In diesem Jahr wird Arminia Bielefeld 120 Jahre alt. Die Geschichte des Traditionsvereins aus Ostwestfalen steht für Dramen, Skandale, für Aufstiege - vor allem aber für Abstiege. Für eines stand sie allerdings noch nie: große Titel. Das jedoch könnte sich ändern. Auch wenn es sich unwirklich anfühlt: Der Drittligist hat mit Bayer Leverkusen tatsächlich auch den vierten Erstligisten aus dem Pokal geworfen – und fährt zum Finale nach Berlin.

Die knapp sechs Kilometer von der Schüco-Arena, der legendären „Alm“, bis in die Innenstadt waren bis weit nach Mitternacht von Fans gesäumt. Sie standen vor den Kneipen, teilweise auf den Straßen, durch die sich im Schritttempo hupende Autos schlängelten. Vor dem Café Europa am Jahnplatz – mitten in Bielefeld – hatte sich eine Menschentraube gebildet: Alle wollten ihre Helden sehen; die Spieler, die das scheinbar Unmögliche möglich gemacht hatten und die nun in dem angesagtesten Klub, den die Stadt zu bieten hat, die Nacht zum Tage machten.

So hatten sie es zumindest angekündigt: Der Plan sei es, „ordentlich die Sau rauszulassen“, hatte Maximilian Grosser erklärt. Dem Innenverteidiger war das Siegtor zum 2:1 (2:1) im Halbfinale gegen Bayer Leverkusen gelungen. Als der Erfolg von historischem Ausmaß dann tatsächlich feststand, brachen die Dämme: Die Fans stürmten den Platz, die Spieler weinten vor Freude. Es war vollbracht: Arminia Bielefeld steht erstmals in ihrer 120-jährigen Vereinsgeschichte im DFB-Pokalfinale.

Bielefeld räumte im DFB-Pokal vier Erstligisten aus dem Weg

In Ostwestfalen herrscht Ausnahmezustand – und der wird noch bis zum 31. Mai anhalten, mindestens. Denn dann wird der Traditionsverein, der von der Ersten Liga direkt bis in die Dritte Liga durchgereicht worden war und im vergangenen Sommer fast in die vierte Liga abgestiegen wäre, im Berliner Olympiastadion tatsächlich um den Pott spielen. Fest steht bereits: Arminia wird dort nicht chancenlos sein.

In der ersten Runde hatten sich die Bielefelder gegen Zweitligist Hannover 96 (2:0) durchgesetzt. So weit, so gut, so weit denkbar. Pokal halt, vieles ist möglich. Dann aber räumte die Arminia mit Union Berlin (2:0), dem SC Freiburg (3:1), Werder Bremen (2:1) und nun auch mit den Leverkusenern vier Erstligisten ab. Das hatte zuvor im Pokal noch keine Mannschaft unterhalb der zweiten Liga geschafft. Alle Triumphe gelangen übrigens, ohne in die Verlängerung gehen zu müssen.

Dabei hatten sie keinesfalls Glück – sie waren stets die klar bessere Mannschaft. Im Fußball wird ja zunehmend bei der Kommentierung von den xGoals gesprochen, den „Expected Goals“, also den zu erwartenden Toren. Der Wert drückt aus, wie hoch die Chance auf das Tor wirklich war und berechnet für jeden Abschluss anhand mehrerer Faktoren einen Wert. Beim Blick auf die Leverkusen-Partie ist das durchaus erhellend. Der Drittligist kam in dieser Begegnung auf 1,34 xGoals, der Tabellenzweite der Bundesliga nur auf 0,95. Relativ gesehen liegen dazwischen annähernd Welten.

In diesem Duell haben die Bielefelder den Doublesieger der vergangenen Saison jedenfalls nie ins Spiel kommen lassen, phasenweise wurde die Mannschaft von Xabi Alonso regelrecht dominiert. Solch einen Hochkaräter hochverdient zu schlagen – das ist sicher eine Sensation. Allerdings keine typische: Bielefeld war, aller vermeintlichen Gesetzmäßigkeiten des Profifußballs zum Trotz, schlicht besser.

Es stimmt: Es ist nicht das erste Mal, dass es ein Drittligist bis nach Berlin geschafft hat – aber noch nie in der Geschichte des Wettbewerbs ist ein unterklassiger Vertreter so verdient ins Endspiel eingezogen. Ende der Durchsage.

Genau deshalb war dieser Abend auf der „Alm“ nicht nur für die in den vergangenen Jahren so gebeutelte Arminia so besonders, sondern für den deutschen Vereinsfußball insgesamt. Denn er zeigte, was eben doch möglich ist, wenn eine Mannschaft, ein Verein und seine Fans an sich glauben: Dann können selbst krasse Unterschiede in Bezug auf Finanzkraft und Marktwerte der Spieler ausgeglichen werden. Wer bereit ist, an seine Grenzen gehen, kann Begeisterung entfachen und Erfolge auch erzwingen. Und dann ist es selbst für einen Klub, der am Boden liegt, möglich, sein Schicksal zu wenden.

Bielefeld machte Fehler – der Klub machte aber auch viel richtig

In dem bierseligen Freudentaumel am Dienstag war dies nachvollziehbarerweise nicht das vorherrschende Thema. Doch die Bielefelder nehmen aus der DFB-Pokalsaison, selbst wenn sie das Finale verlieren sollten, mindestens zwölf Millionen Euro an Prämien, TV-Geldern und Zuschauereinnahmen ein. In etwa also doppelt so viel, wie die komplette Mannschaft kostet. Was lässt sich damit alles anfangen? Sehr viel – wenn man es vernünftig investiert.

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass dies geschehen wird. Denn die Bielefelder haben in den vergangenen Jahren zwar einige Fehler gemacht – sonst wären sie kaum zweimal hintereinander abgestiegen. Sie haben aber auch sehr viel richtig gemacht. Sie sind auf die Wirtschaft zugegangen, haben das „Bündnis Ostwestfalen“ geschmiedet. Sie haben regionale Firmen als Partner gewonnen, sich mit deren Hilfe entschuldet und einen jahrelangen Investitionsstau ausgelöst.

Der Klub verfügt seit einem knappen halben Jahr über ein top-modernes Trainingszentrum. Die Geschäftsführung arbeitet sehr professionell. Im vorletzten Sommer wurde quasi aus dem Nichts und eine fast komplett neue Mannschaft zusammengestellt. Die fährt jetzt tatsächlich nach Berlin – und wird von einer gigantischen Karawane begleitet. Noch in der Nacht gingen die Hotelpreise in der Hauptstadt rund um den Termin des Finales nach oben. Es erweckt für den Moment den Anschein, als ob ganz Ostwestfalen nach Berlin fahren würde.

Sollte die Arminia auch am 24. Mai triumphieren, würde das Team von Trainer Mitch Kniat für ein weiteres Novum sorgen: Noch nie gewann ein Drittligist den DFB-Pokal. Vor der Bielefelder Sensation hatten auch die damals drittklassigen Regionalligisten Hertha BSC II (1993), Energie Cottbus (1997) und Union Berlin (2001) das Finale erreicht.

Herthas Amateure (2:1 im Viertelfinale gegen Nürnberg) und Union (1:0 im Viertelfinale gegen Bochum) besiegten auf dem Weg ins Endspiel allerdings nur einen Bundesligisten. Cottbus schaltete mit Duisburg, St. Pauli und dem KSC immerhin drei Erstligisten aus.

Übrigens: Kurz vor dem Anpfiff kam es am Dienstag zu einem bemerkenswerten Vorgang. Die siegesgewissen Leverkusener Fans griffen tief in die Mottenkiste und brachten ein altbekanntes Spottlied auf den außerhalb seiner Region als etwas provinziell geltenden Verein zur Aufführung: „Ostwestfalen Idioten – scheiß Arminia Bielefeld!“ Es dauerte keine halbe Minute, da retournierte die komplette „Alm“ laut und einvernehmlich: „Ostwestfalen Idioten!“ Im Sinne von: wirklich?

Bielefelder gehen selbstironisch und gelassen mit Häme und Spott um. Wahrscheinlich aus einer gewissen fatalistischen Grundhaltung heraus. Ihre Arminia, so sind sie es seit Generationen gewohnt, gewinnt ja eh keine Titel. Sie könnten sich vielleicht umgewöhnen müssen. Das würde bestimmt nicht leichtfallen – nach 120 Jahren.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke