Die Aufteilung des deutschen Strommarktes wird von der EU-Kommission und zahlreichen Nachbarländern seit Langem gefordert, in Deutschland hat sie nicht viele Freunde: Energieversorger und Wirtschaftsvertreter lehnen mehrere Preiszonen in Deutschland ab.

Sie glauben: Die Liquidität des Strommarktes würde leiden. Süddeutsche Energiepolitiker bringt das Thema regelmäßig in Rage: Ihre Länder würden durch die Aufteilung zu Hochpreiszonen für Elektrizität. Sogar Nordrhein-Westfalen könnte nach den Vorstellungen der europäischen Netzbetreiber-Organisation ACER noch zu dieser Zone gehören.

Die unabhängige „Experten-Kommission zum Energiewende-Monitoring“ schreckt die Gegenwehr nicht. In ihrem neuen Kommentar zum Stand der Energiewende rät sie ausführlich zum Preiszonen-Split. Ihr Argument: Der deutschlandweit einheitliche Strompreis sei mit schuld daran, dass die Energiewende so teuer für alle ist.

„Die deutschlandweit einheitlichen Preise spiegeln die tatsächlichen Knappheiten nicht wider und setzen daher falsche Anreize, was zu ineffizienten Standortentscheidungen sowie einem unwirtschaftlichen Betrieb von Erzeugungsanlagen und Flexibilitäten führt“, argumentieren die Wissenschaftler in ihrem am Freitag veröffentlichten Gutachten. Die von der Bundesregierung schon vor Jahren berufene Kommission besteht aus den Energieökonomen Andreas Löschel von der Universität Bochum, Felix Matthes vom Öko-Institut, Anke Weidlich von der Universität Freiburg und der „Wirtschaftsweisen“ Veronika Grimm von der Universität Nürnberg-Erlangen.

Regional differenzierte Strompreise könnten Ineffizienzen der Energieversorgung deutlich verringern, schreiben sie: „Sie würden den wirtschaftlichen Betrieb von Anlagen fördern und durch höhere erwartete Erlöse an den richtigen Standorten den Bedarf an weiteren Maßnahmen für den Kapazitätsausbau senken.“

Insbesondere vor dem Hintergrund umfangreich anstehender Investitionen, etwa in Gaskraftwerke oder Großspeicher, gewinne die Schaffung von Preiszonen zunehmend an Bedeutung, heißt es im Gutachten: „Eine durch die Anreize systemdienlichere Ansiedlung der Anlagen birgt erhebliche Kostensenkungspotentiale im Vergleich zu Investitionsentscheidungen in einer Einheitspreiszone.“

Erleichterung für Wasserstoff-Wirtschaft

Die Netzkosten, schon jetzt einer der größten Posten auf der Stromrechnung der Verbraucher, könnten demnach sinken. Ebenso der Bedarf an teuren Markteingriffen der Netzbetreiber, die ständig die Windkraft-Produktion in Norddeutschland und die Solarstrom-Produktion südlich des Netzengpasses mit dem Ergebnis des Energiehandels in Einklang bringen müssen.

Schließlich würde eine Preiszonen-Teilung die Chancen auf mehr Industrie-Arbeitsplätze erhöhen: „Innerhalb Deutschlands könnten Regionen mit niedrigeren Durchschnittspreisen entstehen, was gezielt die Ansiedlung neuer Industrien in Gebieten mit Stromüberschuss fördert“, heißt es im Gutachten: „Dadurch könnten Investitionen nach Deutschland geholt werden, die sonst in anderen Ländern erfolgen würden.“

Schließlich würde die Aufteilung des Marktes den Aufbau der Wasserstoff-Wirtschaft erleichtern: Werden in der Nordregion sehr hohe Anteile Ökostrom erzeugt, könnten Elektrolyse-Anlagen einfach mit Netzstrom betrieben werden. Die zahlreichen Auflagen und Einschränkungen, die heute für die Betreiber von Elektrolyseuren gelten, um die strengen Kriterien für „grünen Wasserstoff“ zu erfüllen, wären dort hinfällig.

Andere Länder, etwa Italien oder Schweden, sind bereits in unterschiedliche Preiszonen aufgeteilt. Die Marktteilung erfolgte dort nach Vorgaben der Europäischen Union. Danach ist eine Marktteilung durchzuführen, wenn es im Lande strukturelle Netzengpässe gibt, wie es zwischen Nord- und Süddeutschland seit Jahren der Fall ist.

Jahrelange Forderungen der EU und zahlreicher deutscher Nachbarstaaten nach einem Zonen-Split innerhalb Deutschlands hatten die Bundesregierungen bislang stets abwehren können. Die neue Bundesregierung müsste jetzt auch noch die Empfehlungen ihrer eigenen Berater in den Wind schlagen.

Daniel Wetzel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet über Energiewirtschaft, Energiepolitik, Klimapolitik. Für seine energiewirtschaftlichen Berichte, Kommentare und Reportagen wurde er 2007 vom Verein Deutscher Ingenieure (VDI) mit dem Robert-Mayer-Preis ausgezeichnet und vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität Köln 2009 mit dem Theodor-Wessels-Preis.

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