landwirten die Baumplantagen durch Fachberatungen und 50 Euro Zuschuss pro Baum schmackhaft gemacht. Trotzdem kostet ein Hektar mit 50 Bäumen pro Jahr um die 1.200 Euro. Dieser Aufwand bleibt am landwirtschaftlichen Betrieb hängen. Dass zeigt eine interne Kalkulation. MyClimate schreib selbst in der "Programmbeschreibung", die Sache sei für Landwirte "massiv unwirtschaftlich". Der Aufwand muss durch weitere Subventionen und Verkauf von Früchten der Bäume gedeckt werden.
Zwar versichert MyClimate, die Bäume im Auge zu behalten. Doch ist eine Laufzeit von 50 Jahren für Veranstalter, Subventionsgeber, Landwirte und Aufsicht schwer überschaubar. MyClimate wirbt mit unabhängiger Zertifizierung des Projekts. Dabei wird aber nur bestätigt, dass interne Regeln und Unterlagen der Stiftung eingehalten werden.
Das Umweltbundesamt berichtet, dass Kompensationsprojekte gern bei verschiedenen CO2-Verursachern mehrfach abgerechnet würden. In landwirtschaftlichen Fachzeitschriften sind Anleitungen zum einfachen Abrechnen zu finden. Das sei vertraglich verboten, sagt MyClimate. Zudem sei man in der Branche verwurzelt und höre sich um. Bei Verdacht auf Doppelabrechnung gebe es Inspektionen. Regulär wird jeder Landwirt zweimal von MyClimate-Beratern besucht.
Hoher Aufwand in der Organisation
Der Aufwand, der durch das Projekt selbst entsteht, ist schwer zu erfassen. "Bei der Planung und der Arbeit der Mitarbeitenden in den Büros als auch beim Monitoring (Projektbesuche) fallen keine signifikanten Emissionen an", sagt Sven Focken-Kremer von MyClimate. Zum eingesetzten Geld wird versichert, dass 80 Prozent der Mittel, die unter anderem aus grünen Flugtickets stammen, ins Projekt fließen. 20 Prozent seien für Verwaltung und Stiftungsbetrieb nötig. MyClimate verfügt in der Schweiz über eine siebenköpfige kollektive Geschäftsführung.
Der letzte veröffentlichte Geschäftsbericht von MyClimate nennt die Zahlen für 2023: Die Stiftung setzte rund 60 Millionen Euro um. 63 Prozent der Einnahmen flossen in Projekte, 18 Prozent in die Verwaltung, und 19 Prozent blieben als Gewinn, der größtenteils zur Stärkung des Stiftungskapitals verwendet wurde.
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