Für die Rückkehr auf die größte Fußball-Bühne Europas hatte sich der Hamburger SV vor 25 Jahren so richtig in Schale geworfen. Die Mannschaft und das Trainer-Team wurden mit schicken dunkelblauen Anzügen ausgestattet. Das neue Volksparkstadion war nach einem zweijährigen Umbau rechtzeitig fertiggestellt worden und mit 48.500 Zuschauern ausverkauft. Auf einem großen Fan-Banner stand: „Die Legende ist zurück.“ Weltweit wurde das Spiel gezeigt – sogar ESPN in den USA oder das japanische TV hatten seine Reporter geschickt.
Alles war angerichtet für die erstmalige Champions-League-Teilnahme. Zumal der Gegner Juventus Turin hieß – gegen den die Hamburger 17 Jahre zuvor den größten Erfolg in der Vereinsgeschichte gefeiert hatten: Durch einen 1:0-Triumph in Athen hatten sie sich am 25. Mai 1983 im Vorgänger-Wettbewerb, dem Europapokal der Landesmeister, den Henkel-Pott gesichert. Dieses Spiel war in die Geschichtsbücher eingegangen. Wie auch das 4:4 vom 13. September 2000 – das bis heute als Jahrhundert-Spiel des HSV tituliert wird.
„Das Wort ‚sensationell‘ reicht nicht, um dieses Spiel zu beschreiben, aber ich kenne kein anderes. Eindrucksvoller hätte man sich auf internationaler Ebene kaum zurückmelden können“, sagt Holger Hieronymus (66), der damalige Sportchef und als erfolgreicher Libero einer der Athen-Helden, über das HSV-Comeback. Weil Hamburg überraschend in Europas Königsklasse eingezogen und als klarer Underdog in das Duell gegen die Turiner-Weltauswahl – gespickt mit Superstars wie Zinédine Zidane, Alessandro Del Piero, Filippo Inzaghi oder Edgar Davids – gegangen war.
Neue Trainer-Generation in Deutschland
Um darauf vorbereitet zu sein, überließ der damalige Trainer Frank Pagelsdorf (67) nichts dem Zufall. Unter ihm fand der HSV nach seiner Verpflichtung 1997 zu dem attraktiven Fußball zurück, der ihn Anfang der 1980er-Jahre zum führenden Verein in Europa gemacht hatte. Das Spielsystem Pagelsdorfs, der in seiner Hochphase beim sechsmaligen Deutschen Meister stets drei Angreifer aufgeboten hatte, stand für eine neue Trainer-Generation in Deutschland.
Er ließ Juventus intensiv scouten. Doch seinerzeit gab es nicht die vielen Experten im Trainer- und Betreuerstab sowie die technischen Voraussetzungen wie in der heutigen Zeit. Moderne Video-Schulung vor einer großen Leinwand mit einzeln zusammengeschnittenen Spielsequenzen für die Spieler? Fehlanzeige.
Für Pagelsdorf war vor allem Gerd Kleimaker für die Spielbeobachtung des Gegners zuständig. Dabei war der studierte Facharzt für Nuklearmedizin nebenbei auch als Reha-Trainer beim HSV tätig. Er schaute sich Juventus zweimal live an, gab die wichtigsten Informationen in einem Protokoll an seinen Chef weiter und entschlüsselte Juve. Dazu hatte Pagelsdorf die Angewohnheit, die letzten zwei Spiele des jeweiligen Gegners immer auf VHS-Kassetten in kompletter Länge anzuschauen, um sich ein Bild zu machen.
Das tat er auch einen Abend vor dem Juve-Spiel auf seinem Zimmer im Mannschafts-Hotel Treudelberg mit seinem Assistenten Armin Reutershahn (64). Es wurde der finale Taktik-Plan geschmiedet, und das Duo legte sich fest – mit Ausnahme eines Wechsels –, der Elf das Vertrauen zu schenken, die in der Saison 1999/2000 für die Qualifikation für die Königsklasse und somit den größten Erfolg der Vereinsgeschichte seit dem DFB-Pokalsieg 1987 verantwortlich war: im Tor Jörg Butt (heute 50), in der Verteidigung Andrej Panadic (55), Nico-Jan Hoogma (56), Ingo Hertzsch (47), im Mittelfeld Martin Groth (55), Niko Kovac (53), Bernd Hollerbach (55), Rodolfo Cardoso (56). Nur im Angriff gab es eine Änderung: Neben Anthony Yeboah (58) und Mehdi Mahdavikia (47) stürmte Zugang Sergej Barbarez (53) für Roy Präger (53).
Am Spieltag gab es während der Sitzung die letzten Anweisungen für die Mannschaft. Pagelsdorf hatte die wichtigsten Erkenntnisse aus seiner Gegner-Analyse auf einen Zettel geschrieben und vorgetragen. Dabei bekam Kovac einen Sonderauftrag. Er sollte Welt- und Europameister Zidane ausschalten – was ihm ordentlich gelang.
Elfmeter-Held Butt
Doch die Partie begann mit einem Schock für den HSV: 0:1 nach sechs Minuten durch Tudor. Zwar glich Yeboah in der 16. Minute aus. Doch kurz nach der Pause schien alles verloren: 1:3 durch einen Doppelpack von Inzaghi (36. und 52.). Aber der HSV schlug zurück. Und vor allem Mahdavikia spielte groß auf. Er verkürzte in der 65. Minute auf 2:3. Holte keine 180 Sekunden später einen Foulelfmeter raus. Der Volkspark explodierte. „Butt, Butt, Butt“, skandierten die HSV-Fans lautstark. Der Torhüter genoss aufgrund seiner sicheren Elfmeter-Quote Kultstatus in Hamburg.
Der gebürtige Oldenburger verwandelte in der 69. Minute gegen Turins Keeper Edwin van der Sar (54) sicher. Mit rechts ins linke untere Eck. Vor der Nordtribüne, wo die Hamburger Hardcore-Fans ihre Plätze haben. Bisher hatten die Hanseaten als unterkühlt gegolten. Das Wetter damals war entsprechend: 16 Grad, Nieselregen an jenem Spätsommer-Tag. Doch die Stimmung kochte nach dem Ausgleich, weil der HSV Fußball mit Herz zeigte.
Selbst die Edel-Fans waren außer sich vor Freude und schmissen nach dem Ausgleich ihre Sitzkissen auf den Rasen – was dem HSV eine Geldstrafe der Uefa bescherte. Als Kovac in der 82. Minute sogar der 4:3-Führungstreffer gelang, explodierte Hamburgs neuer Fußball-Tempel. Der in der 46. Minute für Hollerbach eingewechselte Marcel Ketelaer (47), der über links Dampf machte, schwärmt noch heute von der Stimmung: „Die Atmosphäre war atemberaubend. Ich erinnere mich an eine Situation, da stand Rodolfo Cardoso nur fünf Meter neben mir. Ich habe geschrien wie ein Geisteskranker – der hat mich nicht gehört.“
Blackout nach der Führung
Gleichwohl reichte es nicht zur Sensation – obwohl Turins Mittelfeld-Abräumer Davids nach der Partie respektvoll konstatierte: „Die Aufholjagd war ein typisches Beispiel, wie man gegen die Deutschen nicht spielen darf. Wenn die einmal Blut geleckt haben, ist alles vorbei.“ War es aber nicht für die Italiener. Weil Barbarez in der 88. Minute einen Blackout hatte und im eigenen Strafraum am Trikot von Inzaghi zupfte – und der fiel: Strafstoß für Juve. Diese Chance ließ sich der Angreifer nicht nehmen und erzielte seinen dritten Treffer. Die Enttäuschung bei den Spielern und Verantwortlichen des HSV war groß.
Mahdavikia war so niedergeschlagen, dass er den Trikot-Tausch mit Zidane verpasste. „Ich war so sauer, ich wollte nur noch meine Ruhe. Ich erinnere mich, wie Zidane an mir vorbeiging, ich aber auf dem Boden saß, und er stattdessen das Trikot mit Stig Tøfting tauschte“, sagt der Iraner.
Doch die Frustration hielt nicht lange an. Denn eine ganze Stadt entdeckte eine alte Liebe neu: den HSV. Noch im Stadion skandierten sie „oh, wie ist das schön, so etwas hat man lange nicht gesehen“. Es herrschte eine neue Euphorie um den Traditionsklub.
Als zwölf Stunden nach dem Krimi gegen Juventus Pagelsdorf auf dem Trainingsgelände Ochsenzoll in Norderstedt erschien, wurde er von den Fans mit Applaus empfangen. Seine Spieler – mit Ausnahme von Angreifer Yeboah, der bereits ab 9.00 Uhr im Sitzungssaal des Frankfurter Landgerichts saß und sich wegen Steuerhinterziehung verantworten musste – liefen sich die Müdigkeit aus den Beinen.
Müde sah auch Pagelsdorf aus. Der Coach hatte leicht gerötete Augen. Denn nach so einem Abend schlief er immer schlecht oder gar nicht. Dieses Mal musste Pagelsdorf mit rund drei Stunden auskommen. Er schaute sich in der Nacht nochmals das 4:4 gegen den Top-Favoriten an und kam zu der Erkenntnis: „Imponiert hat mir die mannschaftliche Geschlossenheit. Es war phänomenal.“
Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) geschrieben und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.
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