Während die Staaten an Golf und Bosporus massiv in Flughafeninfrastruktur und Airlines investieren, bleibt die deutsche Luftfahrt bei 90 Prozent des Vor-Corona-Niveaus. Schwarz-Rot will die Schlüsselbranche zwar unterstützen, doch hohe Priorität hat das Thema offensichtlich nicht. Während sie anderswo Milliarden unters Volk werfen, verständigten sich die Koalitionäre auf eine Steuer-Entlastung auf Flugtickets, die lediglich 2,50 Euro pro Passagier und Abflug bringt.

Viel zu wenig, sagt Jens Bischof, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) und fordert gegenüber WELT einen konsequenten Schritt: „Wir müssen es wie Schweden machen und die Ticketsteuer komplett abschaffen.“

Gerade einmal zehn Zeilen lang ist der Absatz im Koalitionspapier, in dem CDU und SPD ihre Pläne zur Wiederbelebung der deutschen Luftfahrt abhandeln. Neben allgemeinen Absichtserklärungen stehen darin zwei konkrete Vorhaben. Erstens: Die nationale Quote für E-Kerosin wird vor ihrem geplanten Inkrafttreten im kommenden Jahr abgeschafft. Im Tank hätte sie ohnehin keinen Unterschied gemacht, weil es die geforderten synthetischen Kraftstoffe bislang ohnehin nur im Labor gibt.

Um mehr Geld geht es bei Punkt zwei, der Ticketsteuer: Die Erhöhung der Luftverkehrsteuer aus dem vergangenen Jahr soll laut Koalitionspapier wieder zurückgenommen werden. Vom großen Umsteuern in der Luftfahrtpolitik bleibt nach den Plänen der neuen Regierungskoalition somit ein Ticketsteuerrabatt im Wert eines halben Flughafen-Cappuccinos. Die Ernüchterung in der Luftfahrtbranche ist groß. Dass die steuerliche Kleinkorrektur die „Flugzeugflucht" stoppen und einen neuen Luftfahrtboom in Deutschland auslösen könnte, glaubt hier niemand.

„Wir sind dankbar für alles, was die übermäßige Belastung des Luftverkehrs in Deutschland reduziert. Die zehn Zeilen im Koalitionspapier zeigen zumindest, dass die neue Regierung einen Handlungsbedarf in der Luftfahrt erkannt hat“, sagt Jens Bischof. „Um die deutsche Luftfahrt wieder auf einen der vorderen Plätze in Europa zu bringen, brauchen wir eine deutlich größere Entlastung.“

Der Eurowings-Chef ist als Präsident des Luftfahrtverbands BDL Repräsentant einer Branche auf Schrumpfkurs. Während in den meisten Ländern Europas die Airlines mehr fliegen als jemals zuvor, müssen sich deutsche Fluggäste mit einem reduzierten Flugangebot bescheiden. Während 2019 noch 1800 Flugziele von hiesigen Flughäfen aus angeflogen wurden, sind es heute nur noch 1600. Flugfrequenz und Sitzplatzkapazitäten wurden noch stärker reduziert, weil Airlines ihre Flugzeuge ins Ausland verlegen.

Die Ursache der „Flugzeugflucht“, so die Klage der Branche, seien die staatlich verursachten Standortkosten, die in Deutschland höher sind als in fast jedem anderen europäischen Land. Wenn ein innereuropäischer Flug von einem deutschen Flughafen startet, werden rund 30 Euro pro Passagier fällig.

Nach den Plänen von Schwarz-Rot wären es immer noch 27,50 Euro. Eine Trendumkehr für den Standort sei Bischof zufolge aber nur von einer Reduzierung der Standortkosten um mindestens zehn Euro pro Abflug und Passagier zu erwarten, wie sie eine komplette Abschaffung der Ticketsteuer bringen würde.

Flugzeuge so lukrativ wie kleinere Unternehmen

Für den Bund würde ein solcher Totalverzicht auf die Luftverkehrsteuer Mindereinnahmen von zwei Milliarden Euro bedeuten. „Im Vergleich zu den Infrastrukturinvestitionen etwa für die Bahn in dreistelliger Milliardenhöhe wäre das ein vergleichsweise kleines Ticket für die Luftfahrt. Doch der volkswirtschaftliche Effekt wäre überproportional groß“, sagt Bischof.

Ein einziges Mittelstreckenflugzeug der A320-Klasse, das in Deutschland zusätzlich stationiert werde, schaffe eine direkte Wertschöpfung von 70 bis 75 Millionen Euro und knapp 200 Mitarbeitern. „Ein Langstreckenflugzeug gleicht von der Wirtschaftskraft sogar einem kleinen mittelständischen Unternehmen.“

Als Vorbild nennt Bischof Schweden, wo die Ticketsteuer zum Sommer ersatzlos gestrichen wird. Ryanair hat daraufhin Flugzeuge nach Stockholm und Göteborg verlegt und zugleich seine Kapazitäten in Deutschland zurückgefahren. „Korrekturmaßnahmen wie in Schweden würden Deutschland eine zusätzliche direkte Wertschöpfung von zwei bis drei Milliarden Euro bringen“, sagt Bischof.

Dass Schwarz-Rot das Thema Ticketsteuer nach der Einigung in den Koalitionsverhandlungen noch einmal aufmacht, ist allerdings nicht sehr wahrscheinlich. Weil Bischof dies wohl ahnt, schlägt er alternativ eine Entlastungsmöglichkeit vor, die neben Steuersenkungen an die Gebühren für Sicherheitskontrollen und Fluglotsen geht. Konkret fordert er, den zuletzt auf 15 Euro angehobenen Deckel für die Abtastgebühren wieder auf zehn Euro zu senken.

„Die Gewährleistung der Sicherheit im Luftverkehr ist eine Kernfunktion des Staates und damit eine hoheitliche Aufgabe“, begründet er. Zudem fordert er, die Verdopplung der Fluglotsen-Gebühren zum Ausgleich der Corona-Ausfälle zu streichen.

Relativ vage bleibt das Koalitionspapier bei einem Thema, das die gesamte europäische Luftfahrtbranche in Aufruhr versetzt – nämlich bei den SAF-Quoten. Die EU schreibt Airlines für Abflüge aus Europa die Beimengung einer steigenden Quote nachhaltiger Flugkraftstoffe (Sustainable Aviation Fuel = SAF) aus Frittenfett oder Agrarabfällen vor.

Diese sind drei- bis fünfmal teurer als herkömmliches Kerosin, die bald zusätzlich vorgeschriebenen synthetischen E-Fuels werden sogar zehnmal so teuer sein. Außereuropäische Fluglinien müssen an ihren Drehkreuzen in Istanbul oder Doha kein SAF tanken. „Das ist ein erheblicher Wettbewerbsnachteil. Kerosin macht circa ein Drittel der Kosten einer Airline aus“, sagt Bischof.

Eine Lösung sieht er hier kontraintuitiverweise in einem Mehr staatlicher Belastungen. „Was wir vorschlagen, ist eine endzielbezogene Klimaabgabe“, sagt Bischof. Für alle in der EU beginnenden Flugreisen sollte eine für alle Airlines gleiche Abgabe erhoben werden, unabhängig davon, ob Reisende in Frankfurt oder Dubai umsteigen. „Die Einnahmen sollten dann für die Nutzung und Produktion von SAF zu marktfähigen Preisen bereitgestellt werden.“

Steffen Fründt ist Wirtschaftskorrespondent der WELT und berichtet über Themen aus Luftfahrt, Sportbranche und Industrie.

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