Der Klimaschutz ist in den vergangenen Monaten in Deutschland und in Europa thematisch in den Hintergrund gerückt. Die täglichen Bilder zerstörter Städte in der Ukraine oder im Gazastreifen, aggressiv agierende Präsidenten in Washington, Moskau oder Ankara, die gescheiterte Ampelkoalition und die vorgezogenen Neuwahlen in Deutschland lassen derzeit andere Themen dringlicher erscheinen.
Deshalb – und auch wegen der in Berlin laufenden Koalitionsverhandlungen – startet die Handelskammer Hamburg nun die neue Netzwerk-Initiative „Hamburg Net Zero“ – mit dem Ziel einer weitgehend „klimaneutralen Wirtschaft“ bis zum Jahr 2040. Die Vertreter von mehr als 40 Hamburger Unternehmen trafen sich zum Auftakt am Donnerstag in der Handelskammer. Mit dabei sind neben kleineren Unternehmen auch Hamburger Konzerne wie die HHLA oder Airbus.
Ein effektiver Klimaschutz sei mit allen globalen Megatrends untrennbar verbunden, von der militärischen Sicherheit über die Migration bis hin zur Funktionsfähigkeit des Welthandels, sagte Handelskammer-Präses Norbert Aust. Und weiter: „Oberste Priorität muss in diesen Zeiten die Stärkung unserer Wirtschaftskraft mit einer wettbewerbsfähigen Industrie sein. Ein klimaneutraler Wirtschaftsstandort ist möglich, auch wenn einige Unternehmen eher, andere später ‚CO2 Net Zero‘ wirtschaften.“
Der Hamburger Ehrenbürger Michael Otto sagte in der Handelskammer: „Der Klimawandel ist mittel- und langfristig die größte Bedrohung, die wir haben. Eine Rolle rückwärts beim Klimaschutz halte ich für falsch. Wir müssen die wirtschaftlichen Chancen des Klimaschutzes sehen.“ Als Vorstandsvorsitzender und Vorsitzender des Aufsichtsrats hat Otto jahrzehntelang die Geschicke des global agierenden Versandhandelskonzerns Otto Group geprägt. Und seit Jahrzehnten bereits setzt sich der heutige Ehrenvorsitzende des Otto-Aufsichtsrats für den Klima- und Umweltschutz ein, im eigenen Unternehmen und unter anderem auch als Mitbegründer und Vorsitzender der Hamburger „Stiftung Klimawirtschaft“.
Sinn der neuen Initiative um den Handelskammer-Standpunkt „Hamburg Net Zero“ ist es, dass die beteiligten Unternehmen Erfahrungen mit ihren eigenen Klimaschutz-Modellen austauschen und gemeinsam über mögliche Geschäftsmodelle beraten. Denn klar ist aus Sicht von Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Malte Heyne: „Wir wollen den Klimaschutz vor allem unter dem Gesichtspunkt der Wettbewerbsfähigkeit vorantreiben.“ Es gehe immer darum, marktfähige Produkte und Dienstleistungen für den Klimaschutz zu entwickeln, die Schnittstellen zwischen Hochschulen und Wirtschaft zu öffnen und die Chancen der Metropolregion Hamburg mit einem besonders hohen Aufkommen an erneuerbaren Energien zu nutzen. Die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) habe der Metropolregion Hamburg dafür ebenso große Potenziale und Chancen attestiert wie die EU-Kommission, sagte Heyne.
Ein Beispiel für eine enge Kooperation von Unternehmen mit der öffentlichen Hand sei es, die Lastwagenverkehre für den Gütertransport innerhalb des Hamburger Hafens schnell zu elektrifizieren. Auch über die Bündelung bei der Nachfrage von Unternehmen für regenerativ erzeugten Strom sei im Rahmen von „Hamburg Net Zero“ in der Handelskammer diskutiert worden. Denkbar sei zum Beispiel, dass sich mehrere Unternehmen mit langfristigen Strom-Abnahmeverträgen zusammenschließen – und dass auf dieser Basis ein Windpark auf See oder an Land gebaut wird. Solche sogenannten „Power Purchase Agreements“ zwischen Energieversorgern und Stromabnehmern in der Wirtschaft sind vor allem beim Bau teurer Offshore-Windparks in Deutschland längst etabliert. Aber auch der gemeinschaftliche Aufbau stofflicher Kreislaufsysteme oder von Anlagen für die gewerbliche Nahwärmeversorgung seien denkbare Ansätze.
Hamburg und die Metropolregion haben beim Klimaschutz in den vergangenen Jahren schon viel erreicht. Unternehmen wie der Kupferkonzern Aurubis speisen mittlerweile einen Teil ihrer Abwärme in das städtische Fernwärmenetz ein. Der Hamburger Flughafen strebt einen komplett klimaneutralen Betrieb seiner eigenen Anlagen bis zur Mitte des kommenden Jahrzehnts an. Der HHLA-Containerterminal Altenwerder wurde als weltweit erster „klimaneutraler“ Containerterminal zertifiziert, allerdings enthält diese Einstufung auch Kompensationsleistungen für den Ausstoß von Treibhausgasen.
Doch es gibt auch Rückschläge. Der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft kommt in Hamburg und der Metropolregion nicht so schnell voran, wie noch vor einigen Jahren erhofft. Der Stahlhersteller ArcelorMittal hat ein Projekt für den Einsatz von regenerativ erzeugtem Wasserstoff ebenso zurückgestellt wie Airbus die Entwicklung wasserstoffbetriebener Flugzeuge. Handelskammer-Präses Norbert Aust kritisierte: Der deutschen Wirtschaft gehe es auch deshalb schlecht, weil konventionelle Kraftwerke – Kohle- und Atomkraftwerke – in den vergangenen Jahren „abrupt abgeschaltet“ worden seien, ohne zuvor adäquaten Ersatz zu schaffen. Das frühere Vattenfall-Steinkohlekraftwerk Moorburg war in dieser Woche teilweise gesprengt worden. Die Anlage, eines der modernsten Kohlekraftwerke der Welt, war von 2015 bis 2020 nur rund sechs Jahre am Netz. Das Heizkraftwerk Wedel hingegen, gestartet im Jahr 1965, versorgt Hamburg noch heute mit Fernwärme.
Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten auch darüber, wie mehr Wirtschaftsleistung mit mehr Klimaschutz verbunden werden kann.
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