Die Weltrekordmarken der wichtigsten Disziplinen kennt Aron D‘Souza auf die Hundertstelsekunde genau. Beim Ein-Meilen-Lauf etwa liegt sie bei 3 Minuten 43,13 Sekunden. Aufgestellt hat diesen Rekord der Marokkaner Hicham El Guerrouj im Jahr 1999, also vor einem Vierteljahrhundert. In dieser langen Zeitspanne verortet D’Souza das Problem des Spitzensports – und zugleich sein eigenes Geschäftsmodell.

„Seit fast einer Generation gibt es in der Sportdisziplin Laufen, auf die wir biologisch am meisten trainiert sind und die jedes Kind als erstes erlernt, keine Progression“, sagt der Chef des Sportprojekts „Enhanced Games“, was auf Deutsch so viel wie „verbesserte Spiele“ bedeutet. Dabei lebe Sport – wie Technologie und Wirtschaft – vom Fortschritt.

Hier möchte der 39-jährige Australier nachhelfen. „Wir wollen Wettkämpfe veranstalten, die die menschliche Leistung auf ein neues Level heben. Die Biologie muss nicht länger unser Limit sein“, sagt D’Souza. Bewerkstelligen will er das mittels Doping: Testosteron und andere Stoffe sollen in seinen „Enhanced Games“ erlaubt sein.

Das Tuning des eigenen Körpers erlebt in den USA einen Boom. Immer mehr Privatkliniken bieten zum Beispiel Testosteron-Therapien an. Das Hormon soll das Muskelwachstum anregen, mehr Energie und auch die Libido auf Trab bringen.

Sogar der neue Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. outete sich als großer Fan des Testosteron-Tunings. Nun könnte der Doping-Trend die große Bühne erobern. Denn was im Spitzensport bisher illegal und verpönt ist, wollen die „Enhanced Games“ dort gezielt verankern: Mit Läufern, Schwimmern und Gewichthebern, in deren Blutbahnen Anabolika, künstliches Testosteron und andere Substanzen zirkulieren – und die damit die bisherigen Weltrekorde pulverisieren.

Schon im kommenden Jahr könnte das erste „Olympia“ auf Steroiden in den USA stattfinden. Und das, obwohl Mediziner vor schwerwiegenden Nebenwirkungen der Mittel warnen und erwischte Athleten mit langen Sperren für den etablierten Spitzensport rechnen müssen.

Donald Trump jr. ist Investor

Daher galt die Geschäftsidee der Doping-Spiele bislang als wahlweise abseitig oder jenseitig. Ohne Donald Trump hätte sich das wohl nicht geändert. Doch niemand geringerer als der Spross des US-Präsidenten, Donald Trump jr., ist Investor der „Enhanced Games“. Auch die deutschstämmigen Investoren Peter Thiel und Christian Angermayer mischen mit. Gründer D’Souza sieht gar das Potenzial, eine der weltgrößten Firmen aufzubauen. Leidet die Unternehmung an Größenwahn – oder ist sie genial?

Aron D’Souza wirkt wie ein Start-up-Unternehmer. Hinter dem Schreibtisch seines Londoner Büros prangt ein Superman-Plakat. Vor ihm steht der Computer, über den hinweg er mit WELT AM SONNTAG spricht. D’Souza erzählt, wie er mit seinem Laptop um die Welt gereist ist, immer auf der Suche nach neuen Geschäftsideen.

Im Jahr 2022 sei er fündig geworden: „Wir leben im Zeitalter der Disruption. Alle Branchen und Unternehmen werden durch neue Ideen herausgefordert“, sagt er. „Ich habe mich gefragt, warum noch niemand die Olympischen Spiele als ewig gültige Institution infrage gestellt hat.“

Den Weg zur Disruption der olympischen Idee habe ihm die Wissenschaft gewiesen. Julian Savulescu, Ethik-Professor an der Universität Oxford, habe in einem Aufsatz geschrieben, dass sich aus „Enhancement“ (z. Dt. Verbesserung) bei sportlichen Veranstaltungen wichtige Daten für die Forschung gewinnen ließen, sagt D’Souza.

Den Fokus sieht der Unternehmer dabei im Einsatz von drei Substanzen: anabolen Steroiden, Testosteron und Erythropoetin (EPO). „Diese Substanzen sind gut erforscht, sie weisen keine Toxizität auf und machen nicht süchtig“, behauptet D’Souza. Solange die Athleten sich an nationales Recht hielten, werde auch die Einnahme anderer Substanzen von seinem Unternehmen nicht eingeschränkt. Allerdings würden alle Athleten vor den Wettkämpfen gründlich untersucht. „Niemand will, dass einer unserer Athleten vor einem Millionenpublikum einen Herzinfarkt bekommt“, sagt D’Souza.

Doch nicht nur die Idee des Dopings fesselte den Australier. Vor allem der Milliardenmarkt lockt ihn. „Das Olympische Komitee macht jährlich Milliarden-Umsätze. Der Präsident der Olympischen Spiele jettet im Privatflieger um die Welt und lebt quasi in einem Palast“, sagt D’Souza. Geht es nach ihm, wird das nicht so bleiben: „Die neuen Weltrekorde werden wir haben, nicht die Olympischen Spiele. Und warum sollte eine Stadt Milliarden Dollar ausgeben, um die alten und langsamen Spiele auszutragen?“

Doping statt angestaubter Tradition? Einer der ersten, der an die Disruption von Olympia glaubte, war der deutsche Investor Christian Angermayer. Ihm wird zugeschrieben, Donald Trump jr. und Peter Thiel an Bord geholt zu haben. Angermayer selbst hat 2,5 Millionen Euro in das Projekt gesteckt. Doch was erwartet er sich davon?

Angermayers Exkurs in die Steinzeit

Angermayer sitzt in einer Suite des Hotels Waldorf Astoria in Washington, als er den Videoanruf der WELT AM SONNTAG annimmt. Er hat kurz geschorene Haare, seine Gesichtsfarbe strahlt in einem ähnlichen Ton wie sein rosa Sweater. Auch sonst wirkt der 46-Jährige wie ein Student, der gerade vom Baseball hereingestürmt ist. Es scheint fast, dass sein Äußeres Teil seiner Investmentstrategie ist. Denn auch er selbst schwört auf „Enhancement“ durch verschiedene Substanzen.

Um seine Vision zu erklären, holt Angermayer ein paar Jahrtausende weit aus. Der Geldgeber mit Trump-Nähe setzt mit vielen seiner Investitionen dort an, wo der Mensch vor rund 12.000 Jahren saß: gruppiert um ein Lagerfeuer, beim Verzehr der erlegten Beute: „Eigentlich war das die beste Phase der Menschheitsgeschichte. Die Menschen jagten zwei bis drei Stunden pro Tag, der Rest war Freizeit und Gossip beim Zusammensitzen ums Feuer.“

Künstliche Intelligenz und Robotik beförderten den Menschen nun wieder in eine ähnliche Lage. „Es ist davon auszugehen, dass die meisten Jobs wegfallen und auch nicht umfassend durch neue ersetzt werden“, meint der Investor. Menschen würden entweder gar nicht mehr arbeiten oder die Ein-Tag-Woche zelebrieren. „Wir werden also deutlich mehr freie Zeit haben, bei gleicher Kaufkraft, entweder dadurch, dass die Firmen die Gehälter einfach weiterzahlen, oder der Staat einspringt. Wir werden uns auf sozialer Ebene komplett neu definieren müssen“, prognostiziert Angermayer.

Diesem Neo-Steinzeitmenschen will der Investor ein passendes Freizeitangebot sichern. So investiert er in Hotelketten („Reisen wird zunehmen“), in psychedelische Drogen („Können Depressionen heilen, aber auch helfen, sich mit einer komplett neuen Welt zurechtzufinden“) und eben Unterhaltung durch Sport.

In den „Enhanced Games“ sieht Angermayer gewaltige Möglichkeiten: „Ich erwarte, dass wir uns sofort unter den Top-Zehn der globalen Sportevents positionieren werden.“ Geld soll zunächst durch Sponsoren und Ausstrahlungsrechte kommen. Dass große Marken durch das Doping abgehalten werden könnten, glaubt Angermayer nicht: „Wer will, dass die schnellsten Athleten ihre Marken tragen, wird an uns nicht vorbeikommen.“ Verhandlungen mit namhaften Sponsoren liefen bereits. Im Mai soll der Austragungsort sowie das Datum der ersten Spiele bekannt gegeben werden.

Der Sportartikelhersteller Adidas allerdings lässt wissen, dass diese Spiele für den Konzern „kein Thema“ seien. Puma teilt mit, ein Sponsoring „nicht in Erwägung“ zu ziehen. Der Sportausrüster Nike ließ eine Anfrage unbeantwortet. Und der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) rechnet nicht damit, Sponsoren an die Konkurrenz zu verlieren. „Jeder, der auch nur einen Funken Verständnis für die Werte des Sports, für Fair Play und sauberen Wettkampf hat, schüttelt den Kopf angesichts solcher schrägen Fantasien“, teilt der DOSB mit.

Das dennoch anvisierte Sponsoring soll ohnehin nur der Auftakt für den großen Reibach mit den Doping-Spielen sein. So plant „Enhanced-Games“-Chef D’Souza, dass sein Unternehmen die Daten der gedopten Athleten wissenschaftlich auswertet und daraus neue Produkte kreiert.

„Die Abnehmspritze Ozempic, die den Hersteller Novo Nordisk zum Multi-Milliarden-Konzern gemacht hat, ist für deren Nutzer nichts anderes als eine Erweiterung ihres optischen Images. Unser Ziel ist, das nächste Ozempic zu entdecken, etwa Mittel, die einen maskuliner machen.“ Er plant ganz groß. „Wenn wir das schaffen, können wir eine der größten Firmen der Welt werden.“

Dafür müssten allerdings in vielen Staaten noch die Dopinggesetze geändert werden. Oft sind die Mittel nämlich ohne ärztliches Attest gar nicht erlaubt.

Andreas Macho ist WELT-Wirtschaftsreporter in Berlin mit den Schwerpunkten Gesundheit und Bauwirtschaft.

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