Die Geschäftslage im Handwerk in Deutschland ist so schlecht wie seit 15 Jahren nicht mehr. Nur gut die Hälfte der Betriebe hierzulande bewertet ihre aktuelle Situation als gut oder sehr gut, zeigt eine aktuelle Analyse der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, die auf der Internationalen Handwerksmesse IHM in München vorgestellt wurde.

„Die Rezession trifft das Handwerk mit voller Wucht“, beschreibt Patrik-Ludwig Hantzsch, der Leiter Wirtschaftsforschung bei Creditreform. Sichtbar wird die Krise sowohl bei der Umsatzentwicklung als auch in den Bereichen Personal und Eigenkapital. So meldet die Mehrheit der Betriebe sinkende Einnahmen für 2024, heißt es in der Untersuchung, für die Creditreform 1250 Unternehmen befragt hat.

Die Ertragslage ist dabei weiterhin angespannt und etwaige Reserven werden sukzessive aufgezehrt. Jedenfalls meldet Creditreform für mehr als ein Drittel der Betriebe eine Eigenkapitalquote von weniger als zehn Prozent.

Einen solch schlechten Wert gab es zuletzt vor über zehn Jahren, weiß Experte Hantzsch. „Zwar hat die Zinssenkung der Europäischen Zentralbank die Finanzierungssituation leicht verbessert, doch vielen Betrieben fehlt weiterhin die Ertragskraft.“ Die Abhängigkeit von Fremdkapitalgebern und Kreditkonditionen steige dementsprechend.

Aber nicht alle erhalten noch Geld. Das zeigt auch die Zahl der Insolvenzen. 4350 Fälle meldet Creditreform für 2024, das sind 18,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Überdurchschnittlich stark betroffen sind das Handwerk für den gewerblichen Bedarf sowie das Ausbaugewerbe. Einzig im Nahrungsmittelhandwerk gingen die Insolvenzzahlen zurück.

„Vielen Handwerksbetrieben, vor allem im Baubereich, brechen die Aufträge weg. Gleichzeitig stiegen die Kosten für Kredite und Personal. Unter dieser Doppelbelastung brechen viele zusammen“, erklärt Hantzsch, der auch für die kommenden Monate mit weiter steigenden Insolvenzzahlen rechnet. Zumal sich die Zahlungsmoral der Kunden laut Umfrage zuletzt weiter verschlechtert hat und damit vielerorts Liquiditätsprobleme vorprogrammiert sein dürften.

Gespart wird in den betroffenen Betrieben zum Beispiel beim Personal. Jedenfalls haben mehr Unternehmen ihren Mitarbeiterstamm verkleinert als durch zusätzliche Einstellungen vergrößert. Meistens wurden dabei Stellen von altersbedingt ausgeschiedenen Kollegen nicht neu besetzt aufgrund der weiter unsicheren Konjunkturaussichten, wie es von Creditreform heißt.

Unter dem Strich ist die Zahl der Beschäftigten im Handwerk um rund 80.000 gesunken, meldet der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Eine wichtige Rolle spielen dabei aber auch die Insolvenzen und eine zuletzt steigende Zahl an Betriebsaufgaben.

„Stilles Sterben“ nennt der ZDH diese Entwicklung. Und die gibt es auch bei finanziell eigentlich gesunden Betrieben, sei es aufgrund der zuletzt hohen Kostensteigerungen und Belastungen durch Bürokratie, Steuern und Abgaben, oder weil die Inhaber keine Nachfolger finden.

Oder das passende Personal. So waren Ende Dezember bei den Arbeitsagenturen 125.500 offene Stellen im Handwerk gemeldet, berichtet eine ZDH-Sprecherin. Den tatsächlichen Bedarf schätzt sie sogar auf deutlich über 200.000 Fachkräfte – weil die Betriebe erfahrungsgemäß nicht alle offenen Stellen an die Bundesagentur melden. Alleine 19.000 Lehrstellen seien unbesetzt mangels geeigneter Bewerber.

Dass diese Gemengelage aus schlechter Konjunktur, steigender Belastung und teils verzweifelter Personalsuche Firmeninhaber aufgeben lässt, zeigt auch eine Umfrage von Hero, einem Anbieter von Betriebssoftware fürs Handwerk, aus dem vergangenen Herbst. Danach denkt rund ein Viertel der Betriebe an eine Betriebsschließung.

Henning Hanebutt, in dritter Generation Geschäftsführer von Deutschlands größtem Dachdeckerbetrieb Hanebutt aus der Nähe von Hannover, mahnt dementsprechend mehr Unterstützung für den Wirtschaftszweig mit zuletzt über einer Million Unternehmen und 5,6 Millionen Beschäftigten an, sowohl aus der Politik als auch von den Schulen.

„Während Schulen akademische Karrieren glorifizieren, bleibt das Handwerk im Hintergrund“, schreibt er in einem offenen Brief. „Jugendliche erhalten nicht die notwendigen Informationen, um fundierte Entscheidungen über ihre berufliche Zukunft zu treffen – zumindest nicht, wenn es um das Handwerk geht.“

Gelegenheit zum direkten Austausch gibt es auf der Handwerksmesse. Jedenfalls haben der noch amtierende Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) die Branchenschau eröffnet, zudem werden Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und der Unions-Fraktionsvorsitzende Friedrich Merz erwartet.

„Der Wahlkampf ist vorbei, jetzt zählt nur noch, wie wir Deutschland in die Zukunft führen“, appelliert ZDH-Präsident Jörg Dittrich. „Daran muss sich Politik messen lassen, und daran müssen sich die Koalitionsverhandlungen jetzt ausrichten.“ Die Botschaft an die Politik sei klar: „Jetzt ist die Zeit, zu liefern.“

Denn Chancen auf eine Rückkehr zu Wachstum sind nach Ansicht von Experten gegeben. Der Creditreform-Umfrage zufolge erwartet fast ein Viertel der Betriebe steigende Umsätze, während 22,8 Prozent mit einem weiteren Rückgang rechnen – dies sind weniger Pessimisten als im Vorjahr als dieser Wert bei 27,2 Prozent lag.

Als weiteres positives Signal wertet man bei Creditreform einen Anstieg der Investitionsbereitschaft. Der Anteil der investierenden Unternehmen kletterte demnach von 41,5 auf 49,2 Prozent und erreichte damit das höchste Niveau seit Jahren.

Und das kann laut Wirtschaftsforscher Hantzsch auch Auswirkungen über das Handwerk hinaus haben: „Obwohl eine rasche wirtschaftliche Erholung unwahrscheinlich ist, könnte das Handwerk zusammen mit der Binnennachfrage dazu beitragen, die Konjunktur zu stabilisieren.“

Carsten Dierig ist Wirtschaftsredakteur in Düsseldorf. Er berichtet unter anderem über Handel und Konsumgüter, Maschinenbau und die Stahlindustrie.

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