Immer, wenn die Kritik an seinen Entscheidungen besonders laut wird und sich die Diskussionen in den englischen Medien aufheizen, hat Thomas Tuchel ein Ritual. „Ich lege dann mein Handy weg und versuche, möglichst wenig zu lesen“, verriet der neue Nationaltrainer der „Three Lions“ vor seinem Debüt an diesem Freitag im Wembley-Stadion gegen Albanien (20.45 Uhr). Wenn es danach geht, könnte er sein Handy bald kaum noch in der Hand halten – denn schon zum Start gibt es richtig Zoff.

„Wir brauchen keinen Thomas Tuchel, sondern einen Patrioten, für den das Land an erster, zweiter und dritter Stelle steht“, ätzte die „Daily Mail“, kurz nachdem der englische Verband am 16. Oktober 2024 bekannt gegeben hatte, dass der 51-jährige Nationalcoach wird.

Im Februar warf die „Times“ dem Deutschen vor, er würde zu oft von München aus arbeiten und gehe zu weit weniger Spielen als Vorgänger Gareth Southgate, der pro Woche mit seinem Team bis zu fünf Partien live im Stadion sah. Auf diesen Wert kommt Tuchel tatsächlich nicht.

Telefonate mit 55 Spielern

Wahr ist aber auch: Tuchel sah in seinen ersten zehn Wochen im Amt 23 Spiele live. Dabei reiste er u. a. auch zu Kyle Walker (AC Mailand) nach Italien und konnte so jeden der 26 Spieler, die er jetzt einlud, mindestens einmal vor Ort sehen. In München soll er dagegen nur dreimal gewesen sein, um seine beiden Töchter aus der Ehe mit Ex-Frau Sissi zu besuchen.

Ansonsten lebt Tuchel in London, ist meist von Montag bis Donnerstag in der Verbandszentrale St. George’s Park in der Nähe von Birmingham. Er telefonierte zudem mindestens einmal mit allen 55 Spielern seiner erweiterten Kaderliste. „Ich kann den Sinn der Story nicht ganz verstehen“, sagt Tuchel über die Vorwürfe der „Times“.

Aber er weiß um die genaue Beobachtung seiner Arbeit. Als ihn während der Pressekonferenz seiner ersten Kadernominierung eine ARD-Reporterin fragte, ob er eine Antwort auf Englisch und Deutsch geben könne, lehnte er ab: „Ich würde gerne nur auf Englisch antworten – aus Respekt, wo wir sind und gegenüber all den anderen.“

Die anderen – das sind auch die englischen Fans und Reporter, die ein Problem damit haben, dass kein Engländer, sondern ein Ausländer die Nationalelf trainiert. Die genau darauf achten werden, ob er vor Anpfiff die Hymne „God save the king“ singen wird oder nicht. Vom Verband (FA) ist zu hören, dass die Ablehnung weniger mit Tuchel selbst, sondern mehr mit der Trainer-Entscheidung der FA zu tun habe.

Die Bosse stützen Tuchel öffentlich. „Er hat schon einen brillanten Einfluss. Wir sind sehr froh mit ihm“, sagt Verbands-Geschäftsführer Mark Bullingham. Thronfolger Prinz William, Schirmherr der FA, lud Tuchel bereits nach Windsor ein und erklärt: „Ich verstehe die Debatte, ob ein Nationaltrainer Engländer sein muss. Aber für mich sollte es die beste Person für den Job sein – und Thomas ist genau der Richtige.“

Auch der Boss an der Bank hat die leichte Brisanz der Personalie durchaus erkannt.„Mir ist absolut bewusst, dass es etwas Besonderes ist, als ausländischer Trainer diese Mannschaft coachen zu dürfen.“ Er werde zeigen, dass er den Job verdiene, kündigte der Coach selbstbewusst an.

Tuchel, der bis zur Kader-Bekanntgabe nur ein Interview mit der offiziellen Uefa-Website führte, hat auch im Kader Baustellen: Mit Angreifer Bukayo Saka (FC Arsenal) oder Abwehrmann John Stones (Manchester City) sind Schlüsselspieler verletzt. Dass er nach längerer Pause den Ex-Liverpooler Jordan Henderson (Ajax) zurückholte, sorgt für Diskussionen in England. Insider sind zudem erstaunt, dass kein Profi des Überraschungs-Dritten Nottingham dabei ist. Ebenso wenig Harry Maguire (Manchester United), dessen Trainer Rúben Amorim öffentlich für eine Nominierung warb.

Auch die Berufung des häufig verletzten Reece James (Chelsea) und die von Marcus Rashford, der bei Aston Villa langsam wieder in Form kommt, sind in England umstritten. „Ich wäre überrascht, wenn niemand überrascht wäre“, reagierte Tuchel fast amüsiert. „Und ich finde, die Debatte gehört zum Job dazu.“ Er selbst habe mit seinem Team, dem seine langjährigen deutschen Assistenten Zsolt Löw und Arno Michels nicht mehr angehören, emotionale und hitzige Diskussionen geführt. „Es gab einige sehr, sehr knappe Entscheidungen – und einige Spieler sind nicht im Kader, obwohl sie genug geleistet haben und es verdient hätten.“ Namen nannte er nicht, aber Conor Gallagher (Atlético Madrid) und Morgan Gibbs-White (Nottingham Forest) dürften dazu zählen.

Die Hierarchie hinter Kane ist offen

Die Zeit drängt. Nur sechs Abstellungsperioden und insgesamt rund 60 Tage hat Tuchel für die Mannschaft bis zur WM 2026 zusammen. Wie die Hierarchie hinter Kapitän Harry Kane geregelt ist, ist noch weitgehend offen. Ex-Nationalspieler und CBS-Experte Jamie Carragher legt Tuchel Real-Superstar Jude Bellingham ans Herz, sagte bei „Sport Bild“: „Ich denke, dass er dafür bereit ist. Die Mannschaft ist jetzt seine und nicht mehr Harry Kanes wie unter Southgate. Da wurde das Team um Kane aufgebaut. Bellingham ist jetzt der klare Star. Er spielt beim größten Klub der Welt. Ich traue es ihm zu, dass er England zum Titel im größten Wettbewerb führt.“

Tuchel muss in seinem neuen Job einen schwierigen Spagat bewältigen. Er muss sofort Ergebnisse auf dem Platz liefern, um die Fans auf seiner Seite zu haben und – noch wichtiger – die WM-Qualifikation der Three Lions zu sichern. Doch dabei muss er auch eine Mannschaft für das Turnier im Sommer 2026 aufbauen und Spieler mit Perspektive ins Team integrieren. „Die Nominierung ist keine Nominierung für Amerika“, sagte der Coach mit Blick auf seinen ersten Kader. Gleichzeitig betonte er, dass jeder Spieler, der jetzt dabei sei, die Chance habe, auch in anderthalb Jahren mit dem Team zur Weltmeisterschaft zu fahren.

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Southgate, dessen auf Sicherheit bedachter Fußball unter Fans umstritten war, kündigte er einen direkten, offensiven Stil mit mehr Tempo und Intensität an. „Ich finde, wir sollten den Mut haben, wie eine echte englische Mannschaft zu spielen“, sagte Tuchel. „Unser Spiel sollte die Werte des Landes widerspiegeln – und die der besten Liga der Welt, der Premier League.“

Die Euphorie im Mutterland des Fußballs ist gedämpft. Bis zum Wochenende war das Wembley-Stadion für das zweite Qualifikationsspiel gegen Lettland am Montag noch nicht ganz ausverkauft.

Am Ende hilft Tuchel nur eins: Spiele gewinnen. Sonst wird er sein Handy bald weit weglegen können.

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