Schwarze Vans standen bereit. Und zwar einige. Noch in der Nacht zum Montag ging es für die meisten Spieler, Trainer und Betreuer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zurück nach Hause. Die Spieler des FC Bayern etwa wurden von Dortmund aus nach Paderborn gefahren, wo ein Flieger wartete, der sie nach München brachte.

In Gedanken durfte ein jeder beim Spiel gegen Italien gewesen sein. Einem verrückten 3:3 (3:0), das der deutschen Elf zwar den Einzug ins Final Four der Nations League bescherte, aber das eben auch ein Spiel der Extreme war – mit zwei Halbzeiten, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: genial und fatal.

„Weltklasse war das, unglaublich beeindruckend“, beschrieb Sportdirektor Rudi Völler gegenüber WELT die ersten 45 Minuten von Dortmund. 45 Minuten, in denen die Mannschaft von Bundestrainer Julian Nagelsmann Erinnerungen an das geschichtsträchtige 7:1 gegen Brasilien von der WM 2014 weckte. So brillant hatte sie gegen Italien gespielt, so demoralisiert hatte sie den Gegner. Dann aber folgte ein zweiter Durchgang, „aus dem man lernen kann“, wie es Völler nannte: „Wer weiß, wie wichtig diese Halbzeit noch für den Entwicklungsprozess wird“.

Joshua Kimmich in seinem 99. Länderspiel per Foulelfmeter (30. Minute), Jamal Musiala (36.) mit einem rotzfrechen Eckentor, das selbst für das TV-Signal zu schnell fiel, und Tim Kleindienst (45.) hatten vor 64.762 zunächst begeisterten, später aber bangenden Fans in Dortmund in der ersten Halbzeit getroffen. Moise Kean (49./69.) nutzte die Ungenauigkeiten in der zweiten Hälfte zum italienischen Signal zur Aufholjagd. Joker Giacomo Raspadori (90.+5) glich ganz spät per Elfmeter aus.

Balljunge wird heimlicher Held des Abends

Sechs Treffer, von denen der zweite – also der von Musiala – allen anderen in den Schatten stellte, weil er so brillant war, so überwältigend: Gianluigi Donnarumma, der Keeper der Italiener, hatte einen Kleindienst-Kopfball ins Toraus gelenkt. Während Kimmich schon zur Ecke eilte, diskutierte Donnarumma noch mit seinen Vorderleuten. Kimmich nahm Blickkontakt mit einem Balljungen auf, der ihm das Leder blitzartig zuwarf. Dann schoss der Kapitän den Ball in den Strafraum, wo Musiala im Rücken der Italiener ins leere Tore traf.

Kimmich räumte nach der Partie ein, gewusst zu haben, dass Donnarumma gern mal diskutierend aus dem Tor laufe: „Man bereitet sich schon ein bisschen auf den Gegner vor. Zufall war es nicht, es war einfach eine schnelle Reaktion von Jamal und mir.“ Und dem Balljungen, einem 15 Jahre alten Schüler, der im Nachgang den Spielball signiert von Kimmich bekam. Dazu noch ein Selfie für die Ewigkeit. Der 15-Jährige bekam auch von Bundestrainer Julian Nagelsmann ein besonderes Lob. „Von allen dreien absolute Weltklasse“, sagte Nagelsmann. Er meinte Kimmich, Musiala – und den Balljungen Noel Urbaniak. Italiens Trainer Luciano Spalletti bezeichnete die Szene im Nachgang als spielentscheidend. „Was uns umgebracht hat, war das zweite Tor“, sagte Spalletti. Er stelle sich immer vor seine Spieler, aber die Aktion sei fatal gewesen.

„Elite Europas ist eingeladen“

Im einst ungeliebten Wettbewerb des europäischen Verbandes Uefa – die Nations League wurde 2018 aus der Taufe gehoben – geht es für die seit dem EM-K.o. gegen Spanien (1:2) in acht Spielen ungeschlagene Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes nun am 4. Juni mit dem Halbfinale weiter. Gegner in München ist Portugal, in Stuttgart steigt das zweite Halbfinale zwischen Frankreich und Spanien. Vier Tage später soll in München der kleine Titel perfekt gemacht werden – quasi als Appetithappen für das große Ziel WM-Sieg 2026. Bundestrainer Nagelsmann hatte zuletzt immer wieder auf die Spanier verwiesen, die 2023 die Nations League gewannen und ein Jahr später den EM-Titel.

Auch in der Gunst der Fans scheint das Team derart auf einem guten Kurs zu sein: In der Spitze schalteten bis zu 10,79 Millionen Zuschauer bei RTL ein. Der Sender erreichte einen Marktanteil von 34,3 Prozent bei im Schnitt rund 9,46 Millionen Zuschauern. Es ist die höchste Quote für ein Länderspiel – die EM-Partien nicht eingerechnet - seit rund einem Jahr.

Nach der Heim-EM im vergangenen Sommer darf sich der DFB-Tross also durchaus auf das anstehende Mini-Turnier im Sommer freuen. „Die Elite Europas ist eingeladen. Es wird ein kurzes Turnier, aber für uns ein sehr, sehr wichtiges Turnier, in dem wir dann positiv abschneiden wollen und hoffentlich auch die Menschen wieder begeistern können“, meinte Kimmich. Sportdirektor Völler sprach von einem „tollen Final Four, das wir in Deutschland jetzt haben“. In den kommenden Tagen will die Uefa bekannt geben, ab wann es Tickets für die Spiele gibt. Wie viele – und zu welchem Preis.

Julian Nagelsmann, das machte er am Sonntagabend deutlich, will die Nations League erfolgreich gestalten. Der Coach wird deshalb auch keine Rücksicht auf die Spieler des FC Bayern und des BVB nehmen, denen nach einer anstrengenden Bundesliga-Saison ein strapaziöser Sommer bevorsteht. Denn auf das Final Four folgt wenige Tage später der Abflug zur Klub-WM, die vom 15. Juni bis 13. Juli in den USA stattfindet.

Das Vereinsturnier wird erstmals im XXL-Format mit 32 Mannschaften ausgetragen. Im Juni findet außerdem noch vom 11. bis 28. Juni die U21-EM in der Slowakei statt, für das auch die DFB-Junioren mit einigen Bayern- und BVB-Profis qualifiziert sind. Konflikte zwischen Vereinen und Verbänden sind programmiert.

„Brutale Belastung“

Nagelsmann möchte in der Nations League in Bestbesetzung antreten. Auf die Frage, ob er mit Blick auf die Klub-WM Rücksicht auf die Bayern und den BVB nehmen könne, sagte er nach dem Spiel gegen Italien: „Bei so einem Turnier kann man keine Rücksicht nehmen. Ich glaube, das versteht auch jeder. Ich glaube, alle Vereinstrainer, die die letzten eineinhalb Jahre beobachtet haben, wie wir an die Sache gehen, sehen schon, dass wir vieles probieren, um die Spieler in einem gesunden Zustand zurückzubringen.“

Die Vereinstrainer wüssten, dass er keiner sei, „der die Scheuklappen unten hat“ und auf die Gesundheit der Spieler keine Rücksicht nehme. Aber das Final Four sei eben auch ein Turnier um einen Titelgewinn für die Nationalmannschaft. „Das werden die Spieler auch gerne spielen wollen, weil sie es sich erarbeitet haben. Die Klub-WM ist eine brutale Belastung. Mehr sage ich dazu nicht.“

Zumindest zu diesem Thema nicht. Immerhin aber ließ der Bundestrainer mit Blick auf die zweite Hälfte, in der die deutsche Elf merklich abbaute, teils fahrlässig agierte und zu spüren bekam, dass es gegen einen Top-Gegner schwierig wird, wenn man nicht maximal gierig agiert, am Sonntag noch Folgendes wissen: Die Auswechslungen von Leon Goretzka und Antonio Rüdiger seien reine Vorsichtsmaßnahmen gewesen. Goretzka habe seit längerem Oberschenkelprobleme, erklärte Nagelsmann. Eine Spielzeit von rund 60 Minuten sei abgesprochen gewesen. Akut verletzt sei der 30-Jährige aber nicht. Bei Rüdiger habe man Rücksicht auf dessen seit Längerem herrschenden Probleme an der Patellasehne genommen.

Insbesondere durch die Herausnahme von Goretzka (63.) und Rüdiger (77.) hatte die deutsche Elf an Stabilität verloren. Den Stuttgarter Angelo Stiller (63.), erklärte Nagelsmann, habe er beim Stand von 3:1 vor einer möglichen Gelb-Roten-Karte und damit vor einer möglichen Sperre im Finalturnier bewahren wollen. Insgesamt gab es fünf Wechsel bei der deutschen Elf.

Wenige Tage vor dem Halbfinale gegen Portugal wird Nagelsmann seine Spieler wieder um sich herum versammeln. In der Zwischenzeit stehen für alle noch harte Prüfungen in ihren Klubs an. Und bis zum Wiedersehen werden sie sicherlich auch verinnerlicht haben, dass es zum ganz großen Wurf nur reicht, wenn ein Spiel über die volle Distanz willens und zielstrebig bestritten wird.

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