Die Grünlack Spätlese ist ein Klassiker aus dem Rheingau. Seit 1775 gehört der Riesling zum Portfolio des Weinguts Schloss Johannisberg aus Geisenheim in Hessen, das ein VDP-Siegel tragen darf und damit zu den Prädikatsweingütern hierzulande gehört. Fast 50 Euro kostet die 0,75-Liter-Flasche des aktuellen Jahrgangs, ältere Abfüllungen auch mehr. Eine dieser älteren Abfüllungen gibt es nun als Sonderedition – und zwar alkoholfrei.
Das Berliner Start-up Kolonne Null hat einige Fässer der gereiften Spätlese des Jahrgangs 2012 entalkoholisiert. Ein paar Hundert Flaschen im Standardformat 0,75 Liter sowie in der 1,5-Liter-Magnum-Größe stehen ab sofort zum Verkauf. „Ein herausragender Wein von einzigartiger Balance mit 98 Gramm Zucker pro Liter und einem Säuregehalt von neun Gramm pro Liter – ein Wein, der die Grenzen dessen überschreitet, was bisher in der alkoholfreien Weinherstellung für möglich gehalten wurde“, schwärmen Michael Worm, Winzer bei Kolonne Null, und Gerd Ritter, Kellermeister auf Schloss Johannisberg.
Von einem „Meilenstein“ ist sogar die Rede und von einer „ikonischen alkoholfreien Version“. Zum ersten Mal sei es gelungen, eine gereifte Riesling Spätlese zu entalkoholisieren und dabei den außergewöhnlichen Geschmack zu bewahren.
Dass sich Schloss Johannisberg dazu entschieden hat, einige seiner wertvollsten Weinfässer für eine Alkoholfrei-Variante zu nutzen, kommt nicht von ungefähr. Immerhin ist der Weinmarkt kräftig in Bewegung. Schon drei Jahre in Folge haben Deutschlands Winzer weniger Geschäft gemacht. 2024 sank die verkaufte Menge laut den Marktforschern von NielsenIQ um vier Prozent, der Umsatz sogar um fünf Prozent. Gleichzeitig ist das Alkoholfrei-Segment bei Wein und Sekt stark gewachsen.
Laut einer vom Deutschen Weininstitut (DWI) bei NielsenIQ in Auftrag gegebenen Marktanalyse hat sich die Einkaufsmenge im vergangenen Jahr fast verdoppelt. Zwar ist der Marktanteil mit jetzt 1,5 Prozent weiter vergleichsweise gering. „Wir reden also noch immer von einer Nische“, sagt DWI-Geschäftsführerin Monika Reule. Das Potenzial sei aber riesig.
„Tatsache ist: Alkoholfreier Wein und Sekt werden von immer mehr Menschen gekauft“, so Reule. Um immerhin 17 Prozent hat sich die Käuferbasis 2024 vergrößert, heißt es in der Untersuchung. Und auch die Wiederkaufsrate nehme zu, was auf eine höhere Verbraucherakzeptanz schließen lasse. Selbst Sommeliers setzen mittlerweile gezielt in der Gastronomie alkoholfreie Weine in Foodpairings ein.
Gerade Jüngere suchen nach alkoholfreien Alternativen
Bislang ist der Weg in den Mainstream vor allem an Qualität und Geschmack gescheitert. Aber kein Wunder: Alkohol beeinflusst die Geschmackswahrnehmung und spielt im Wein eine entscheidende Rolle, weil er zum einen Aromen trägt und zum anderen Körper und Struktur verleiht. Immer wieder zeigen Umfragen, wo das Problem liegt, etwa die von Marktforscher International Wine and Spirits Record (IWSR): „Das ist nicht wirklich Wein“ und „Ich mag den Geschmack nicht“ sind schon seit Jahren die beiden häufigsten Antworten auf die regelmäßige Frage des IWSR nach den Kaufbarrieren für alkoholfreien Wein und Sekt, die beide schließlich kein grundsätzlich neues Angebot im Markt sind.
Der Prozentsatz an Verbrauchern, die diese Antworten geben, sinkt aber beständig. Auch das lässt sich über die Jahre beobachten. „Die Herstellungstechnik hat sich deutlich verbessert“, begründet das DWI-Chefin Reule. Zudem würden längst nicht mehr nur Überproduktionen für die Herstellung von alkoholfreiem Wein und Sekt genutzt. Wohl auch, weil der Branche zunehmend vor Augen geführt wird, wie groß die Zielgruppe ist.
Beim Konkurrenzprodukt Bier zum Beispiel liegt der Marktanteil von alkoholfreien Produkten mittlerweile bei fast neun Prozent. „Es sind längst nicht nur Autofahrer und Schwangere, die nach alkoholfreien Alternativen suchen“, sagt Andreas Brokemper, der Vorsitzende der Geschäftsführung von Henkell Freixenet aus Wiesbaden, dem weltgrößten Schaumwein-Anbieter, zu dessen Portfolio auch Spirituosen-Marken und Weingüter wie Schloss Johannisberg gehören. „Gerade die jungen Generationen lehnen Alkohol generell ab.“
Tatsächlich trinken laut einer Onlineumfrage der Meinungsforscher von YouGov mittlerweile 49 Prozent der sogenannten Generation Z – das sind die zwischen 1995 und 2010 Geborenen – weder Bier noch Wein oder Schnaps. Verzicht muss es aber auch in anderen Altersklassen geben. Immerhin hat sich der Alkoholkonsum in den vergangenen fast 50 Jahren mehr als halbiert. Wurden 1976 noch 17,2 Liter reiner Alkohol pro Bundesbürger verbraucht, waren es zuletzt noch 8,4 Liter, wie Zahlen der Verbände aus der Alkoholwirtschaft zeigen.
„Der Umgang mit dem Konsum von Alkohol ändert sich. Und da ist man entweder dabei oder außen vor“, folgert Brokemper und lässt keinen Zweifel daran, welchen Weg er mit Henkell Freixenet gehen wird. „Es ist nur logisch, diesen Bereich auszubauen. Denn alkoholfreier Sekt und Wein ist keine Konkurrenz, sondern eine Konsequenz.“ Jede einzelne Marke im Konzern habe schon oder bekomme noch eine alkoholfreie Variante. „Wir glauben sehr stark daran, dass die Kategorie aus der Nische herauswächst“, sagt Brokemper. Zumal das beim Schaumwein, der aktuell rund zwei Drittel des Segments ausmacht, schon passiert sei.
Weltweit umfasst der Markt für alkoholfreien oder alkoholreduzierten Sekt und Wein nach Angaben von Henkell Freixenet derzeit rund 300 Millionen Flaschen. Das entspreche der Größe des gesamten Champagner-Marktes. Bis 2030 werde sich diese Zahl dann auf eine halbe Milliarde Flaschen erhöhen. Volumenstarke Absatzgebiete seien dabei Länder in Süd- und Osteuropa sowie in Skandinavien, heißt es in einem Report der Hochschule Geisenheim im Auftrag der ProWein. Für die nächsten Jahre sehen die Experten dann besonders großes Potenzial vor allem in Deutschland, den Niederlanden und Österreich.
Quantensprung Aromarückgewinnung
Davon ist auch Monika Reule überzeugt. Nicht zuletzt, weil das Angebot hierzulande kontinuierlich steigt. „Es gibt ein Umdenken in der Branche“, begründet die langjährige Geschäftsführerin des Weininstituts. „Vor fünf Jahren haben viele Winzer noch abgewunken“, erinnert sich Reule. „Ich mache richtigen Wein“, habe es da geheißen. „Mittlerweile findet man kaum noch Betriebe, die keine alkoholfreie Variante anbieten.“ Und aufgrund verbesserter Technik seien die Produkte mittlerweile auch „echte Alternativen“.
Gemeint ist beim Technik-Lob vor allem die sogenannte Vakuum-Destillation. Bei diesem Verfahren verdampft der Alkohol bei deutlich niedrigeren Temperaturen als üblich: bei 32 statt bei 72 Grad. Dadurch verflüchtigen sich weniger Aromen, und die typischen Geschmacksnuancen wie auch die Struktur des Weins bleiben besser erhalten. Gleichzeitig gibt es mittlerweile Anlagen zur Aromarückgewinnung. Sie fangen die flüchtigen Aromen ein und fügen sie später dem entalkoholisierten Wein wieder zu.
„Das ist ein Quantensprung“, sagt Hartmut Schütz. Er ist Betriebsleiter beim Entalkoholisierungszentrum Baden-Württemberg (EAZ). Der 1988 gegründete Mittelständler aus Waiblingen bei Stuttgart ist hierzulande mit zuletzt 1,4 Millionen verarbeiteten Litern der nach eigenen Angaben drittgrößte Anbieter für die entsprechende Dienstleistung – und aktuell schon über Monate hinweg ausgebucht, jedenfalls für das Verfahren mit der Aromarückgewinnung. „Das Thema wird groß und größer“, berichtet Schütz. Vor allem in den vergangenen beiden Jahren habe die Nachfrage deutlich zugenommen.
Winzer bringen ihren fertigen Wein zum EAZ und bekommen ihn dann ohne Alkohol wieder zurück. Denn eigene Anlagen lohnen sich nur für die wenigsten Weinbaubetriebe. Die meisten Kunden seien kleine und mittelgroße Weingüter, zuletzt hätten sich aber auch etliche größere Winzer gemeldet. Schütz rechnet daher mit neuer Konkurrenz in den kommenden Monaten. „Aktuell gibt es vielleicht zwölf Entalkoholisierungsanlagen für Wein in Deutschland. Es deutet sich aber schon an, dass einige auf den Zug aufspringen wollen.“ Was Schütz gelassen sieht: „Das erhöht noch mal zusätzlich die Aufmerksamkeit für das Thema.“ Zudem seien zusätzliche Kapazitäten nötig, wenn sich die Wachstumsprognosen tatsächlich erfüllen.
Sichtbar wird das Potenzial etwa am Beispiel Mehrlein. Das Weingut aus der Rieslingstraße in Oestrich-Winkel im Rheingau-Taunus-Kreis in Hessen steigt jetzt mit der jüngsten Ernte, also dem 2024er-Jahrgang, ins Alkoholfrei-Geschäft ein. Mit 60 Hektar Rebfläche gehört Mehrlein zu den größeren Betrieben in Deutschland. Produziert wird aus den Trauben Wein unter dem eigenen Namen Mehrlein, aber auch für sogenannte Handelsmarken, also Hausmarken von zum Beispiel Supermärkten – und in diesem Fall Weinhändlern.
Speziell diese Kunden verlangen mit Nachdruck nach Wein ohne Promille, berichtet Betriebsleiter Torsten Klein. „Und wenn sich der Markt bewegt, müssen wir das auch tun.“ Ausprobiert wird schon seit zwei, drei Jahren. „Anbau, Lesezeitpunkt, Traubenverarbeitung, Gärung – alles muss angepasst werden“, sagt Klein, der viel zum Thema recherchiert und sich in Seminaren weitergebildet hat. Nun ist er zufrieden, was Qualität und Geschmack betrifft. Auch durch die neue Technik. „Da hat sich viel getan, das setzt sich nun durch und wird verfügbar. Also macht es Sinn, jetzt auch einzusteigen.“
Carsten Dierig ist Wirtschaftsredakteur in Düsseldorf. Er berichtet über Handel und Konsumgüter, Maschinenbau und die Stahlindustrie sowie über Recycling und Mittelstandsunternehmen.
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