Heinz Jörg Fuhrmann muss sich nicht mehr zurückhalten. Jahrzehntelang hat der 68-Jährige als Manager in der Stahlindustrie gearbeitet, zuletzt als Vorstandschef von Branchenriese Salzgitter.
Und immer galt es auf Befindlichkeiten zu achten, sei es von Investoren, von Mitarbeitern, von Kunden und Branchenkollegen oder von der Politik. Nun kann Fuhrmann, der ein mögliches Rentnerdasein gegen einen Job als sogenannter Senior Advisor bei der Managementberatung Horvath eingetauscht hat, frei sprechen.
Und sein Urteil über den aktuellen Status der Stahlindustrie in Deutschland ist verheerend: „Die Branche steht am Abgrund. Die Lage ist wirklich sehr kritisch.“
Tatsächlich steckt der hiesige Stahlstandort, immerhin der größte in Europa und der siebtgrößte weltweit, in einer tiefen Krise. Seit mittlerweile drei Jahren verharrt die Rohstahlproduktion unter der 40-Millionen-Tonnen-Grenze und damit auf Rezessionsniveau, meldet die Wirtschaftsvereinigung Stahl.
Die Marktversorgung wiederum sei auf einen historischen Tiefstand gesunken. Das stehe nicht nur im Kontrast zum Rest der Welt, sondern auch zu den anderen Industrieländern in der EU, heißt es vom Branchenverband.
„Im Augenblick ist die Trias aus anhaltender Rezession, wachsenden Standortnachteilen und Importdruck durch billigen Stahl aus Drittstaaten schlicht nicht zu stemmen“, sagt Hauptgeschäftsführerin Kerstin Maria Rippel.
Thyssenkrupp reduziert Produktionsvolumen
Ausdruck dessen sind auch die angekündigten Kapazitätsanpassungen bei Deutschlands größtem Hersteller Thyssenkrupp Steel Europe. Am Stammsitz in Duisburg soll das Produktionsvolumen von 11,5 Millionen auf nur noch neun Millionen Tonnen reduziert werden.
Bei der „Handelsblatt“-Tagung „Zukunft Stahl“ auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen mahnt Rippel nun ein „beherztes Handeln“ seitens der Politik an. „Um den Industriestandort Deutschland und Europa zu stärken, brauchen wir jetzt dringend international wettbewerbsfähige Energiekosten und auf EU-Ebene Handelsschutzmechanismen inklusive eines effektiven CO2-Genzausgleichs.“
Denn die hohen Kosten hierzulande und fehlender Schutz vor Billigimporten seitens der Europäischen Union mache den Unternehmen schwer zu schaffen und bedrohe teils ihre Existenz. Zumal sie mitten in einer teuren Transformation in Richtung Klimaneutralität stecken würden – mit der Abkehr von der klassischen und CO₂-intensiven Hochofenroute mit Koks und Kohle hin zu sogenannten Direktreduktionsanlagen. Diese würden im Idealfall mit grünem Wasserstoff betrieben. „Wenn sich jetzt nichts tut, dann sind wir platt“, warnt Rippel.
Und das habe dann Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort Deutschland insgesamt. „Stahl ist nicht nur eine Branche von vielen, sondern die Grundlage der Wertschöpfung in Deutschland“, begründet die Verbandschefin. Fast ein Viertel des Produktionswertes hierzulande entfalle auf die Stahlindustrie und ihre Abnehmerbranchen von Automobil über Maschinenbau und Metallverarbeitung bis hin zum Baugewerbe.
„Besonders der industrielle Mittelstand ist stahlintensiv. Die Hälfte des Produktionswertes dieser Unternehmen hängt mit Stahl zusammen.“ Das betreffe am Ende rund vier Millionen Arbeitsplätze.
Verschärft wird die Lage nun zusätzlich durch die Handelspolitik von Donald Trump. Kürzlich verhängte der US-Präsident Strafzölle in Höhe von 25 Prozent auf den Import von Stahl und Aluminium. Zwar sind die Amerikaner ungeachtet dessen auf Einfuhren angewiesen. Denn nicht jede Art von Stahl wird in den USA noch hergestellt.
Jede dritte Tonne Stahl in der EU stammt schon jetzt aus Asien
Ein Teil der zuletzt rund 23 Millionen in die USA gelieferten Tonnen dürfte aber auf neue Handelswege umgelenkt werden. Und Europa mit seinen weitgehend offenen Märkten steht dabei als Ziel weit oben, sagt Experte Fuhrmann. „Wenn wir gerade Hochkonjunktur hätten, wäre das nicht so schlimm. In der aktuellen Lage ist aber jede weitere Tonne schädlich.“
Und der Druck durch Billiglieferungen aus dem Ausland ist schon jetzt hoch. Jede dritte in Europa genutzte Tonne Stahl kommt von außerhalb der EU-Grenze, allen voran aus Asien, wo es riesige Überkapazitäten gibt.
„China produziert 1,1 Millionen Tonnen Stahl und verteilt davon die Hälfte irgendwo in der Welt“, sagt Stefan Rauber, der Vorsitzende Geschäftsführung der Stahl-Holding Saar. „Das ist ein Problem. Und das muss gelöst werden.“
Die Branche wünscht sich einen effektiven Außenhandelsschutz. Zumal von unfairen Wettbewerbsbedingungen die Rede ist. So berichten Marktkenner, dass der Preis für Import-Coils inklusive Transport teils deutlich unterhalb der Produktionskosten in Europa liegen.
Neu sind die Forderungen nach Schutzmaßnahmen ebenso wenig wie die dringenden Appelle an die deutsche Politik in Sachen Strom- und Gaspreise oder Netzentgelte. „Das haben wir schon 2020 im Handlungskonzept Stahl aufgeschrieben und auch letztes Jahr im Stahl-Aktionsplan der Bundesländer“, sagt Verbandschefin Rippel.
Zwei große Lichtblicke
„Trotzdem ist die Umsetzung immer wieder ins Stocken geraten. Man könnte ein stückweit verzweifeln.“ Doch glücklicherweise gebe es nun endlich Lichtblicke: das vom Bundestag jüngst beschlossene Sondervermögen in Höhe von 500 Milliarden Euro und den Steel and Metals Action Plan der EU.
„Beides zeigt, dass die geopolitischen Bedrohungen zuletzt etwas in Bewegung gebracht haben. Das ist ein enorm starkes Zeichen.“
Vom Sondervermögen erhofft sich die Stahlindustrie einen „dringend benötigten Konjunkturimpuls“. Saarstahl-Chef Rauber jedenfalls spricht von einer riesigen Chance. „Das Paket kann einen Schub geben für die Wirtschaft insgesamt. Da geht es nicht nur um Stahl.“
Ähnlich sieht es auch Dennis Grimm, der Stahlchef von Thyssenkrupp. „Was das genau für unser Unternehmen bedeutet, muss noch analysiert werden. Hoffentlich erhalten wir dadurch aber ein positives Wirtschaftsklima in Deutschland, so dass die Märkte im Allgemeinen anspringen.“
Den Aktionsplan der EU wiederum interpretiert die Wirtschaftsvereinigung Stahl als wichtiges Signal. „Die schnelle Reaktion – vom strategischen Dialog mit Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen vor 14 Tagen bis zur Veröffentlichung des Plans – zeigt: Brüssel hat den Ernst der Lage erkannt“, sagt Hauptgeschäftsführerin Rippel. Für Rippel hat das Papier mit einer Senkung von Importquoten für bestimmte Stahlsorten um in Summe 15 Prozent, einer Verschärfung von Safeguards ab April und einer angekündigten Reform des Grenzausgleichsmechanismus‘ CBAM sogar das Zeug zum „Gamechanger“.
Der Gewerkschaft IG Metall ist weniger euphorisch. Ihr bleibt der Aktionsplan in einigen Punkten noch zu vage. Hohe Energiepreise seien das drängendste Problem für die europäische Stahlindustrie, betont Jürgen Kerner, der zweite Vorsitzende der Gewerkschaft.
„Dies wird zwar anerkannt, jedoch fehlen schnelle, konkrete Maßnahmen, die zu einem wettbewerbsfähigen Strompreis führen. Auch was den Aufbau von grünen Leitmärkten und den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft angeht, bleibt der Aktionsplan hinter unseren Erwartungen zurück.“
Carsten Dierig ist Wirtschaftsredakteur in Düsseldorf. Er berichtet über Handel und Konsumgüter, Maschinenbau und die Stahlindustrie sowie über Recycling und Mittelstandsunternehmen.
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