Sie sind klein, achtbeinig und in Deutschland auf dem Vormarsch: Zecken. Die eher ungebetenen Mitbringsel von Spaziergängen treten seit Jahren immer häufiger auf. Mit dem Stich einer Zecke wie dem gemeinen Holzbock können Krankheiten wie Borreliose oder Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) übertragen werden.

Die FSME-Infektion aber wird oft als Sommergrippe abgetan – oder ganz übersehen. Das liegt neben der schwierigen Diagnose am zweiphasigen Verlauf der Erkrankung. Denn erst sieben bis zehn Tage nach dem Zeckenstich leiden die FSME-Infizierten unter grippeähnlichen Beschwerden wie Fieber und Gliederschmerzen. Selten werden die dann noch mit dem Stich der Zecke in Verbindung gebracht. Erst dann bricht aber im Ernstfall die Hirnhautentzündung aus. Mitunter mit tödlichem Ausgang.

„Es gibt Risikofaktoren, die den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen können“, erklärt Ute Mackenstedt, Leiterin des Fachgebiets für Parasitologie an der Universität Hohenheim. Dazu gehören Diabetes, aber auch die Stärke des Immunsystems – und das Alter.

Ab dem vierzigsten Lebensjahr steigen die FSME-Fälle deutlich an, Männer sind häufiger betroffen als Frauen. 2023 Jahr starben drei Menschen in Deutschland an der Virusinfektion, alle waren über 50 Jahre alt. „Doch auch bei Kindern ist eine FSME-Infektion, anders als lange geglaubt, nicht immer trivial“, so Mackenstedt. Auch bei ihnen könnten schwere Verläufe auftreten.

Das Schwierige dabei: Symptome entwickelt nicht mal ein Drittel der Infizierten. Doch selbst bei typischen Anzeichen wird die FSME-Infektion oftmals nicht erkannt. Für die Diagnose nutzen Ärzte daher nicht zuletzt die Information, ob die Patienten sich in einem vom Robert Koch-Institut (RKI) definierten FSME-Risikogebiet aufgehalten haben. Diese Risikogebiete gibt das RKI jährlich heraus, nach Landkreisen farblich gegliedert.

Die Karte allerdings habe zwei Probleme, warnt Mackenstedt. Sie zeige nur die Häufigkeit der auftretenden FSME-Erkrankungen. „Das wird oft falsch verstanden.“ Nur weil Bereiche vom RKI nicht gekennzeichnet sind, bedeute das nicht, dass es dort keine Zecken gibt oder keine FSME. Das aber führe zum zweiten Problem: Die Ärzte gingen häufig davon aus, dass es außerhalb der Risikogebiete keine FSME gäbe. „Das ist falsch“, warnt Mackenstedt. Eine Ärztin, die von Baden-Württemberg nach Magdeburg gezogen sei, habe dort aufgrund ihrer Vorerfahrungen eine FSME-Erkrankung diagnostizieren können, obwohl Magdeburg nicht im Risikogebiet liegt, berichtet sie.

Fünf Prozent der Fälle nicht aus Risikogebieten

Genau solche Fälle beunruhigen Experten – und weisen auf Schwächen der RKI-Karte hin. „Das führt zu einem Bestätigungsfehler“, warnt Gerhard Dobler, Leiter des Nationalen Konsiliarlabors für FSME. Medizinisches Personal suche bei Symptomen deshalb oft nur in den Gebieten nach dem FSME-Virus, die vom RKI als Risikogebiete eingestuft wurden.

FSME ist in Deutschland meldepflichtig. Genau darauf ist das RKI auch angewiesen. Es berechnet daraus die Häufigkeit der Fälle und erstellt seine Karte – auf die sich wiederum die Ärzte stützen. Ein Zirkelschluss. Risikogebiete werden in der RKI-Karte nur Landkreise, die mehr als einen Fall je 100.000 Einwohner haben. „Etwa drei bis fünf Prozent aller an das RKI gemeldeten Fälle kämen jedoch aus Regionen, die laut RKI eigentlich gar keine Risikogebiete sind“, berichtet Mackenstedt.

Für den Virologen Dobler ist deshalb ganz Deutschland ein Risikogebiet: „Auch eine niedrige Inzidenz ist nicht gleich null.“ Dass durch die Karte Fälle nicht diagnostiziert werden, belegt etwa eine Studie seines FSME-Konsiliarlabors. Darin hatten sie anhand von Blutspenden untersucht, wie viele der Spender geimpft sind – und wie viele sich mit FSME infiziert haben.

Dobler und sein Team entwickelten einen Test, der unterscheiden kann, ob eine Person Antikörper durch eine Infektion oder eine Impfung gebildet hat. Den wendeten sie wiederum im Ortenau-Kreis im Süden Baden-Württembergs an. „Dort weisen viel mehr Menschen den Infektions-Marker auf, als tatsächlich dem RKI gemeldet wurden“, berichtet Dobler. Es gab dort demnach deutlich mehr Infektionen als bisher angenommen.

Dobler sagt: „Alle Risikoberechnungen, die vom RKI gemacht werden, sind damit falsch.“ Auch die Geimpften und früher Infizierten müssten abgezogen werden, da sie gar kein Infektionsrisiko mehr aufweisen. „Dann lägen die Inzidenzraten nochmal deutlich höher.“ Sprich, das Verhältnis aus Infizierten und Nicht-Infizierten.

Falsche Risikoabschätzung hin oder her – die steigende Zahl an FSME-Fällen erklärt sie trotzdem nicht. Insgesamt verzeichnete das RKI im vergangenen Jahr in Deutschland 686 FSME-Fälle – 44 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Nach einem Rekord im Jahr 2020 mit 718 Fällen war 2024 das Jahr mit den zweithöchsten Fallzahlen. Zeckenjahre wie 2020 traten früher nur alle drei bis vier Jahre auf, inzwischen eher alle zwei Jahre.

Nach dem Spaziergang gründlich absuchen

Die genauen Ursachen für die steigenden Zahlen sind bislang noch unklar. Ein entscheidender Grund könnte jedoch der Klimawandel sein. „Früher haben Zeckenzyklen drei Jahre gedauert, inzwischen sind es nur noch zwei“, erklärt Dobler. Auch die Lebensumstände der Wirte, darunter der Rötelmaus, hätten sich verändert. Durch wärmeres Wetter könnte es mehr Futter geben – und damit mehr Wirte für die Zecken, um sich zu vermehren.

In diesem Jahr könnten die Fallzahlen weiter steigen, schon jetzt gibt es erste bestätigte FSME-Fälle. Angesichts des milden Wetters sind die Zecken bereits aktiv. Allein in Mecklenburg-Vorpommern meldete das RKI bereits 32 Borreliose-Fälle. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres seien es 25 Infektionen gewesen. Dobler spricht deshalb inzwischen von einer stillen Pandemie, europaweit. „Wir merken das nur nicht, weil wir damit und darin leben“, meint Dobler. Auch Infektionszahlen für andere Krankheiten, die über Zecken übertragen werden, steigen an, Borreliose zum Beispiel.

Experten mahnen angesichts der beginnenden Gartensaison zur Vorsicht. Die Gefahr, sich durch Zeckenbisse zu infizieren, steige mit zunehmender Aktivität in der Natur. „Wer die ersten milden Tage für Ausflüge in die Natur oder die Arbeit im Garten nutzt, sollte sich, die Kinder und auch Haustiere anschließend auf Zecken untersuchen“, empfiehlt der Landesgeschäftsführer der Barmer in Mecklenburg-Vorpommern, Henning Kutzbach.

Wer eine Zecke auf seiner Haut findet, könne sie mit einer Zeckenkarte oder einer feinen Pinzette entfernen. So lasse sich das Infektionsrisiko mit Borreliose verringern. Sollte es bereits zum Stich gekommen sein, sollte die Einstichstelle beobachtet werden. Bilde sich eine ringförmige Hautrötung, sollten Betroffene die Hausärztin oder den Hausarzt aufsuchen. Dies könne ein Anzeichen für Borreliose sein.

Einen weitgehend sicheren Schutz gegen eine FSME-Infektion bietet die Impfung. Zwei Studien zeigten, dass die Effektivität bei drei oder mehr Impfdosen im richtigen Zeitabstand bei fast 97 Prozent liegt. Die Impfquote ist in Deutschland jedoch seit Jahren rückläufig. 2013 waren 20,5 Prozent der Deutschen geimpft, 2022 nur noch 19,6 Prozent. In den vom RKI ausgeschriebenen Risikogebieten liegt die Impfquote deutlich höher als im Rest Deutschlands. Spitzenreiter ist der thüringische Saale-Holzland-Kreis, hier sind immerhin 36,8 Prozent der Bevölkerung geimpft.

Neben fehlender Impfpasskontrolle bei den Checkups vermutet Dobler dahinter auch einen Zusammenhang zum Urlaub. „Die Menschen schauen vor ihrem Urlaub in Deutschland vielleicht eher auf die RKI-Risikokarten und stellen fest, dass es in ihrer Urlaubsregion viele FSME-Fälle gibt.“ Sie entschieden sich für eine erste Impfung. „Nach dem Urlaub gerät das in Vergessenheit.“

Dabei ist die Impfung sehr effektiv, Impfdurchbrüche bei einer vollständigen FSME-Immunisierung sind selten. 98 Prozent der vom RKI registrierten Erkrankten waren nicht oder nicht ausreichend geimpft. Wichtig ist dafür jedoch, dass alle drei notwendigen Impfdosen gegeben wurden. Zwischen den drei Impfungen sollen nach dem Impfschema des RKI bestenfalls mehrere Monate vergehen, nach den drei Impfungen ist nur noch eine Auffrischungsimpfung nach einem Jahr und dann, abhängig vom Alter alle fünf Jahre notwendig, ab dem fünfzigsten Lebensjahr alle drei Jahre.

Virologe Dobler rät daher schon im Spätsommer und Herbst mit den Impfungen zu beginnen, damit der komplette Schutz rechtzeitig zur Zeckensaison im kommenden Jahr vorhanden ist. Doch auch der Winter bietet keinen Zeckenschutz mehr: „Zecken als Überträger der FSME-Viren sind inzwischen ganzjährig aktiv“, warnt Mackenstedt.

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