Es war schon Nacht. Lange nach dem Abpfiff im Hampden Park in Glasgow. Dort hatte Bayer Leverkusen Stunden zuvor das Champions-League-Finale gegen Real Madrid (1:2) verloren – und sein Vize-Triple vollendet. Nach Platz zwei in der Meisterschaft und dem verlorenen Pokal-Endspiel gegen Schalke (1:3) waren die Spieler des Werksklubs im Jahr 2002 auch bei der Übergabe der größten aller Trophäen im Vereinsfußball nur erste Gratulanten – und nicht die Empfänger.

Im exklusiven Fünf-Sterne-Landhotel „Macdonald Crutherland“ südlich von Glasgow war der Ballsaal feierlich geschmückt. Essen stand bereit, Getränke waren gekühlt, eine Liveband spielte. Die Stimmung war trotzdem am Boden – und Vizekusen geboren. Einige Spieler blieben gleich im Foyer, tranken dort Bier, Gin Tonic und Whiskey.

Nur einer schien sich die Laune nicht verderben lassen zu wollen: Trainer Klaus Toppmöller (damals 50). Mit seiner Frau Rosi tanzte er auf der Tanzfläche. Er stieg auf Tische und sang. Als die Band „Marmor, Stein und Eisen bricht“ von Drafi Deutscher spielte, war Toppmöller in Topform.

Die erste Liedzeile formulierte er um, erinnern sich einige Gäste noch heute. Statt „Weine nicht, wenn der Regen fällt“, grölte Toppmöller: „Weine nicht, wenn die Spieler geh'n – dam-dam, dam-dam.“

Es war seine Art, mit dem Schmerz umzugehen. Der Trainer wollte die tolle Saison feiern und nicht die Ergebnisse der letzten Woche als größte Niederlage akzeptieren. Aber er wusste, dass Stars gehen werden und dieser Höhepunkt kein zweites Mal kommt. „In der zweiten Hälfte haben wir gegen Real unser bestes Spiel der Saison gemacht“, sagt Toppmöller heute.

Leverkusen als Europa-Schreck

Dabei gab es allein in der Champions League viele Höhepunkte. In der Gruppenphase hatte sich Leverkusen gegen den FC Barcelona, Lyon und Fenerbahçe Istanbul behauptet. In der Zwischenrunde setzte sich die Mannschaft mit Weltstars wie Michael Ballack (damals 25), Lucio (24) und Zé Roberto (27) gegen La Coruna, den FC Arsenal und Juventus Turin durch. Im Viertelfinale wurde der FC Liverpool geschlagen, im Halbfinale Manchester United.

„Aber Real“, sagt Toppmöller mit Stolz, „haben wir richtig dominiert. Wir haben nur das Tor nicht getroffen.“ Das lag an Iker Casillas. Der spätere Weltklasse-Torwart war gerade 20 Jahre alt und wurde in der 68. Minute für den verletzten Cesar Sanchez (30) eingewechselt. „In dem Moment habe ich mich noch gefreut“, gibt Toppmöller zu.

In den folgenden 22 Minuten ließ der Spanier Leverkusen verzweifeln. Casillas hielt die Führung fest, rettete u.a. heldenhaft gegen Bayer-Stürmer Dimitar Berbatov (damals 21). Trainer Toppmöller erinnert sich: „Wir haben ihn mit unseren Schüssen fast erschossen.“

Sein Torwart Hans-Jörg Butt (damals 27) hatte einen weniger guten Tag erwischt. Das 0:1 nach acht Minuten von Raúl (damals 24) ging auf seine Kappe. Drei Minuten später glich Lucio aus. Kurz vor dem Pausenpfiff traf Zinédine Zidane (siehe Extra-Text) mit einem Volley-Schuss. Ein Traumtor. Aber nicht unhaltbar. „Ich habe das Spiel verloren“, sagte Butt noch in der Nacht zu seinem Torwarttrainer Toni Schumacher (damals 48).

Toppmöller widerspricht nicht. Er ändert aber den Blickwinkel und sagt: „Das ganze Jahr war ein Riesen-Erfolg. Ich konnte die Niederlage verschmerzen, weil ich gesehen habe, wie gut wir gespielt haben.“ Der Fußball, der ganz Europa begeistert hat, ist sein persönlicher Titel. Also stieg er auf den Tisch und sang seine Version von „Marmor, Stein und Eisen“ bricht.

Bayer-Team bricht auseinander

Zwei Tage vor dem Finale in Glasgow am 15. Mai 2002 hatte die Konzern-Spitze der Bayer AG dem Fußball einen Sparkurs verordnet, weil das Unternehmen finanziell in Schieflage geraten war. Der Verkauf von Ballack und Zé Roberto zur nächsten Saison an den FC Bayern war bereits besiegelt. Auffangen sollte Toppmöller die Abgänge mit Top-Talenten wie Jan Simak (damals 23) aus Hannover statt neuen Top-Stars.

Vor dem Anpfiff war das noch weit weg für den Trainer. Er musste seinen Abwehrchef Jens Nowotny (damals 28) ersetzen, der sich in der Schlussphase der Saison verletzt hatte. „Das war der größte Rückschlag“, sagt Toppmöller. Die Mannschaft ließ er das aber nicht spüren. In der Kabine rief er seinen Spielern zu: „Wir sind genauso gut wie die.“ Die – das waren Weltstars: Raúl, Zidane, Figo, Roberto Carlos. Trotzdem forderte Toppmöller: „Spielt frei auf.“

Der Rückstand zur Halbzeit schien die Mannschaft mehr anzustacheln als zu hemmen. Michael Ballack forderte in der Kabine dazu auf, noch einmal alles zu geben. „Vielleicht spielen wir nie wieder ein Champions-League-Finale“, sagte er. Mittelfeld-Kollege Bernd Schneider (damals 28) konterte: „Vielleicht du nicht.“ Ärger gab es nicht. Gemeinsam spielten sie Real an die Wand und verloren gegen Casillas.

Ballack ging zu Bayern, später zu Chelsea. Mit den Engländern stand er 2008 erneut im Finale, verlor gegen Manchester United im Elfmeterschießen. Leverkusen kam nie mehr über das Achtelfinale in der Champions League hinaus. 2024 wurde „Vizekusen“ mit dem Gewinn der ersten Meisterschaft des Vereins beerdigt.

2002 bleibt unvergessen. Besonders für Thomas Brdaric (damals 27). Er stand in der Starelf und wurde schon nach 39 Minuten für Berbatov ausgewechselt. Der Stürmer war fassungslos. Seine Frau Antje tobte auf der Tribüne. Richtig gesprochen hat Toppmöller mit ihm darüber nie. Handeln würde er immer wieder so: „Brdaric hatte mir von Anfang an nicht gefallen in dem Spiel. Ich musste etwas tun. Mit Berbatov war es ein Spiel auf ein Tor.“

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) erstellt und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke