Vincent Kompany gibt alles, um den Fokus auf den kommenden sportlichen Aufgaben zu halten. Am vergangenen Dienstag war der Trainer des FC Bayern in Mailand, um den in der Champions League kommenden Gegner Inter zu beobachten. Inter spielte im Derby in der Coppa Italia gegen den AC Mailand 1:1 „Meine Nächte sind immer ziemlich kurz“, sagte der Coach des deutschen Fußball-Rekordmeisters lächelnd, als er Donnerstagmittag auf dem Podium im Pressesaal des Klubs an der Säbener Straße in München saß. „Fußball beschäftigt mich sehr viel. Es war in die Chance, einen Schritt vorauszuschauen“, so Kompany über seine Reise nach Mailand.
Freitag (20.30 Uhr, DAZN) tritt seine Mannschaft in der Bundesliga auswärts gegen den FC Augsburg an. „Es ist traditionell kein einfaches Spiel für Bayern – die Augsburger haben seit elf Spielen nicht verloren und sehr wenig Gegentore bekommen“, warnt der 38-jährige Kompany seine Spieler. An diesem 28. Spieltag gilt es für die Münchner, den Vorsprung auf Verfolger Bayer Leverkusen aufrechtzuerhalten bzw. auszubauen. Am kommenden Dienstagabend empfangen die Bayern dann im Hinspiel des Viertelfinals der Königsklasse Inter. Es sind enorm wichtige Wochen für die Bayern – die überlagert werden von der Personalie Thomas Müller.
Seit Tagen dreht sich rund um den FC Bayern sehr vieles, beinahe alles um den Weltmeister. Denn es wurde öffentlich, dass der 35-Jährige nach dieser Saison wohl keinen neuen Vertrag mehr bekommen soll. Nach 25 Jahren im Verein, nach über 700 Einsätzen – Müller ist Rekordspieler des Vereins und eines der Gesichter des Klubs. Er würde dem Vernehmen nach gern noch ein Jahr bei den Bayern spielen und soll sich vor den Kopf gestoßen fühlen, weil ihm die sportliche Führung um Sportvorstand Max Eberl und Sportchef Christoph Freund anders als angekündigt bislang kein neues Vertrags-Angebot unterbreitet haben.
Die obligatorische Spieltags-Pressekonferenz des FC Bayern am Donnerstagmittag war daher mit Spannung erwartet worden. Was ist jetzt die Strategie der Bayern in dem sensiblen Fall? Wie werden sie sich äußern? Die Diskussionen um Müller sorgen ausgerechnet in der wichtigsten Phase der Saison für Unruhe – wie beruhigen die Bayern das Ganze? Wie besänftigen sie die Seite Thomas Müller?
Die Pressekonferenz verstärkte den Eindruck: Der FC Bayern hat die Kontrolle über die Personalie Thomas Müller verloren. Sportvorstand Eberl saß neben Kompany auf dem Podium, er vertrat die Klubführung. Und sagte, auf das Thema Müller angesprochen, zunächst lediglich: „Ich werde hier nicht über Thomas sprechen, wir reden mit Thomas. Wenn wir eine Entscheidung getroffen haben, dann geht es nach draußen – und dann wird man es erklären.“ Zudem sagte der 51-jährige Eberl: „Thomas Müller ist eine besondere Personalie, ein großer Spieler des FC Bayern. Weder Thomas noch wir haben etwas zu verkünden. Wir verkünden die Entscheidung, wenn die Gespräche abgeschlossen sind.“
Die dpa schrieb nach Ende der Pressekonferenz: „Eberl mauert bei Müller.“ Ist das angesichts der aktuellen Situation das richtige Vorgehen? Das fragen sich viele rund um den Klub. Und was denkt Müller darüber? Der Spieler äußerte sich zuletzt nicht öffentlich.
Max Eberl: „Vielleicht ist es irgendwann vorbei“
Auf der Pressekonferenz gab es zahlreiche Nachfragen an Eberl. Ein Reporter las dem Vorstand dessen Zitate aus dem vergangenen Januar vor. Da hatte Eberl noch gesagt, das Gespräch mit Müller könnte das kürzeste überhaupt werden. Was sich seitdem geändert hat, erklärte Eberl Donnerstagmittag nicht.
Er sagte, das Thema werde medial derzeit sehr getrieben. „Dieses ganze Vorwegnehmen, wie wir miteinander umgehen, können am langen Ende nur wir einschätzen. Von Außen kann man eine Meinung haben. Man kann aus einer Tendenz eine ganz große Schlagzeile machen. Das ist aber nicht das, was uns behelligt“, so Eberl: „Uns behelligen die Gespräche mit den Spielern intern. Wenn man eine gemeinschaftliche interne Entscheidung getroffen hat, dann geht es nach draußen, und dann wird man das erklären.“
Eberl wurde auch nach der öffentlichen Kritik an ihm und seinem Klub in den vergangenen Tagen gefragt, die auch von ehemaligen Spielern der Bayern wie Thomas Helmer kam. Tenor bei vielen Fans und Experten: Der Umgang des Klubs mit dem Fall Müller ist unwürdig.
Der Vorstand sagte allgemein: „Kritik habe ich viel bekommen, seitdem ich beim FC Bayern bin.“ Er kriege sie „aber gar nicht so mit“. Ihm sei aber zutragen worden, dass es Kritik gebe. „Mein ganzer Fokus liegt auf Bayern München. Auf der Meisterschaft, Champions League, Klub-WM. Das sind die Gedanken, die ich habe.“
Eberl machte deutlich, dass er nicht allein verantwortlich ist: „Trotzdem treffen wir gemeinsam Entscheidungen. Ich sage bewusst ‚wir‘. Es ist nicht Max Eberl, nicht eine One-Man-Show. Es ist ein Klub, in dem man Entscheidungen fällt und diskutiert.“
Eberl wies Vorwürfe, es fehle an Dankbarkeit seitens des FC Bayern gegenüber Müller, zurück. Der Sportvorstand betonte: „Dankbarkeit ist immer da. Ich hatte schon einige Spieler bei meinen vorherigen Stationen, die eine große Ära bei einem Verein geprägt haben. Aber wo man dann irgendwann gemeinschaftlich sagen muss, vielleicht ist es irgendwann vorbei.“
Deutet Eberl das Müller-Aus an? Er sagte weiter: „Aber das tun wir, wenn es wirklich so weit ist. Das Ganze vorwegnehmen und wie wir miteinander umgehen, können nur wir, die damit umgehen, einschätzen. Wenn wir gemeinschaftlich intern eine Entscheidung getroffen haben, werden wir es erklären.“
Zum Ende der Pressekonferenz blickte Eberl nach vielen Fragen zu dem Thema Müller erst zum Pressesprecher, dann zu den Reportern und fragte: „Wie viele Fragen muss ich noch beantworten dazu?“ Er wirkte genervt.
Der FC Bayern schleppt das Thema mit seiner aktuellen Haltung weiter mit sich. Auch am kommenden Wochenende dürfte wieder viel berichtet und spekuliert, Spieler und Verantwortliche dazu befragt werden. Trainer Vincent Kompany kann das nicht gefallen. Den Fokus auf dem Sportlichen zu halten, ist beim FC Bayern derzeit nicht gerade einfach.
Julien Wolff ist Sportredakteur. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren aus München über den FC Bayern und die Nationalmannschaft, war bei der Pressekonferenz Donnerstag an der Säbener Straße und wird beim Spiel gegen Inter im Münchner Stadion sein.
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